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Ich bin zwei Brücken

Gesamtansicht mit Rundumblick auf den Hafen und die Ostsee.
Gesamtansicht mit Rundumblick auf den Hafen und die Ostsee.
Es ist eine zweiteilige Brücke, die in Sassnitz vom hochgelegenen Ortskern hinab ans Wasser führt. Die Elemente zum Bau einer solchen Brücke sind bekannt, man kann sie aufzählen wie die Teile eines Hängebrücken-Baukastens: Mast, Mastfuß mit Kugelkalotte und Mastfundament mit Kugelkopf, Abspannseile und dazu gehörige Abspannfundamente mit Bügelböcken, Pfahlgründungen. Mastkopf mit Laschen und aufgeschweißten Augenblechen zum Einhängen der Tragseile, deren Enden als Gabelseilhülsen ausgebildet sind. Und an den Tragseilen dann, mit Seilklemmen angeschlossen, die einzelnen Hängerseile.  Hat man alles schon mal so oder so ähnlich gesehen, weitgehend mit baugleichen Details. Also nichts Neues in Sassnitz? Doch!
Blick vom Rügenhotel zum alten Glasbahnhof.
Blick vom Rügenhotel zum alten Glasbahnhof.
Bereits die Ausgangssituation ist alles andere als gewöhnlich. Hier galt es, die Oberstadt von der Klippenkante aus mit der gut zwanzig Meter tiefer liegenden Unterstadt zu verbinden. Und das wurde für ein schlankes Brückenband genutzt, das sich in eleganter S-Kurve – den Möwen näher als dem Boden – durch die Luft windet, um schließlich beim »Glasbahnhof« zu landen, dem schönsten, mittlerweile aber nicht mehr in der ursprünglichen Funktion genutzten Gebäude im Sassnitzer Hafen.
Die Brücke ist vor allem Stadtbalkon, Wandelgang, Promenade. Mit Weitblick auf den Hafen, die Schiffe, die Ostsee. Und dank der einseitig aufgehängten Kreisringträger-Konstruktion kann das Panorama ungestört rundum blickend genossen werden. Unterstützt wird dieses kluge Spiel mit den Möglichkeiten der Konstruktion noch durch ein effektvolles Detail: Das Geländer scheint nur aus dem Handlauf zu bestehen, einem dünnen, wie berührungslos durch die Luft führenden Edelstahlrohr mit integrierter Beleuchtung. Und dazwischen: A pretty o’nothing. Ein straff gespanntes, engmaschiges Netz, transparenter als Glas es je sein könnte. Beides zusammen verleiht der durch und durch soliden Brücke einen Hauch von unerhörter Schwerelosigkeit – und hebt sie damit weit heraus aus der Vielzahl schon gesehener, eben doch nur irgendwie ähnlicher Brücken.
Die Seilbrücke in klassischer Aufwärts-Perspektive.
Die Seilbrücke in klassischer Aufwärts-Perspektive.
Wäre die Brücke von Ufer zu Ufer gespannt worden, wäre vielleicht ein zweiter Mast und ein in die andere Richtung gegenschwingender Kreisringträger ins Spiel gebracht worden. Hier war das nicht nötig – und wegen der freien Sicht auf die Ostsee auch nicht erwünscht. Ab der halben Höhe etwa verläuft das Brückenband im Gegenschwung auf vielen spindeldürren Rundstützen als Rampenbrücke weiter abwärts. Dieser Brücken-Anlauf kann es mit der Eleganz der Hängebrücke durchaus aufnehmen, wäre ohne die unvermeidlichen, hier aber besonders wehrhaft geratenen »Anprall-Bollwerke« aber um einiges besser zur Wirkung gekommen.
Wilfried Dechau
Fußgängerbrücke
„Balkon zum Meer“
2007

Vom Rügenplatz zum
Stadthafen in Sassnitz

Auftraggeber
Stadt Sassnitz

Form und Tragwerk
Schlaich Bergermann und Partner
Andreas Keil
Mike Schlaich

Projektleiter
Sebastian Linden
Knut Stockhusen

Bauleitung
Architekturbüro
Hartmut und Ilona Pieper
Binz

Kenndaten
Seilbrücke 119m
(Länge/Spannweite)
Rampenbrücke 10 x 12m
(Länge/Spannweite)
Überbau 3,00m Breite

Baukosten
Ca. 3.750.000,- Euro

Fotografie
Wilfried Dechau

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