Im hellen Licht

Das Stuttgarter Büro Kaestle&Ocker Architekten hat die Aussegnungshalle und das Aufbahrungsgebäude des Waldfriedhofs Heidenheim an der Brenz saniert und umgebaut. Marcus Kaestle sprach mit uns über die Annäherung an dieses besondere Bauthema.
Blick Richtung Osten auf die in ihrer äußeren Gestalt unveränderte Anlage
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Marcus Kaestle: Die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod. Wir mussten uns fragen, welcher Raum, welche Stimmung für das Abschiednehmen angemessen ist? Wie sich das Unbeschreibliche interpretieren lässt, und welche Atmosphäre dafür die „richtige“ ist? Findet die christliche Symbolik und Handlung ihren Raum oder ist das Abschiednehmen ein ritueller, profaner Akt? Es gibt keine verbindlichen, sondern nur individuelle Antworten auf diese Fragen. Unsere Aufgabe bestand also darin, einen Raum zu schaffen, der ohne festgefügte Bilder zur Verbesserung des Bestehenden beiträgt, der Interpretationsspielräume lässt und der eine feierliche, geborgene, zurückhaltende Atmosphäre hat.
Hauptzugang mit Ausrichtung auf den neuen Innenhof
Raumdiagonale
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
In die vorhandene Struktur des Gebäudes gab es nur einen wesentlichen Eingriff: Rückbau der Decke am ehemaligen Aufstellort des Sargs, Vergrößerung der Wandöffnung und Ausbildung eines offenen Lichthofs als Außenraum. Durch diese Maßnahme wird die Lichtführung deutlich verbessert. Die Ausrichtung erlaubt das Miteinbeziehen von Tages- und Jahreszeiten in die Aussegnungsfeier, die Bestimmung der letzten Ruhe auf dem Waldfriedhof wird spürbar und präsent. Darüber hinaus unterstützt der Hof durch seine Leere die Konzentration auf den Augenblick. Der Innenraum selbst erfährt durch die tektonische Bearbeitung der raumbegrenzenden Bauteile Boden, Wand und Decke eine Metamorphose und Neuinterpretation.
plastische Ausbildung der Wand-und Deckenbekleidung
veränderte Wahrnehmung je nach Standpunkt, Blickwinkel und Lichteinfall
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Eine im Vorfeld der Umbaumaßnahme gegründete Friedhofskommission kam mit Fragen zu uns: Wie könne der Raum würdevoller und heller werden, wie könnten die Akustik im Raum und die Aufenthaltsqualität für die Angehörigen verbessert werden. Nach einer grundlegenden Gebäudeanalyse zum Bestand konnten wir bei diesem Direktauftrag in Abstimmung mit der Friedhofskommission ein Projekt erarbeiten.
Blick von der Empore
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Der Boden aus regionalem, rahmweiß gebändertem Jurakalk bildet die Basis. Die Wände sind mit einer neuen hölzernen Schale aus massiven Weißtannenbohlen bekleidet. Die plastische Ausformulierung der Wandgeometrien leitet sich aus der Tragstruktur des Gebäudes und den vorhandenen Wandöffnungen ab. Gleichzeitig ist sie Sinnbild für die fein austarierte räumliche Balance aus Leichtigkeit und Schwere, die bei einer Vielzahl von historischen Sakralbauten zu finden ist. Das heimische Nadelholz umhüllt die Trauernden in einem die Sinne berührenden, hölzernen Kleid. Die Decke schließlich unterstützt durch ihre gefächerte Neigung die räumliche Ausrichtung auf den neuen Innenhof. Dabei leitet sie sich in Ihrer Geometrie von den vorhandenen tragenden Unterzügen ab. Im Zusammenspiel aus Stütze, Träger und Wandöffnung sowie einer integrierten, indirekten Beleuchtung entsteht ein akustisch wirksamer oberer Abschluss, der Teil der gesamten Raumgeometrie wird. Für die Aussegnungshalle ergibt sich so eine neue Differenziertheit und Vielfältigkeit der räumlichen Wahrnehmung, die je nach Standpunkt, Blickwinkel und Lichteinfall variiert.
Nordausgang mit Betonüberdachungen
Lageplan
Grundriss
Schnitt
Aussegnungshalle vor Baubeginn
Umbau und Sanierung Aussegnungshalle und Aufbahrungsgebäude Waldfriedhof Heidenheim an der Brenz
2016

Am Waldfriedhof 11
89518 Heidenheim an der Brenz

Auftragsart
Direktauftrag

Bauherrschaft
Stadt Heidenheim

Architektur
 kaestle&ocker, Stuttgart
Marcus Kaestle, Andreas Ocker
Mitarbeit: Lena Heinkele, Hannes Stark

Fachplaner
HLS: Ott Ingenieure, Langenau
E: Ing. Büro Kummich & Weißkopf, Bopfingen
Statik: Ing. Büro Holz, Heidenheim
Bauphysik: IBW Aalen GmbH, Aalen

Ausführende Firmen
Rohbau: UC Monz, Heidenheim
Abbruch: Büsch GmbH, Kabelsketal
Stahlbau: Wilhelm Mahler,  Kircheim am Ries
Zimmermann: Holzbau Kerler, Heidenheim
Flaschner: Robert Smejkal GmbH&Co. KG, Heidenheim
Holzfenster: Fenster Braun, Steinheim am Albuch
Naturstein: Neubauer Natursteine, Giengen/Brenz
Estrich: Estrich Wagner GmbH, Aalen-Erlau
Metallbau: Wagner Glas- und Metallbau GmbH, Albstadt
Trockenbau: GSR Theo, Heidenheim
Schreiner: Schreinerei Zitzmann, Pfersdorf
Innenputz/Maler: Beller GmbH, Heidenheim
Lüftung: Julius Gaiser GmbH & Co., Heidenheim
Heizung/Sanitär: Bantel GmbH, Giengen
Elektro: Elektro Holzwarth, Heidenheim
Dachdecker: Erwin Gentner GmbH, Heidenheim
Gerüstbau: Gerüstbau Fritz, Neresheim
Orgel: Ogelbau Link, Giengen/Brenz
Bodenbeschichtung: Horst Buschmann Bauunternehmen GmbH, Reutlingen
Schlosser: Stahlbau Braunger GmbH, Laupheim-Obersulmetingen
Kühlzelle: UFSK Hermann Scherieble, Regensburg
Vordach Nord: Stang AG,  Waldkraiburg

Bruttogeschossfläche
826,8 m²

Gesamtkosten
2.500.000 € brutto

Fotos
 Brigida González

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