«Könnte auch Lidl sein»

Almannai Fischer Architekten aus München haben in Arbeitsgemeinschaft mit Ingenieurbüro Harald Fuchshuber kürzlich eine Turnhalle in Haiming fertiggestellt. Florian Fischer berichtet über das Projekt.
Kuhweide und Schornsteine bei Haiming
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Florian Fischer: Die Herausforderung bestand vermutlich darin, das für den Ort vergleichsweise große Bauvolumen relativ selbstverständlich im Dorf zu implantieren – direkt neben Kirche und Friedhof. Die neue Halle ist auch als Teil des baulichen Ensembles der Schule zu sehen. Es war nicht einfach, die neue, viel größere Halle wie vom Bauherrn gefordert an die alte kleine Schulsporthalle anzubauen – ohne dass dies komisch oder gar als Karikatur wirkt. Es sollte ja nicht so aussehen, als ob der Schwanz mit dem Hund wedelt sondern, so wie es sich gehört, andersherum. Was zudem noch auf ganz profane Art besonders war, war die Kostenvorgabe – besonders niedrig. Mit BKI-Werten für Sporthallen brauchten wir da erst gar nicht anzutreten.
Ansicht von Norden. Auf der einen Seite säumt die Allee den Bach – auf der anderen die neue Turnhalle.
Halle Nordseite. Blick zur Gottschaller Wiese. Die Streben tragen das  Vordach, indem sie die Last nach oben in die Traufpfette ziehen. Sie stehen nicht – sie hängen. Daher sind sie so schlank.
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Möglichst kostengünstig zu bauen war die Aufgabe. Aber ob das unter «Inspiration» zu verbuchen ist? Wobei – wir haben versucht, diese Tatsache als entwerferische Freiheit zu begreifen. Also uns mit großer Lust aber natürlich ebenso mit äußerster Disziplin auf den Weg und die Suche zu begeben, den diesbezüglichen Standard zu unterlaufen. Denn das ist ja das Schöne, wenn der Standard nicht anwendbar ist, weil er zu teuer käme, dann kann man auch nicht auf ihn zurückfallen. Wäre das nämlich nicht der Fall gewesen, dann sähe die Halle vermutlich so aus wie viele andere auch. Daher haben wir uns einer Art Technologietransfer bedient, indem wir ein Konstruktionssystem aus dem Holzbau verwendet haben, das man für gewöhnlich nicht für öffentliche Gebäude einsetzt, sondern vor allem in der Landwirtschaft – oder bei Aldi und Lidl. Die verzinkte Nagelplatte.
Halle Südseite – Es scheint als tragen die dicken Fertigteilstützen lediglich  die leichte Holzverkleidung. Die innere Wahrheit ist aber komplexer.
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Das Gebäude reagiert mit einer Art sukzessiven Verschärfung – von der Ferne tut es noch ganz brav und tarnt sich fast als handelsübliche Scheune. Sie spielt damit auch die fast romantisch schöne Lage am Bachlauf mit seiner Baumallee und den großen Wiesen aus. Je näher man der Halle aber kommt, umso mehr betritt sie eine zweite Erzählebene. Einerseits die einer verschärften architektonischen Feinheit – vielleicht sogar Noblesse –  und gleichzeitig aber auch eine verschärfte Irritation und im wahrsten Sinne des Wortes Rauheit. Im Inneren ist dann eigentlich eine reine entwerferische Vorwärtsstrategie zu beobachten – also der Versuch, einen fast heroischen Raum, der nur von Licht und Konstruktion handelt, zu schaffen. Das allerdings mit den beschriebenen, pragmatischen und effizienten Mitteln. Wir bekommen im Übrigen aber gerade auch die Rückmeldung, (die als Kritik zu verstehen ist), dass die Halle etwas zu sehr «analoge Architektur» wäre. Wir verstehen das einerseits und sehen das ebenfalls kritisch – es bindet sie aber doch auf einer ersten Ebene in den Kontext ein. Es ist dies damit auch eine Geste der Zurückhaltung, der Normalität. Auf der Folie des Analogen beginnen wir aber auch bereits direkt mit dessen Verfremdung und Ent-Romantisierung. Entwurfsmethodisch sehen wir die Halle ohnehin in einem anderen Zusammenhang: Fast wie in den 1990er-Jahren möchten wir eigentlich vom Wesenszusammenhang von Architektur und Technik sprechen und in diesem Falle den Begriff eines poetischen Funktionalismus ins Feld führen.
Halle Westseite. Ein einfacher Giebel mit einem kleinen Anbau steht im Zeichen ortsüblicher Zweckbauten. Nur die Abstraktion verrät erste Absichten.
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Es gab ein präzises Briefing und zahlreiche sehr intensive und konstruktive Gespräche im Gemeinderat und im Turnhallenbauausschuss. Insbesondere der Vorsitzende des Sportvereins – eine richtig starke und durchaus impulsive Persönlichkeit – und der erste und zweite Bürgermeister der Gemeinde neben vielen anderen Beteiligten. Der Entwurf ist zu 100% unsere Antwort auf die dabei gestellten Fragen. Gleichzeitig kommt der Entwurf ohne Kompromisse aus. Wir haben unsere Vorschläge aber immer ausgiebig erläutert und diskutiert, insbesondere an Modellen und Modellbildern. Die akademisch formalen Themen, die uns dabei parallel umtrieben, waren aber sicher eher einer Art hidden agenda zugehörig. Aber auch das finden wir ganz normal und redlich – und mit dem Ergebnis sind alle vor Ort ziemlich zufrieden, zumindest so weit wir das mitbekommen. Vielleicht schwingt da sogar Stolz darauf mit, dass die Halle ganz anders aussieht, als alle anderen in der Umgebung.
Halle Innenraum. Die Übersumme an tragenden Elementen erinnert fast an Raumfachwerke. Es handelt sich aber lediglich um eng gesetzte Fachwerkträger.
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Na klar – die Halle ist natürlich vollgesogen von Zeitgeist. Die Tendenz zum Rohen, zum Sparsamen und gleichzeitig extrem Delikaten ist sicher ein Anhaltspunkt. Ob wir das aber in einem wirklich guten Sinne erreicht haben – vielleicht.
Halle Innenraum. Der Zuschauerbereich entlang des massiven, skulpturalen Stahlbetonbalkens.
Halle Umkleiden. Alles auf Sicht. Kalksandsteinwände, Betondecke, Holztüren, Lüftungsleitungen und im Hintergrund der Blick in die Halle selbst. 
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Erstaunlicherweise auf der einen Ebene kaum – die realisierte Halle sieht fast genauso aus wie in unseren Modellbildern aus der Vorstudie von vor mehr als drei Jahren. Auf der anderen Seite grundlegend – gerade was das Analoge angeht. Hier haben wir bis in den letzten Moment der Ausführung nachjustiert und uns einer enormen selbstzweiflerischen Suche anheim gegeben. Vielleicht haben also am Ende sogar wir selbst uns mehr verändert als die Halle ...
Lageplan
Grundriss
Querschnitt mit alter Halle
Partner Bau der Woche
Turnhalle Haiming
2016

Hauptstraße 24
84533 Haiming

Nutzung
Vereinssporthalle, 2,5 Feld

Auftragsart
öffentlicher Auftrag

Bauherrschaft
SV Haiming, vertr. durch den 1. Vorsitzenden Herrn Rupert Koch

Architektur
Florian Fischer (Almannai Fischer Architekten, München) in Arbeitsgemeinschaft mit Harald Fuchshuber, Altötting
Team: Florian Fischer, Harald Fuchshuber, Rolf Enzel, Benjamin Jaschke, Antonia Sivjakov

Fachplaner
Statik + Brandschutz: HSB Ingenieure, Mehring
Freiraum: Link Landschaftsarchitekten, Altötting
Haustechnik: intertech GmbH, Wolfgang Schultes, Landau
Elektro: Elektro Rössler GmbH mit Stefan Wilhelm, Burghausen

Ausführende Firmen
Baumeister: Porr Bau GmbH, NL Salzburg Hochbau
Holzbau- und Zimmererarbeiten: Zimmerei und Holzbau Hecker GmbH
Fenster: Unterholzer Metallbau GmbH, Töging
Türen und Glasprallwand: Schreinerei Entholzner, Kirchdorf am Inn
Prallwand: Schreinerei Entholzner, Kirchdorf am Inn + Eigenleistung SV Haiming
Fassade: Zimmerei und Holzbau Hecker GmbH + Eigenleistung SV Haiming
Malerarbeiten: Eigenleistung SV Haiming und Froitzheim & Nath OHG, Altötting
Sportboden: Hoppe Sportbodenbau GmbH, Holzgerlingen
Fliesen- und Bödenbeläge: Fachbauzentrum Schultheiss GmbH, Burghausen
Heizung Hofbauer OHG, Bad Birnbach
Lüftung: Reisinger GmbH, Burghausen
Sanitär: Wiesbauer GmbH, Winhöring
Elektro: EGM Elektro GmbH, Burghausen

Hersteller
Nagelplattenbinder und – wandelemente: Laumer Bautechnik GmbH, Massing/Rott
Aluminiumfenster: HUECK GmbH & Co. KG, Lüdenscheid
Sporthallentore: Pfullendorfer Tor-Systeme GmbH & Co. KG
Böden: Nora Kautschuk, DLW Linoleum, Argelith Fliesen, Rako Fliesen
Farbe / Lasur Fassade: Finnfarben Engelhardt, Martinsreuth

Bruttogeschossfläche
ca. 1800 m²

Gesamtkosten
ca. 2.960.000 €
KGR. 100-700

Fotos
Sebastian Schels / PK Odessa

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