Ein Neues Ganzes

Atelier ST baute in Lutherstadt-Eisleben ein neues Archiv für die Stiftung Luthergedenkstätten. Ihr Entwurf bewahrt die Ensemblewirkung und versöhnte auch Bauherrschaft und Denkmalpflege. Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut berichten.
Straßenansicht Seminarstraße / Brücke «Böse 7»
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut:  Statt entweder – oder, also der Entscheidung für oder gegen Alt oder Neu, haben wir uns für eine Verschmelzung aus beidem entschieden. Nicht zuletzt haben wir mit dieser Haltung und unserem Wettbewerbsbeitrag, mit dem Titel «Ein neues Ganzes» Bauherr und Denkmalpflege überzeugt und vor allem wieder versöhnt. Denn der Bauherr, die Stiftung Luthergedenkstätten, die das Grundstück im Herzen Eislebens geschenkt bekam, wollte ursprünglich einen reinen Neubau errichten. Die Denkmalpflege sah aber den Ensembleschutz mit dem Objekt, als Teil eines historischen Straßenzuges in unmittelbarer Nähe zum Unesco-Weltkulturerbe als wesentlich bedeutender an. Ein Neubau wurde dem Bauherrn untersagt. Unser Entwurf versucht, das Bestehende in seinen Proportionen und wesentlichen Gestaltmerkmalen zu erhalten, aber gleichzeitig das Bauwerk zu einem neuen Ganzen zu transformieren.
Gartenansicht/ Schöpfungsgarten
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Die gartenseitigen Ergänzungsflächen ergaben sich aus den Eckpunkten des Bestandsbauwerks und des ehemals vorgelagerten Treppenhauses. Die bestehende Dachneigung, inklusive First- und Traufhöhen wurde beibehalten, zum Garten hin aber bis auf die neue Außenwand der Ergänzungsflächen verlängert. Gartenseitige Fassadenöffnungen sind mit den Lutherorten der Umgebung visuell verbunden. Das große Treppenhausfenster ist zu Luthers Taufkirche ausgerichtet; vom Seminarraum tritt man mit Luthers Geburtshausensemble in Verbindung. Und der Hauptzugang lässt Besucher auch in den Schöpfungsgarten blicken.
Foyer/ Zugang zur Bibliothek und zum Archiv
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Aufgrund der hohen Lastanforderungen an ein Archivgebäude wurde in die alten Bestandwände quasi ein Neubau als kompletter Stahlbetonkörper implantiert. Auf einige Ausbauten musste dabei verzichtet werden, was dem Konzept aber eher gut getan hat. Denn so ist Rohbau gleich Ausbau und das Konzept völlig unverwässert erlebbar.
Seminarraum mit Blick in den Schöpfungsgarten
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Konzeptionell gar nicht, aber aus wirtschaftlichen Gründen musste auf den Keller verzichtet werden. Wir hatten mit einem, gelinde gesagt, katastrophalen Baugrund zu kämpfen, der eine teure Bohrpfahlgründung mit Kleinbohrpfählen bis in 18m Tiefe erforderte.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Da das Objekt durch 100% Fördermittel realisiert wurde, der Unterhalt aber durch die Stiftung selbst zu tragen ist, haben wir uns bereits im Wettbewerb für ein lowtech-Gebäude entschieden. Eine träge Speichermasse mit massiven Stahlbeton-Wänden, Decken (mit Bauteilaktivierung) und Dach sorgt zusammen mit einer hohen Kerndämmung und dem bestehenden und neuen Außenmauerwerk für einen optimalen Wärmeschutz. In Kombination mit den extrem tiefen Wandlaibungen und der grundsätzlich geschlossenen Hülle wird einer Überhitzung durch Strahlungswärme von vornherein durch bauliche Gegebenheiten vorgebeugt.
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Partner Bau der Woche
Lutherarchiv Eisleben
2016

Seminarstraße 2
06295 Lutherstadt – Eisleben

Nutzung
Archiv, Bibliothek

Auftragsart
Wettbewerb, als beschränkter Einladungswettbewerb 2012, 1. Preis

Bauherrschaft
Stiftung Luther Gedenkstätten, Wittenberg

Architektur
Atelier ST Gesellschaft von Architekten mbH, Leipzig
Silvia Schellenberg-Thaut, Sebastian Thaut, Architekten BDA
Projektleiter: Fabian Onneken
Bauleitung: Martin Kilpper

Fachplaner
Tragwerksplanung: Dr. Hilpert Ing. GmbH, Halle
TGA: GW Plan, GmbH, Leipzig
Bauphysik: Kurz & Fischer GmbH, Halle

Ausführende Firmen
Sicherung / Rückbau: Endena GmbH, Zahn-Elster
Gerüst: Gerüstbau Dieter Freitag, Authausen
Spezialtiefbau: Krause & Co. Tiefbau GmbH, Neukirchen-Adorf
Robau: Komplett Bau Ringleben GmbH, Ringleben
Dachdecker/ -klempner: Kurch Bedachungs GmbH, Köthen
Fenster- und Außentüren/ Sonnenschutz: Bauna- Bau- und Möbeltischlerei, Heldrungen
Trockenbau: H&B Bau GmbH, Wansleben am See
Tischlerarbeiten/ Innentüren: Tischlerei Jacob OHG, Bürgel
Sanitär/ Lüftung: Geiselquelle GmbH, Mücheln
Heizung: Klaus Sterl GmbH, Lutherstadt- Eisleben
Elektro: Elektro- u. Haustechnik GmbH, Bornstedt
Gebäudetechnik/ Gebäudemanagement: Sauter- Cumulus GmbH, Leipzig

Hersteller
Leuchten:  Glashütte Limburg (Hängeleuchte Flur; Wandleuchte Treppenhaus); Modular Lighting – Cake (Seminarraum); WC Mawa- Eintopf
Schalterserie: Gira – S-Color, schwarz lack
Drücker: Hewi, black, 162PCB01.230
Aktenschränke: Horges
Bestuhlung/ Tische: Egon Eiermann SE 68
Boden: Flügelgeglätteter Estrich mit transparenter Versiegelung
Dachbelag: Rheinzink, Quatratrauten, prePatina
Außenbeschichtung: Keim Porosan – Trass- Zementunterputz, darüber als Schlämmputz; Keim, Silikat Anstrich
Sanitär: WC und Urinal: Duravit Stark 3
Waschtisch: Alape – QS 525H.R
 
Bruttogeschossfläche
530 m²

Gebäudevolumen
1.430 m³

Gesamtkosten
1.650.000 €

Auszeichnung
Best Architects Award 2017

Fotos
Simon Menges

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