St. Hedwig – Kathedrale

„Ich bin das Licht der Welt“ – Das Licht des Himmels sinnlich zu erfahren ist zentrales Thema des unseres Entwurfs. Die Architektur der Hedwigs- Kathedrale ist wie ein Gefäß, das dieses Licht fasst und durch seine Öffnungen willkommen heißt. Das Licht wird zum bestimmenden Mittel der Neugestaltung des Kirchenraumes.

Kuppel – Ganz direkt- dem Himmel nahe- geschieht das durch die große Öffnung im Zenit der Kuppel. Ein transparentes Folienkissen lässt den Blick zum Himmel frei und das Licht ungehindert und intensiv in den Kirchenraum fallen.

Oberflächen der Architektur – Die durchgängig weißen und hellgrauen raumbildenden Elemente verstärken in ihrer Schlichtheit, Ruhe und Homogenität die Konzentration auf das Licht, die daraus resultierenden Schattenspiele, die Kunstwerke und die architektonische Sensation und Einzigartigkeit der großen Kuppel.

Kirchenfenster – Neben dem zentralen Licht aus der Kuppel erhellen und dämpfen die insgesamt 14 großen neuen Kirchenfenster den sakralen Raum auf besondere Weise. Sie spenden Licht und verhüllen den Blick auf den profanen Außenraum. Sie unterstützen die Hinwendung und Konzentration auf das liturgische Geschehen. Die neuen Kirchenfenster bestehen aus zwei Ebenen. Die äußeren aus Klarglas sind in die bestehenden Fensterleibungen eingebaut. Sie sind Wetterschutz und Lüftungsflügel und bieten diskreten Einblick von außen in den Innenraum der Kirche. Im Innenraum sind den äußeren Kirchenfenstern frei in den Wandnischen stehende, transluzente Glaselemente vorgestellt. Sie fangen das Tageslicht und „stellen“ es, vom Boden beginnend, körperlich erfahrbar in den Raum. Und sie reflektieren Licht in die tiefen, konkaven Leibungen der Fensterbögen. Es entsteht ein fortwährendes, elegantes Spiel von Licht, Lichtreflexen und Schattierungen.

Kreuzweg – Die neuen Kirchenfenster sind Ort der Verkündigung und stellen sich damit in eine Jahrhunderte alte Tradition. Die inneren transluzenten Gläser zeigen feine Linien, die in ihrer einfachen, zeichenhaften Form freie Assoziationen zulassen und als Kreuzwegstationen gelesen werden können. Diese Zeichen wiederholen sich als Miniaturen auf den äußeren Kirchenfenstern. Mit dem Kirchenfensterzyklus von Prof. Norbert Radermacher erhält die Hedwigs- Kathedrale einen Kreuzweg, der innen wie außen betend und meditierend gegangen werden kann. Als Anstoß dazu dienen die außen jeweils unter den Fenstern in den Brüstungsstein gemeißelten Verben:  verurteilen | ertragen | fallen | begegnen | helfen | trösten | stürzen | weinen | verzweifeln | bloßstellen | foltern | sterben | erlösen | ruhen.
Der Leidensweg Christi bekommt einen gewichtigen Platz an einem Ort, der mit dem Grab von Bernhard Lichtenberg besonders mit den Märtyrern des 2.Weltkrieges verbunden ist.

Die liturgische Feier als Miteinander der ganzen Gemeinde – Diesem Gedanken des Zweiten Vatikanischen Konzils fühlt sich der Entwurf verpflichtet. Alle drei Gottesdiensträume, Hauptkirche, Unterkirche und Kapelle umschließen mit ihren klaren Formen die Gemeinde und unterstützen das Gefühl der Gemeinschaft. Sie fördern und ermöglichen die Nähe zum Altarraum und die aktive Beteiligung am liturgischen Geschehen. Zugleich sind sie licht und offen, wirken befreiend und erhebend.

Mittelpunkt – Das Tageslicht fällt aus der Öffnung der Kuppel durch den gesamten Kirchenraum bis auf den Boden der Unterkirche. Es betont die Verbindung von Ober- und Unterkirche. Dort bezeichnet eine kleine Platte aus Gold den Mittelpunkt des Gotteshauses und reflektiert dieses Licht. Wie bei dem Goldgrund der Ikonen oder den mittelalterlichen Altarbildern steht dieser Punkt für das unbegreifliche göttliche Strahlen, das die Hoffnung und Zuversicht unseres Glaubens ist.

Orientierung der sakralen Achse – Die mittlere Öffnung des Bodens wird geschlossen. Als regelmäßiger Rundbau ist der Kirchenraum im Bestand grundsätzlich ungerichtet. Die sakrale Achse wird nach Osten ausgerichtet. So wird das biblische Wort der „Umkehr“ im Moment des Betretens des Raumes vom Betrachter architektonisch herausgefordert, wir wenden uns in Gewissheit auf Erlösung nach Osten, versus orientem, versus deum. Die Hinwendung zu Licht und Gott ist grundlegend. Auf der Sakralachse liegt der Altar als Konzentrationspunkt der Liturgie im Osten. In selber Blickrichtung schwebt über der Altarinsel in seiner Verletzlichkeit das brandgeschädigte Kruzifix, klar und frei im Raum. Durch die Ostung wird der Zugang zum Anbau mit der kleinen Kuppel für Besucher frei. Diesen bauen wir zur Kapelle um; sein Zugang liegt nicht länger hinter etwas, sondern öffnet sich sichtbar zur Hauptkirche.

Kapelle – Durch Neubau der Sakristei im neuen Untergeschoss zwischen Hedwigs- Kathedrale und Bernhard- Lichtenberg- Kapelle kann der kleine Kuppelbau als Seitenkapelle zur Feier der heiligen Eucharistie und zur Anbetung genutzt. Hier stehen Tabernakel und ewiges Licht, die schon beim Eintritt durch den Haupteingang am Ende der Mittelachse sichtbar sind. Die Innenarchitektur der Seitenkapelle ist ebenso wie die der Hauptkirche nach Osten ausgerichtet. Die Skulptur der Muttergottes mit Kind auf Mondsichel erhält ihren Platz in der Kapelle der Oberkirche. Das Blindfenster über dem Durchgang zur Hauptkirche eignet sich gut für die erhöhte, untersichtige Platzierung des hl. Petrus.

Unterkirche – Der Kirchenbau wird von Nebenräumen befreit, insbesondere die Unterkirche wird als Ort vielfältiger Religionsausübung für die Gemeinde kultiviert und frei gehalten. Die räumliche Wirkung der Kirche in Ihrer „Idealität“ und das in der Rundform bereits angelegte Gemeinschaftsgefühl werden baulich gesteigert.  Die Decke zur Oberkirche wird erneuert und geschlossen; durch eine zentrale, begehbar verglaste Bodenöffnung fällt das Licht der oberen Kuppelöffnung bis auf den Grund der Unterkirche. Um dieses Licht schließt sich der Altar der Unterkirche als großer, schwebender Ring. Die Gebäudemitte wird auf ihrem Grund zum heiligen Ort, an dem sich Himmel und Erde berühren. Der Eintritt des senkrecht einfallenden Tageslichtes wird auch hier in seiner Konzentration wesenhaft spürbar. Um den Altarring sammelt sich die Gemeinde. Jeder hat teil am Altartisch, an dem der Priester an der Ostseite zelebriert und auf der gegenüberliegenden Seite in der Funktion des Ambos gelesen wird. Die Konzentration aller folgt dem Licht nach oben, allen persönlichen Glaubensinspirationen und Empfindungen offen. Wir öffnen den Gewölbekranz zur Raummitte zu einem strahlenförmigen Ring aus offenen Seitenkapellen. Der freie Blick in den Gewölbering schafft eine großzügige Atmosphäre in der Unterkirche. In den Gewölbekapellen werden Skulpturen so positioniert, dass sie vom Betrachter ungeblendet mit Seitenlicht wahrgenommen werden können. Den Skulpturen sind Opferlichtplätze zugeordnet. Die Unterkirche ist ein besonderer Ort für die Gemeinde. Um die ungewöhnlichen Wandstärken und Gewölbe der Unterkirche erfahrbar zu machen, legen wir das Mauerwerk frei. An den sichtbaren Vermauerungen wird die Präsenz der Gräber erfahrbar. Die Decke des zentralen Raumes wird ebenso wie sie neuen Säulen in Weißbeton ausgeführt. An die Unterkirche schließt sich die Lichtenberg- Kapelle an. In der Mitte der Lichtenberg- Kapelle steht die Pietá. Um sie verläuft ein Ring aus Opferlichtern. Die offenen Gewölbe der Grabkapellen umschließen ringförmig den Zentralraum mit ebenfalls ringförmig angeordneten Opferlichtstationen und Bänken für stilles Gebet, Andacht, Rückzug und Gedenken.

Sakristei – Im Rahmen des Neubaus des Bernhard-Lichtenberg-Hauses wird der Hof unterbaut. Aus der südlichen Seitenkapelle führt eine Treppe und eine Aufzug unter dem Kapellenfenster hindurch ins neue UG und hier in die Sakristei.

Erschließung – Die Kirche ruht in besonders gedrehter Lage zum August-Bebel-Platz, von dem aus ihr Niveau über breite Treppen erreicht wird. Um beim Eintritt in die Kirche gleichzeitig die möglichen Zugänge zu Ober- und Unterkirche zu zeigen, wurde der Vorraum zu einer Treppenhalle umgeplant. Zwei breite Treppenläufe liegen sich gegenüber, weiten den Blick in ihre schalenartige Anordnung und erweitern die Raumhöhe in die Tiefe. Am Fuß der Treppen steht auf der baulichen Achse mit Blick in die Unterkirche ihre Schutzheilige Hedwig. Geradeaus führen die bestehenden drei Zugänge weiterhin in die Kirche. Der direkte Zugang aus der Unterkirche in die Vorhalle und die somit möglichen Querverbindungen bietet große Flexibilität der Erschließungsrichtungen. Die zwei seitlichen Eingänge der Oberkirche sind vom Kirchenraum aus diskret verdeckt. Durch den seitlichen Eintritt geschieht der Zutritt unauffälliger, die Konzentration in der Kirche wird weniger durch Kommen und Gehen gestört. Aus der Kirche ist die Kapelle nun frei zu erreichen; auch der hintere Zugang vom Hof aus kann zum direkten Eintritt in die Kapelle geöffnet werden. Ober- und Unterkirche sind am Fuß der Sakralachse über eine Treppe erschlossen.

Die Hedwigs-Kathedrale beeindruckt durch ihre Bauform. Der Zentralbau mit Kuppel, das Zitat des römischen Pantheons, repräsentiert antike Idealarchitektur. Unser Entwurf formuliert eine moderne Position für lebendige liturgische Praxis, stilles Gebet und Gedenken, für Sehnsucht nach Spiritualität und Transzendenz und Suche nach Bedeutung, Sinn und Wahrhaftigkeit. Der Umbau stärkt die Aura des Gebäudes und seine Anziehungskraft und mag darüber hinaus ein überzeugendes Bild einer aktuellen katholischen Position geben.
Innenarchitekt
Reuter Schoger
Ort
Hinter der Katholischen Kirche 3
Berlin
Jahr der Fertigstellung
2014
Realisierungswettbewerb
Neugestaltung des Innenraums und des baulichen Umfeldes der St. Hedwig- Kathedrale in Zusammenarbeit mit Prof. Norbert Radermacher, Bildhauer. Anerkennung.

MitarbeiterInnen
Patrycja Stal, Peter Rychert, Simone Pfeiffer, Daniel Knörr, Alejandro Baumüller

Beratung Lichtgestaltung und Tageslichtlenkung
Studio Dinnebier | Dinnebier & Blieske

Beratung Statik und Kosten
K+P Beratende Ingenieure

Visualisierungen
Studio Fabian