Industriedenkmal als Kulturort

Der Heidelberger Tankturm ist eines der wenigen Denkmale der Industriekultur der Stadt – und sollte eine neue Nutzung erhalten. AAg LoebnerSchäferWeber haben das Gebäude zu einem zeitgemäßen Arbeits- und Kulturort gemacht.
Der denkmalgeschützte Bau wurde außen kaum verändert. Neu in den  Turm eingeschobene Fluchtbalkone machen die neuen Inhalte sichtbar.
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Stefan Loebner: Das Potenzial dieses besonderen Kulturortes liegt im Zusammenspiel des authentischen Charmes eines historischen Eisenbahngebäudes mit einer neu geschaffenen, zeitgenössischen und kreativen Arbeitswelt.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Entscheidend war für uns die Frage, wie man es schaffen kann, den ruppigen Charme des Gebäudes zu erhalten. Wie kann die Geschichte ablesbar bleiben, wie gehen wir mit Zeitspuren um? Wie kann das Zulassen von Abnutzung und Alterungsprozessen gelingen? Diese Fragen und ein großer Respekt dem Industriedenkmal gegenüber lagen den vielen Entscheidungen zugrunde. Sie führten zu dem Wunsch, das Gebäude nicht zu stark zu überformen, sondern Alt und Neu gegenüberzustellen; nichts Verlorenes zu rekonstruieren und das Neue mit seiner reduzierten Formensprache klar sichtbar zu machen.
Der Saal im Westflügel und wird für Konzerte, Lesungen, Tagungen und Seminare genutzt.
Im Ostflügel befinden sich die über alle Geschosse hinweg miteinander verbundenen Büroräume der Architekten.
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Das Bauwerk zählt zu den wenigen erhaltenen Denkmalen der Industriekultur der Heidelberger Bahnstadt und nimmt als Landmarke eine wichtige Identifikationsaufgabe wahr. Die markante Figur und das Sichtmauerwerk der Außenhülle bleiben daher unberührt, ebenso die bestehenden durchgehenden Werksteinsockel und Fensterbänke. Lediglich die neu in den Turm eingeschobenen Fluchtbalkone und ein Schaufenster zum großen Saal im Erdgeschoss sind weithin wahrnehmbare Eingriffe.

Die Dachkonstruktion wurde als Sichtkonstruktion erhalten und erhielt eine Aufsparrendämmung sowie eine neue, denkmalgerechte Eindeckung. Am Gesims wurde wiederum mit einer Zwischensparrendämmung gearbeitet. An der Schnittstelle beider Konstruktionen ergab sich ein schmales, durchgehendes Fensterband zur Belichtung des Dachgeschosses.
Als strukturbildendes, historisches Zeugnis blieb natürlich auch der Wassertank erhalten. Um den Innenraum zu belichten und räumlich zu vergrößern, wurde der Tank teilweise aufgesägt. Der Zugang erfolgt von unten über eine zentral angeordnete Stahlwendeltreppe. Ein Kamin lässt den Tank zu einer atmosphärischen Lounge werden. Ein Aufzug gewährleistet die barrierefreie Erschließung. In den darunter liegenden Turmgeschossen wird die Stahltreppe zu einer Art Raumplastik, die die verschiedenen Niveaus verbindet. Auf der Höhe der einstmals vorhandenen Turmuhren bildet die Treppenplastik einen Steg aus, der den hier gelegenen, doppelgeschossigen Raum – die so genannte Kathedrale – in allen Dimensionen nutzbar und in seiner Höhe erlebbar macht.
Im Ostflügel befinden sich die über alle Geschosse hinweg miteinander verbundenen Büroräume der Architekten.
Die Bibliothek mit dem originalen Parkettboden dient als Besprechungsort.
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Die Architekten sind auch Bauherr und spätere Nutzer des Ostflügels. Der Heidelberger Verein für zeitgenössische Musik Klangforum wurde als Mieter für Räume des Westflügels gefunden. Während des Entwurfsprozesses entwickelte sich die Idee des Kulturortes, dessen Räumlichkeiten unter der Marke Tankturm auch für kulturelle Veranstaltungen und Tagungen zur Verfügung stehen. Zudem finden zeitgenössische Ausdrucksformen der bildenden Künste, der Literatur, der Musik und des Tanzes sowie ihre Cross-Over-Formate im Tankturm eine Plattform und Bühne. Das Projekt ist grundlegend darauf angelegt, Menschen zusammen zu bringen und den persönlichen Kontakt und kooperativen Austausch anzuregen. Das Spannungsfeld soll sich dabei aus der konzeptionellen Grundlage der Verknüpfung von Architektur mit Kunst und Musik entwickeln. 
Eine Treppenplastik aus Stahl windet sich durch die Turmgeschosse.
Die stählernen Erschließungselemente entsprechen dem rauen Charme der historischen Betonkonstruktion.
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Der zeitgenössische Umgang mit der herben Ziegelästhetik und das Einfügen von neuen Elementen aus Stahl, die sich in ihrer industriellen Materialität der offen gezeigten Betonkonstruktion anpassen, transferieren dieses Industriedenkmal ins 21. Jahrhundert und rücken es als authentischen Kulturort in den Fokus der Öffentlichkeit.
Der ehemalige Wassertank wird zur atmosphärischen Lounge mit Bar und Kamin.
Welche Anforderungen stellte der Denkmalschutz?
Für den Denkmalschutz stand die Erhaltung und Wiedernutzung eines der wenigen Industriedenkmale in Heidelberg im Vordergrund. Insbesondere die Erhaltung und Wiederherstellung sowohl der äußeren Hülle als auch der wesentlichen inneren Strukturen waren von großer Wichtigkeit. Besonders positiv ist der konstruktive Dialog mit der Denkmalpflege und das Mittragen der funktional konstruktiven wie auch ästhetischen Erneuerungen hervorzuheben.
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Partner Bau der Woche
Tankturm
2015

Eppelheimer Straße 46
69115 Heidelberg

Nutzung
Bürobau, Veranstaltungsort, Kulturort

Auftragsart
Direktauftrag, eigene Immobilie

Bauherrschaft
Wasserturm Grundstücksverwaltungs GbR, Heidelberg

Architektur
AAg LoebnerSchäferWeber BDA Freie Architekten GmbH, Heidelberg
Projektleiter: Stefan Loebner
Mitarbeiter: Willem Balk

Fachplaner Statik
Professor PfeiferundPartner, Ingenieurbüro für Tragwerksplanung, Darmstadt

Kunst am Bau
Name Kunstwerk: Ampersand
Autor: Mathis Bacht, Heidelberg und Anna Heidenhain, Berlin
Stilisiertes Schriftzeichen «&»

Ausführende Firmen
Rohbau: BWS Rhein Neckar GmbH, Heidelberg
Dachdeckerarbeiten: Föhner, Heidelberg
Blechnerarbeiten, Waldenberger, Hochdorf-Assenheim
Zimmerarbeiten, Holzbau: Damm, Heidelberg
Schlosserarbeiten: Kunstschmiede & Schlosserei Löw, Michelstadt
Fenster: Georg Schmiedle Fenster und Fassadenbau GmbH, Bruchsal
Verglasung und Brandschutztüren: Rossmanith Fenster + Fassade, Heidelberg
Schreinerarbeiten: Bau- und Möbelschreinerei Jörg Kößler, Heidelberg
Dämmung: Latzel Dämmstoffe GmbH & Co. KG, Mosbach
Trockenbau: PSH Bau GmbH, Bensheim
Aufzug: Schmitt+Sohn Aufzüge, Ludwigshafen
Heizung Sanitär: Reinwald Heizungsbau GmbH, Wiesenbach
Elektroarbeiten: Elektro Weiss GmbH, Schifferstadt

Gebäudevolumen
5.800 m³

Gesamtkosten
2.300.000 €

Auszeichnungen
Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg 2016
AIT Award 2016 Special Mention

Fotos
Thomas Ott Fotografie, Mühltal

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