Verbindender Neuanfang

3pass haben kürzlich ein Berufskolleg für das Erzbistum in Köln fertiggestellt. Judith Kusch beantwortet unsere Fragen zum neuen Zentrum, das drei bestehende Schulen an einem neuen Ort vereint.
Ansicht West / Haupteingang an der Berrenrather Straße
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Judith Kusch: Dieses Berufskolleg ist der erste Schulneubau des Erzbistums Köln seit langer Zeit. Nach zehn Jahren Entwicklung des pädagogischen Konzeptes als Lernort und -landschaft nach skandinavischem Vorbild wünschte sich der Bauherr ein ambitioniertes Bauwerk, das dem Image des sich modernisierenden Erzbistums als Bildungsträger mit sozialer Verantwortung entsprechen sollte. Das Bistum folgt bekanntermaßen zudem einem hohen baukulturellen Anspruch. 

Aus drei bestehenden Schulen an verschiedenen Standorten sollte eine gemeinsame neue Schule entstehen. Für diesen nicht nur logistisch, sondern auch psychologisch komplizierten Vorgang wurde nach einer «gefühlten Mitte» gesucht, die den neuen gemeinsamen Geist spürbar vermittelt. Dieser Geist des Neuanfangs war für alle Beteiligten motivierend und spannend. Gemeinsam und offen suchten wir nach passenden Antworten auf die Fragen nach Art, Ausdruck und den räumlichen und architektonischen Qualitäten, die dem pädagogischen Konzept angemessen sind. Das hat dem Bauherrn, den Nutzern und uns Freude gemacht.
Haupteingang
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Die großzügige verbindende Eingangshalle, die in Länge und Höhe das gesamte Haus durchzieht, ist Leere, Weite, Licht – reiner Raum. Das Phänomen dieses Raumes umfasst scheinbar Widersprüchliches und löst gerade damit Widersprüchlichkeit auf: es ist ein Drinnen und trotzdem ein Draußen; es umgibt freundlich beschützend und öffnet sich dennoch gen Himmel; es bietet sicheren Abstand und Distanz und schafft doch Kontakt und Nähe. Der ernsthaften Zurückhaltung der äußeren Erscheinung mit warmer Ziegelhaut steht in seinem Inneren eine «beschwingte Heiterkeit» gegenüber. Dem rauen Beton werden geschwungene und sachte Kurven entlockt, vom Dachgewölbe überspannt.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Städtebaulich ist der Ort an einer wichtigen, stark befahrenen Kreuzung am Eingang zum Uni-Campus bedeutsam. Der Neubau stärkt im Sinne des Masterplanes der Stadt Köln volumetrisch die bisher fehlenden Raumkanten entlang der Universitätsstraße und tritt zugleich ins Zwiegespräch mit der benachbarten Schule des Schiller-Gymnasiums. Ganz besonders beeinflusste den Entwurfsgedanken die unmittelbar benachbarte Kirche von Joseph Rikus, einem Bildhauer, der in den 1960er-Jahren diese sonder- und wunderbare begehbare Betonskulptur schuf. Sie ist ein Beispiel für die damals nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in der katholischen Kirche herrschende Aufbruchstimmung.

Unser Entwurf setzte sich intensiv mit den Bedingungen und dem Geist dieser Kirche auseinander noch bevor sie 2015 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Die Formfindung unserer Schule war geleitet von der Vorstellung, die Kirche auf eine Art zu umgeben, die den Außenräumen zwischen ihr und dem Neubau einen zwar verbindenden, aber vagen noch zu bestimmenden Charakter verleiht. Auch trifft die Farbauswahl unseres Ziegels exakt den Ton der Betonkirche, der erst jetzt – nach der fast abgeschlossenen Säuberung und Sanierung des Kirchbaus – zum Vorschein kommt. 
Freitreppe
Luftkissendach
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Ganz sicher der graugrüne Ziegel aus der dänischen Ziegelei von Petersen Tegl, derselben Ziegelei, die auch die für das Kolumba-Museum des Erzbistum Köln entwickelte und lieferte. Ein maßhaltiger Sichtbeton in guter Qualität war Voraussetzung für das Gelingen des Innenraumes, denn es handelt sich eigentlich um einen veredelten Rohbau. Das pneumatische ETFE-Dach mit den wie gewebt wirkenden, schachbrettartig genähten Kissen war für uns neu und ein gewisses Wagnis. Wir hatten ein wenig die Sorge, dass es zu technoid wirken könnte. Dies hat sich Gott sei Dank nicht bewahrheitet. 

Ansonsten sind die präzise und gekonnt per Laser an den Verlauf des Sichtbetons angepassten und mit Netzen umspannten Stahlbänder und Stäbe der geschwungenen Galeriegeländer maßgeblich für den innenräumlichen Ausdruck. Unaufdringlich wirken weiß- bis beigefarben behandelte Holzverkleidungen für Treppengeländer und Türportale in Fineline, die passend beschichteten Hölzer der Fenster, Fassaden und Fensterbänke. In dunklem Akazienholz heben sich wie Schmuckschatullen die Einbauten für Caféteria, Bibliothek und die der begehbaren Möbel für die offenen Lernzonen kontrastierend ab.
Blickbeziehungen aus der große Halle zur Turnhalle
Cafeteria
Bibliothek
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Partner Bau der Woche
Erzbischöfliches Berufskolleg Köln
2016

Berrenrather Straße 121
50937 Köln

Nutzung
Berufskolleg für erzieherische, sozialpädagogische und heilpflegerische Berufe in NRW

Auftragsart
Lph 1- 9 nach Gutachterverfahren ( Mehrfachbeauftragung )

Bauherrschaft
Erzbistum Köln, Köln

Architektur
 3pass Architekt/innen Kusch Mayerle BDA, Köln
Projektleitung: Joachim Koob † 2015, Judith Kusch
Mitarbeiter: Anna Fries, Wibke Engels, Benedikt Völkel, Sonja Noßuta, Timo Gerdes, Mario Witt-Wagner, Till van Dyk

Fachplaner
Tragwerk: HIG Hempel Ingenieure GmbH, Köln
TGA: Ingenieurbüro Heiming Energie- und Gebäudetechnik, Köln
Bauphysik: Graner+Partner Ingenieure, Bergisch Gladbach
Brandschutz: Heister + Ronkartz, Hückelhoven
Lichtplanung:  Licht Kunst Licht AG, 53115 Bonn
Freianlagen: Förder Landschaftsarchitekten GmbH, Essen
Innenarchitektur (Cafeteria, Bibliothek) :  Keggenhoff Partner, Arnsberg-Neheim

Kunst am Bau
Volker Saul, Köln
Aluminiumschnitte zum Thema «Gehen», Treppenhäuser

Ausführende Firmen
Erdarbeiten: Eska GmbH, Troisdorf
Rohbau: Fritz Meyer GmbH, Altenkirchen
Verblendarbeiten: Klinker-Forum GmbH, Morsbach
Dachdeckung: S&F Bedachungen GmbH , Geilenkirchen
Fenster + Fassade: Krebbers GmbH, Krefeld
ETFE Dach: Temme Obermeier GmbH, Raubling
Trockenbau: Waldorf GmbH, Hillesheim
Metallbau: B&R GmbH, Eschweiler
Türen Metall: Nagel Metallbau GmbH&Co. KG, Wesseling
Estrich: Fußbodenbautechnik Lampret GmbH, Kürten
Betonestrich: R. Bayer Betonsteinwerk GmbH, Blaubeuren
Bodenbelag: Raumgestaltung Huppert GmbH, Berlingerode
Fliesen: Fliesen Bockelmann, Traben-Trabach
Malerarbeiten: Maus & Koschny GmbH, Bedburg
RWAs: Udo Eichwald GmbH&Co. KG, St. Augustin
Türen Holz: Rameil GmbH, Kirchhundem
Fineline: Kellershohn, Bergisch-Gladbach
Innenausbau und fineline: Vogelsberg Innenausbau, Mechernich-Vussem
Laga: Frank Weindorf GmbH, Hürtgenwald
Hzg. Sa.: Olbertz GmbH, Köln
Lüftung: Grün + Weber GmbH, Hürth
Elektro: GfeG GmbH, Frechen
Sprinkler: Caverion Deutschland GmbH, Deggendorf

Hersteller
Ziegel: Petersen Tegl AS, Broanger Dänemark, D98
Fenster + Fassade: Krebbers, Krefeld, Holz-Alu-Fenster
Sonnenschutz: Warema
Betonestrich: Fa. Bayer, terraplan
Kautschuk: Nora, Sonderfarbton
Linoleum: Forbo, walton
Decken: Hera, Heradesign superfine-weiß
Bogendach Atrium: Temme Obermeier, ETFE pneumatisch
Treppenverkleidungen: fineline, weiß lasiert
Parkett: Eiche
Türblätter innen: Resopal, Pfleiderer
Fliesen: Princess Ceramic Beton und objecta weiss
Beschläge: FSB
Sanitärobjekte: Keramag, Renova Plan
Armaturen: Franke, Mora, Grohe
Schalter: Berker
Leuchten:  Zumtobel ( downlights), Selux M60/90 (Klassen), LEDlux, Linear LS-Profil (Treppenh., Galerien)
Lautsprecher: Bosch

Energiestandard
EnEV 2009

Bruttogeschossfläche
14.500 m²

Gebäudevolumen
66.300 m³

Kubikmeterpreis
333 € /m³ BRI KG 300-400

Gebäudekosten
ca. 22.100.000 € KG 300-400

Gesamtkosten
ca. 27.500.000 € KG 200-700

Fotos
Constantin Meyer Photographie, Köln

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