Zukunftsfähige Lösung

Die Arbeitsgemeinschaft Scheidt Kasprusch und Reiner Becker Architekten aus Berlin hat kürzlich das Museum Alte und Neue Meister in Schwerin durch einen Neubau komplettiert. Frank Kasprusch erläutert das Projekt.
Die Westflanke des Neubaus schließt die Innenhofsituation des Bestandsmuseums erstmals räumlich ab und stärkt so die Ensemblewirkung.
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Frank Kasprusch: Bei dem Neubau handelt es sich um die Erweiterung des 1882 durch Hermann Willebrand erbauten Museumsbaus, der mit Schloss und Theater eine wichtige und einmalige städtebauliche Beziehung eingeht. Der Neubau befindet sich im Zentrum des Residenzensembles, das auf der Welterbe-Tentativliste vermerkt ist. An diesem spannenden und hochsensiblen Ort war es eine Herausforderung in kurzer Zeit unter Berücksichtigung der denkmalpflegerischen Belange und des angestrebten Weltkulturerbe-Status' gemeinsam mit dem Bauherren und dem Museum eine zukunftsfähige Lösung zu finden.
Durch die große Südfassade sind beide Ausstellungsgeschosse sichtbar.
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Die bauhistorische Bedeutung des Residenzensembles legt nahe, diesem Ort mit größtmöglichem Respekt und Zurückhaltung zu begegnen. Wie bei allen unseren Gebäuden wählten wir für den Neubau an das bestehende Museum eine souveräne, klare Geometrie und Reduktion als Mittel der Gestaltung. Nach dem Motto von Mies van der Rohe « ... jedes Material ist nur das, wozu man es macht.»  vertrauen wir auf ein maßgebliches Material und stärken dieses durch gezielte, zurückhaltende Detaillierung.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Mit dem Neubau erhält der Museumshof erstmalig eine klare Geometrie und angenehme, wohlproportionierte Geschlossenheit. Der Baukörper hält spannungsvollen Abstand zu einer großartigen, geschützten Platane im Süden und verbindet sich nordseitig über eine verglaste Brücke mit dem Bestandsmuseum. Als Erweiterung der bestehenden Galerie Neuer Meister bildet diese Brücke den Hauptzugang. Aus dem Gebäudeinneren gibt es inszenierte und klare Bezüge zum Hof und zum Schweriner Schloss.
Die farbige Mischung des fugenlosen geschliffenen und gestockten Sichtbetons nimmt die Farbstimmung und die Gliederung der Bestandsfassaden abstrahiert auf.
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Der Neubau mit seiner Brückenanbindung an das Bestandsmuseum ist in seiner ursprünglichen Konzeption gleich geblieben. Lediglich die Lage der Brücke konnte entgegen den Vorgaben auf die Nordseite des Neubaus verlegt werden, sodass die Brücke an einer viel günstigeren Stelle an den Bestandsbau anschließt und sich nicht in den geometrisch klaren Hofraum des Bestandsmuseums stellt.
Dunkler Eichenboden, neutral weiße Wände und die Lichtdecke prägen die obere Ausstellungsfläche. Zwei Öffnungen schaffen Orientierung und Kontakt zum Außenraum.
Zwei Öffnungen geben gezielte Blicke auf das Schloss, das Bestandsmuseum und auf das Naturdenkmal der Platane frei.
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Für die Fassaden wurde ein durchgefärbter, fugenloser Sichtortbeton gewählt, der sich an die ockerfarbenen und rötlichen Flächen des Bestandsbaus anlehnt und diese in Betonfarbe und Zuschlägen abstrahiert wiedergibt. Der Sichtbeton wurde im Nachgang in zwei unterschiedlichen Verfahren manuell bearbeitet – in der unteren Zone wurde der Beton manuell geschliffen und darüber mittelgrob gestockt. Diese abstrahierte, vertikale Gliederung findet sich ebenfalls im Bestandsbau seiner Zeit entsprechend deutlich differenzierter wieder. Pro Fassadenseite laufen die Betonflächen an gebäudehohe, fassadenbündige Verglasungen heran, die die Betonflächen trennen und um die Ecke führen. Im Inneren verleihen großgerasterte Lichtdecken und die wenigen gebäudehohen Verglasungen den beiden stützenlosen Ausstellungshallen Proportion und Spannung.
Die untere Ausstellungshalle wird über eine großzügige Sitztreppe an die Zwischenebene auf Geländeniveau angebunden.
Eine transparente Brücke bildet den Hauptübergang vom Altbau in die obere Ausstellungshalle des Neubaus.
Lageplan
Grundriss Obergeschoss mit Brückenverbindung ins Bestandsmuseum
Längs- und Querschnitt
Partner Bau der Woche
Neubau der Galerie Alte & Neue Meister Schwerin
2016

Alter Garten 3
19053 Schwerin

Auftragsart
Architektenleistungen Lph. 1-9 (Zuschlagserteilung nach VOF-Verfahren)

Bauherrschaft
Betrieb für Bau- und Liegenschaften Mecklenburg-Vorpommern, Geschäftsbereich Schwerin

Architektur
ARGE Scheidt Kasprusch · Reiner Becker Architekten BDA, Berlin
Hermann Scheidt, Frank Kasprusch, Reiner Becker
Projektleitung: Christiane Giesenhagen
Bauleitung: Hubertus Schwabe

Fachplaner
Tragwerksplanung und Brandschutz: Krebs + Kiefer Ingenieure GmbH, Berlin
Haustechnik: IAM Haustechnik GmbH, Schwerin

Ausführende Firmen
Tiefbau Kurt Fredrich Spezialtiefbau GmbH, Loxstedt
Rohbau, Sichtbeton Lühn Bau GmbH, Lingen
Glasfassade flz | Stahl- und Metallbau Lauterbach GmbH, Lauterbach Rügen
Lichtdecke, Rentex, Eggenstein-Leopoldshafen

Energiestandard
ENEV

Bruttogeschossfläche
1.403 m²

Gebäudevolumen
7.760 m³

Kubikmeterpreis 
837 €/m³

Gebäudekosten
6.500.000 €

Gesamtkosten
8.100.000 €

Fotos
Rainer Gollmer Fotografie, Berlin

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