Freigelegt und ergänzt

Vor kurzem wurde das Gerling Hochhaus mit dem Sonderpreis für nachhaltige Stahlarchitektur ausgezeichnet. Ein guter Grund, sich die Transformation des Kölner Quartiers genauer anzuschauen. Johannes Kister von kister scheithauer gross stand uns Rede und Antwort.
Das Gerling Hochhaus: Aluminiumfenster und neue Loggien - in Abstimmung mit dem Denkmalschutz konnten Fensterbrüstungen abgesenkt und mit einer absturzsicheren Glasbrüstung versehen werden.
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Johannes Kister: Das Gerling-Ensemble ist ja nicht nur ein Gebäude, es ist die bauliche Visitenkarte eines großen deutschen Versicherungskonzerns und einer besonderen Architektur. Die Architektur, eine Mischung aus klassischem Erbe, etwas Drittes-Reich-Ästhetik und Moderne, entsteht eine Melange, die fast schon als eigener Stil zu sehen ist. Das ist auf Hans Gerling zurückzuführen, der als Versicherungsunternehmer gern auch in der Architektur mitmischte und die Entwürfe mit seinen Skizzen geprägt hat. Er hatte ein Talent, die Architektur der einzelnen Häuser städtebaulich in Szene zu setzen.
Die neue «Piazza Navona» im Kölner Gerling Quartier als zentraler öffentlicher Platz ist Herzstück des Ensembles.
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Leitidee der Transformation war es, das Büroquartier mit seinen tausenden von Mitarbeitern aufzubrechen und ein neues offenes Stadtquartier zu schaffen. Die Wurzeln der Gestaltung mit seinen schon von Gerling gewollten Verweisen auf die Piazza Navona wurden aufgegriffen und stehen heute bildhaft für die Idee des neuen Quartiers. Uwe Schmitz, der Bauherr der ersten Stunde, verfolgte von Anfang an die Nutzungsmischung und das Ziel eines lebendigen Quartiers.
Der freigelegte Stahlbau im Gerling Hochhaus
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt? Die ikonographische Gestalt von Gerling prägt den Marktwert des Ensembles und hätte Schaden genommen, wäre nach dem Umbau wenig davon übriggeblieben. Die Werterhaltung bedeutete also nicht nur, den heutigen technischen Anforderungen an Wärmedämmung, Schall und Brandschutz zu genügen – die natürlich hohe Anforderungen an eine Bausubstanz von 1960 stellen –, sondern dabei auch die qualitätvolle Detailmaßstäblichkeit der Fassade beizubehalten. Circa ein Jahr wurde zusammen mit der Denkmalpflege der Abwägungsprozess diskutiert und ein konzeptionelles Vorgehen entwickelt. Heute wirken die Bauten «erfrischt», aber nicht ihres Geistes entstellt. Das ist das, was wir uns als Architekten zuschreiben können; nämlich die Maßstäblichkeit und proportionalen Beziehungen der architektonischen Elemente und Gebäude als wesentliche Entscheidungsparameter immer als Richtschnur eingesetzt zu haben.
Im ehemaligen Friedrich-Wilhelm-Bau entstehen zurzeit 60 Wohnungen zwischen 60 und 240 qm.
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Im Bestand waren dutzend verschiedene Natursteine verwendet worden, die nun bei der kompletten Erneuerung untereinander abgestimmt werden mussten. Da zum großen Teil die Brüche nicht mehr existierten, war unsere Tätigkeit als Masterplaner sehr wichtig. Auch bei dem Neubau des Torhausgebäudes, was sich ganz präzise in seiner Lage und Kubatur aus dem imaginären Proportionsgerüst ableitet, haben wir in der doppelten Verglasung der Fassadenelemente mit ihren «Nadelstreifen» eine Thematik des Gerlinghauptgebäudes weiterentwickelt. Die spezielle Farbpalette der Bestandsbauten ist sehr vielschichtig und hat uns auch angeleitet. Natürlich ist die Gestalt der Neubauten authentisch unserer Zeit; aber auch Gerling hat seine architektonische Haltung von Gebäude zu Gebäude weiterentwickelt und neu interpretieren lassen. Er ist nie stehengeblieben. So soll auch heute die Entwicklung des Gesamtensembles verstanden werden. Als nicht abschließend.
Einer der wenigen Neubauten im Quartier: Das Torhaus als ein gläsernes Volumen, das in einer abstrakten Art und als Ergänzung erkennbar das Konzept der Platzbildung sichtbar macht.
In der Luftaufnahme wird die Größe des Quartiers deutlich (hier Projektstand: 2014)
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Partner Bau der Woche
Gerling Quartier Köln
1. Bauabschnitt: 2015
Fertigstellung geplant: 2018

Köln Friesenquartier (Christophstraße / Von-Werth-Straße / Gereonshof / Gereonskloster / Spiesergasse / Klapperhof / Hildeboldplatz)
50674 Köln

Nutzung
Büro / Wohnen / Gastronomie / Hotel

Auftragsart
Zweiphasiger, städtebaulicher Wettbewerb

Bauherrschaft
bis September 2012: FRANKONIA Eurobau AG
seitdem: IMMOFINANZ

Architektur
kister scheithauer gross architekten und stadtplaner, Köln/Leipzig
Verantwortlicher Partner: Prof. Johannes Kister
Projektleitung: Dagmar Pasch, Danijela Pilic
Projektteam: Maike Arndt, Dorothee Heidrich, Beate Münch, Sabine Süss

Fachplaner/Gutachter
Schmidt Reuter Integrale Planung und Beratung GmbH, Köln
Jeromin + Vester, Köln
Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft für Bau- und Verkehrswegeplanung mbH, Köln
HIG Hempel Ingenieure GmbH, Köln
THS Consulting TGA GmbH, Herne
HHP West Beratende Ingenieure GmbH, Bielefeld
Heinrichs Partnerschaftsgesellschaft Ing.-Büro für Bauphysik, Kerpen-Horrem
Corall Ingenieure GmbH, Meerbusch
Dr. Tillmanns Consulting GmbH, Düsseldorf
ag Licht Gesellschaft beratender Ingenieuer für Lichtplanung, Bonn
BIS Sassae & Fiebrich, Aachen
Kardoff Ingenieure, Berlin
Lill + Sparla Landschaftsarchitekten, KölnADU Cologne Institut für Immissionsschutz GmbH, Köln
Büro für Stadt- und Verkehrsplanung Dr. Ing. Reinhold Baier GmbH, Aachen
Fredersdorf Consulting, Köln
Vermessungsbüro Töpfer, Düsseldorf

Bauleitung
Heinle Wischer Gesellschaft für Generalplanung mbH, Köln
HTP Gesellschaft für Planen und Bauen GmbH, Köln
Aktuell: FW Engineers GmbH, Berlin

Ausführende Firmen
Rohbauarbeiten: Fa. Fritz Meyer GmbH
Natursteinfassade: Natursteinbetrieb Steinmann GmbH; Zeidler & Wimmel, Korbach
Fenster: HAGA Metallbau GmbH, Hofheim; EGR Holzbau GmbH & Co. KG, Sangerhausen; Annen GmbH & Co. KG
Dacharbeiten: Granderath Bedachungen GmbH, Mönchengladbach; Bedachungstechnik M. Schröder, Köln
WDVS-Fassadenputz: PSA Bauunternehmung GmbH, Neukirchen; Laudani GmbH, Köln; M. Cremer Malerbetrieb GmbH, Wassenberg
Innenputz: Laudani GmbH, Köln; PSA Bauunternehmung GmbH, Neukirchen
Metallbauarbeten: Gründkern Montage + Anlagenbau GmbH, Nottuln
Außenanlage: Leonhards + Ringbeck, Wuppertal
Tischlerei: Cramer Innenausbau, Köln
Trockenbau: Heinz Mänz Ausbau - Bohle Gruppe, Hannover
Metallbau innen: Metallbau Van Broek, Köln
Fliesen/Naturstein innen: Zeidler+Wimmel, Korbach

Hersteller
FSB, Coesfeld
sto AG, Köln-Feldkassel
Dornbracht Deutschland GmbH & Co. KG, Iserlohn
Villeroy & Boch AG, Mettlach
Warema Renkhoff SE, Marktheidenfeld

Bruttogeschossfläche
130.000 m²

Gesamtkosten
k.A.

Fotos
Marcus Schwier

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