Kleiner Bruder

In Berlin haben Barkow Leibinger kürzlich die zweite Etappe eines Ensemble-Projektes fertiggestellt. Regine Leibinger und Frank Barkow erläutern Ähnlichkeiten und Unterschiede der Geschwisterbauten.
Monnet 4 ist der zweite Bauabschnitt, gewissermaßen der «kleine Bruder» des Tour Total in Berlin
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Regine Leibinger und Frank Barkow: Monnet 4 ist der «kleine Bruder» des Tour Total, den wir 2012 als unser erstes Hochhaus realisieren konnten. Der knapp 70 m hohe Turm stand ja zuerst fast allein auf dem Gelände nördlich des Berliner Hauptbahnhofs, das sich nun ganz allmählich zur Europacity entwickelt. Im Masterplan für das Areal waren Turm und Block eigentlich als Einheit vorgesehen, wir haben dann in einem Workshopverfahren mit Senat und Bauherrn beide Bauteile voneinander gelöst und eine öffentliche Passage eingefügt. Als 2. Bauabschnitt hatte Monnet 4 also einen klaren Bezugspunkt. Es ging uns darum, ein starkes Ensemble zu schaffen, zwei offenkundig verwandte Gebäude mit einer spürbaren Beziehung und dennoch ganz eigenständigem Charakter – wie das bei Geschwistern eben so ist.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Uns reizt die Frage, wie sich an diesem Ort Lebendigkeit erzeugen lässt, städtebaulich und architektonisch. Die typische Berliner Rasterfassade kann es vertragen, wenn ihre preußische Strenge in Schwingung versetzt wird. Gibt es bei ihrem Anblick einen Moment der Irritation, tut ihr das gut. In unserer Arbeit beschäftigen wir uns viel mit der Wiederholung und Variation einzelner Grundmodule, also dem Prinzip, aus seriell produzierten Elementen ein vielfältiges Bild zu erzeugen. Kamen bei der tragenden Rasterfassade des Tour Total noch facettierte, fast weiße Betonfertigteile zum Einsatz, haben wir uns bei Monnet 4 für eine leichte Vorhangfassade aus Aluminium entschieden. Eine zweite Fassadenebene schafft Plastizität und überspielt das zugrunde liegende Ordnungsprinzip: Auf eine umlaufende Pfosten-Riegel-Konstruktion sind asymmetrisch ausgebildete Schwerter aus stranggepressten Aluminiumprofilen aufgesetzt, die in leichter Variation zum Einsatz kommen und allein durch unterschiedliche Drehungen schon eine große Dynamik und Lebendigkeit erzeugen.
Gebäudeeinschnitte im Erdgeschoss und 1.OG von Monnet 4 nehmen Bezug auf die Sockelzone des Hochhauses und unterstreichen die Ensemblewirkung
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Die wichtigste Veränderung geschah ja wie erwähnt in der städtebaulichen Entwurfsphase des Tour Total: die Auflösung des geschlossenen Blocks am Übergang Minna-Cauer- und Heidestraße. Heute bildet die räumlich spannungsvolle Passage zwischen Hochhaus und Block, die sich nach Süden zur Jean-Monnet-Straße aufweitet, eine direkte Wegeverbindung zum nördlich gelegenen Park. Wir haben Gebäudeeinschnitte im Erdgeschoss und 1. OG von Monnet 4 eingefügt, die Bezug nehmen auf die Sockelzone des Hochhauses und dadurch die Ensemblewirkung der beiden Gebäude noch weiter unterstützen.
Das Fassadenbild changiert zwischen Offenheit und Geschlossenheit
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Einen direkten baulichen Kontext neben dem Tour Total gab es zur Planungszeit ja nur auf dem Papier. Die Europacity soll einmal ein durchmischtes, urbanes Quartier werden. Wenn man für so ein großes, vollkommen neu zu entwickelndes Areal die allerersten Bausteine schafft, prägen diese Gebäude den Ort vielleicht mehr, als dass sie auf ihn reagieren. Aber natürlich haben wir versucht, mit der Kubatur der Gebäude auf die im Masterplan festgelegten räumlichen Zusammenhänge zu antworten – die Passage ist ein Beispiel dafür – und so zur angestrebten Urbanität und Belebung beizutragen. Nun werden wir sehen, wie das Ensemble im dritten Bauabschnitt weitergeht, bei Monnet 4 zeigen ja zwei Brandwände an, dass der Block noch auf Vollendung wartet.
Die asymmetrisch zugeschnittenen Fassadenschwerter zeichnen einen schimmernden, dynamischen Linienverlauf auf die Fassade
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Ganz klar die maßgeschneiderten Aluminium-Finnen. Die Fassade bekommt damit eine unterschiedliche Nah- und Fernwirkung, kann mit Offenheit und Geschlossenheit spielen und verändert sich mit jedem Lichteinfall. Wir wollten nicht wie beim Tour Total noch einmal mit Beton arbeiten, sondern diesmal scharfkantige, präzise Metallelemente nehmen. Aus bestimmten Blickwinkeln sehen die Aluminiumelemente ganz weich aus, als wären sie wie ein wehender Vorhang. Uns ging es um dieses schimmernde, bewegte Bild eines beinahe textil wirkenden Fassadenkleids – filigraner als beim Tour Total, aber mit dem gleichen visuellen Effekt. Wir sind sehr froh, mit dem Bürogebäude «Bertha Berlin» für einen anderen Investor etwas weiter südlich in der Europacity die «Fassadenfamilie» derzeit sogar noch zu erweitern. Hier setzen wir Finnen aus Naturstein mit unterschiedlichem Zuschnitt als zweite Fassadenebene ein, die äußere Hülle wird wieder zur räumlichen Schicht, auch hier löst sich die Strenge der Fassade in einem leichten Wellenspiel auf, das je nach Tageszeit und Wetterlage unterschiedlich wirkt.
Beide Gebäude sind Teil des Masterplans für das Entwicklungsgebiet „Europacity“ rund um den Berliner Hauptbahnhof
Die flexiblen Bürogeschosse sind für alle Bürotypen vom Zellenbüro bis Open Space geeignet
Über der gemeinsamen Tiefgarage erheben sich das Hochhaus und das sechsgeschossige, 23m hohe Bürohaus
Partner Bau der Woche
Bürogebäude Monnet 4
2015

Jean-Monnet-Straße 4
10557 Berlin

Auftragsart
Direktauftrag

Bauherrschaft
CA Immo Deutschland GmbH, Frankfurt am Main

Architektur
Barkow Leibinger, Berlin
Frank Barkow, Regine Leibinger
Mitarbeiter*innen: Klaus Reintjes (Projektleitung), Christina Möller, Tim Unnebrink, Ulrich Fuchs, Arne Löper, Patrik Unger, Tyler Swingle

Fachplaner
Projektmanagement: omniCon Gesellschaft für innovatives Bauen mbH, Berlin
Tragwerksplanung: GUD Planungsgesellschaft mbH, Berlin
Haustechnik: corpo two Management GmbH, Berlin
Klima + Energie: ITA Ingenieurgesellschaft für technische Akustik Weimar mbH, Weimar
Fassadenplanung: MBS Projekt GmbH, Wietze
Nachhaltigkeitsberater: Drees & Sommer, Berlin
Elektroplanung: Ruß Ingenieurgesellschaft mbH, Berlin
Brandschutz: HHP Berlin Ingenieure für Brandschutz GmbH, Berlin
 
Bauphysik
ITA Ingenieurgesellschaft für technische Akustik Weimar mbH

Ausschreibung + Bauleitung
omniCon Gesellschaft für innovatives Bauen mbH, Berlin

Ausführende Firmen
Heiz-/Kühldecken / Metalldecken: Lindner AG
Metall-Glas-Fassaden: FKN Fassaden GmbH & Co. KG
Metalltüren: Heller Tortechnik
Rohbau: Ed. Züblin AG Direktion Stuttgart
Schreinerarbeiten, Empfangstresen: HP Tischlerei GmbH
Systemtrennwände: DRUM GmbH & Co.KG
Terrazzo, Marmorveredelung: Foerg & Weisheit GmbH
Trockenbauarbeiten + Holztüren: Top-Spezialbau GmbH

Hersteller
Fassade: Hueck
Abhang-/ Heiz-Kühldecken: Lindner
Rohrahmentüren: Forster
Holztüren: Neuform
Stahltüren/Tore: Hörmann
Türbeschläge: FSB
Trockenbauwände: Knauf
Sanitärobjekte: Duravit
Systemtrennwände: DRUM

Energiestandard
DGNB Gold

Bruttogeschossfläche
9.939m²

Gesamtkosten
k.A.

Fotos
Corinne Rose (1, 3, 4)
Werner Huthmacher (2)

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