Traumprojekt Kirche

In Balingen-Frommern haben Klumpp + Klumpp Architekten die Katholische Pfarrkirche St. Paulus fertiggestellt. Julia und Hans Klumpp erläutern die ehrwürdige Aufgabe.
Platz mit Turm und Kirche
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere in dieser Bauaufgabe?
Hans Klumpp: Zunächst einfach ein Traum, heute noch eine Kirche bauen zu dürfen! Das Wissen um die zahlreichen, grandiosen Kirchenbauten, die die gesamte Baugeschichte durchziehen und die teilweise über Jahrhunderte und bis zum heutigen Tag nicht ersetzbare Zeugnisse hoher Baukultur darstellen, macht uns ehrfürchtig beim Entwerfen. «Geheimnis, Mystik, Sakralität»…diese Begriffe sind kein Alltag für uns Architekten und fordern uns, Raum für etwas zu bauen, das man nicht immer messen, berechnen oder beschreiben kann.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Julia Klumpp: Beim Verfahren des offenen Wettbewerbs konnte man sehen, dass die Architektenschaft sich bei dieser Bauaufgabe zu allen möglichen Formen und Stilen inspirieren ließ. Rund, dreieckig, oval, schräges Dach, gefaltetes Dach, geknautschtes Dach, Glas, Beton, Mauerwerk oder Materialmix! Unser Anliegen war es eher,  den neuen Baukörper in den vorhandenen Kontext so zu fügen, dass er ein Teil der Gemeinschaft dieses Ortes wird. Der Ort brauchte eine stadträumliche Klärung. Vorhandene Wegebeziehungen werden aufgegriffen und münden jetzt erst auf dem Kirchplatz, der begrenzt wird von Pfarrhaus, Gemeindehaus und der neuen Kirche. Dadurch wird der alte Kirchturm zum wirklichen Mittelpunkt des gesamten kirchlichen Zentrums.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Hans Klumpp: Der Entwurf reagiert zunächst auf die orthogonale Grundstruktur der vorhandenen städtebaulichen Struktur. Der Kirchenbau  schafft durch die Positionierung an der Westgrenze des Grundstücks einen für den Ort angemessenen und klaren Platzraum, der sich mit den wichtigen Geh- und Wegeachsen räumlich verwebt. Vorhandene, kennzeichnende Gestaltungsmerkmale werden aufgegriffen und bestimmen das Erscheinungsbild der neuen Kirche.
Altar
Orgel
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Hans Klumpp: Das städtebauliche Konzept hat sich nicht geändert. Die Ausformung des Baukörpers ist während der Planungsphase differenzierter geworden und hat zu einer Reduktion des Bauvolumens geführt. Dies hat sich unter anderem durch eine sensiblere Einpassung an die Maßstäblichkeit der umgebenen Baukörper ergeben. Wenn man jetzt auf dem Kirchplatz steht ist es angenehm, daß nur der Hauptraum, also das wertvolle Kirchenschiff mit seinem Altarbereich baukörperlich erhöht ist und der transluzente Umgang mit dem Pfarrbüro als dienende Räume eher einen vermittelnden Maßstab zum Platz hin schaffen.
Altar seitlich
Flur und Eingang
Madonne
Eingang und Windfang
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Julia Klumpp: Unser Anliegen schon bei der Entwicklung der Idee für die Wettbewerbsaufgabe war es, keinen neuen Fremdkörper in Frommern zu bauen, sondern ein stimmiges Ganzes zu entwickeln. Dies gelingt unserer Meinung nach nicht nur durch eine gekonnte und sensible städtebauliche Einfügung, sondern auch durch eine Detailausbildung, die am Ort entwickelt wird. Die Detailgestaltung des Erdgeschosses und des Altaroberlichts zitiert mit seinen vielen tragenden Kanthölzern aus massivem Eichenholz die Einhausung des bestehenden Kirchengeläuts. Diese Material- bzw. Detailidee war eine der ersten Skizzen für den Wettbewerb, und sie war eine der tragenden Beiträge dafür, wie man die Besonderheiten dieses Ortes in einem neuen Gebäude fortschreiben kann. 
Skizze Stadtraum
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Ansicht Neubau St. Paulus
Partner Bau der Woche
Kath. Pfarrkirche St. Paulus
2015

St.-Paulus-Straße 1
72336 Balingen-Frommern

Auftragsart
Wettbewerb, 1. Preis, LPH 1-9

Bauherrschaft
Katholische Kirchengemeinde Frommern
vertreten durch Pfarrer Ewald Ginter, Balingen- Frommern,
begleitet von Bischöfliches Bauamt Rottenburg, Herr Schwieren, Hr. Dr. Giese

Architektur
KLUMPP + KLUMPP Architekten BDA
(Prof. Hans Klumpp, Dipl.-Ing., Freier Architekt BDA
Julia Klumpp, M. Eng., Dipl.- Ing. (FH), Freie Architektin)
Stuttgart
Mitarbeiter: Armin Traubenek, Thilo Sprenger, Boris Peter, Julia Winkler

Fachplaner
Tragwerksplaner: Prof. Faltlhauser Ingenieure, Reutlingen, Konstanz
HLS- Planer: Nürk und Partner, Denkendorf
Elektroingenieur: Neher+ Butz, Konstanz , Ulm
Lichtplanung: Stromlinie Lichtdesign Mahler, Konstanz
Landschaftsplaner: Prof. Möhrle, Stuttgart
Bauphysik: GN Bauphysik, Stuttgart
Brandschutz: Drescher und Partner, Herbolzheim
Grafiker Glasfassade: Wolf-Dieter Gericke, Waiblingen

Bauleitung
Roland Göppel, Göppel Strittmatter Halling Architekten, Ludwigsburg,
im Auftrag von Klumpp+Klumpp

Kunst am Bau
Liturgische Orte: Sabine Straub, München
Kreuzwegstationen: Matthias Maria Heiermann, Köln-Sürth
EG-Verglasung: Wolf-Dieter Gericke, Waiblingen
Glas Marienkapelle: Derix Glasstudio, Taunusstein
Bodenintarsien Kirchplatz: Monika Baumhauer, Stuttgart/Schwäbisch Gmünd

Kunst am Bau als integraler Bestandteil der Architektur

Ausführende Firmen
Rohbauer: Christian Stotz ß Sohn, Balingen-Frommern
Zimmerer: Müllerblaustein Holzbau, Blaustein
Klempner: Lange Dachtechnik, Balingen-Frommern
Fenster: Lacker AG, Waldachtal-Lützenhardt
Bedruckung Glas: Eicher Werkstätten, Kernen im Remstal
Elektro: Elektro Piske, Albstadt
Beschallung: Günther Akustik, Weißenhorn
Lüftung: Bubeck Lufttechnik, Westerheim
Heizung+MSR: Glombitza-Mutschler, Albstadt-Ebingen
Sanitär: Rainer Linder, Albstadt-Ebingen
Putzarbeiten: Kaupp, Schramberg-Sulgen
Maler: Heinrich Schmid, Reutlingen
Vergolder: Erich Buff, Bingen
Estrich: Estrich Bossert, Kernen
Kautschuk: Die Wohnidee Stolz, Wendlingen
Schlosser: Kraft Metallbau, Balingen
Innenausbau: Bernhard Launer, Dinkelsbühl
Eingangstüre: Bernd Hieber, Aalen-Wasseralfingen
Landschaftsgärtner: Werner, Haigerloch

Hersteller
Orgel: Vleugels Orgelmanufaktur, Hardheim
Kirchengestühl: Gebr. Hauser, Spaichingen
Fensterfassade: Lacker AG, Waldachtal-Lützenhardt
Putz: Sto, Stühlingen
Schalterprogramm: Gira

Energiestandard
EnEV 2014, - 40%,
Fernwärmenetz mit Energieträger Holz (Pellets)

Bruttogeschossfläche
548 m²

Gebäudevolumen
4.952 m³

Gesamtkosten
3.120.000 €  (ohne Außenanlagen und ohne Orgel)

Fotos
Zooey Braun

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