Wechselblick

Das Architekturbüro bodensteiner · fest hat 2015 das Pfarrheim Herz Jesu in Ingolstadt fertiggestellt. Annette Fest und Christian Bodensteiner erläutern, wie man zeitgenössische Architektur «an die Gemeinde» bringt.
Nach dem Figur-Grund Prinzip entworfene Fassade (hier: Straßenansichten) bei Nacht 
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Annette Fest und Christian Bodensteiner: Mit dem minimalistischen Gestaltungskonzept wollten wir den Blick aufs Wesentliche fokussieren. Es ging uns darum, einen Ort mit besonderer Ausstrahlung zu schaffen. Ein Gebäude, das dem Kontext entsprechend Weite, Geborgenheit und eine meditative Ruhe ausstrahlt. Das Pfarrheim soll sich zurücknehmen und Raum bieten für Gespräche und Veranstaltungen bis hin zu rauschenden Festen der Gemeinde – quer durch alle Schichten und Altersstufen. Das drückt sich einerseits in der Offenheit des Hauses aus, andererseits aber auch in der Lichtführung, den Materialien und deren Ausstrahlung.
Straßenansicht Zeppelinstraße. Links angeschnitten die denkmalgeschützte Kirche von 1963
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Der Wunsch nach wechselseitigen Aus- und Einblicken gegenüber dem öffentlichen Raum und dem Garten haben uns zu den großzügigen, stützenfreien Öffnungen im Erdgeschoss inspiriert. Im Obergeschoss bleibt der Saal hingegen komplett geschlossen. Gestaltungsprinzip der Fassade sind die an den Außenecken – zum Teil übereck – angeordneten Öffnungen, die die Flächen nach dem Figur-Grund-Prinzip gliedern. Im kleinen Saal im Obergeschoss wiederholt sich die Übereck-Verglasung vertikal in Form einer Überkopfverglasung. Den Garten wollten wir darüber hinaus für Veranstaltungen und Feste aktivieren und haben dem Saal auf voller Länge eine Terrasse vorgelagert.
Foyer mit Betontreppe und Garderobenhakenwand
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Der Neubau bezieht sich sowohl in seiner Kubatur als auch in seiner klaren Struktur und seiner Materialität auf die denkmalgeschützte Betonkirche von 1963 mit ihrem fast monumentalen Kirchturm. Er stellt ihr einen prägnanten kubischen Baukörper zur Seite. Unser Ziel war, Alt und Neu zu einem ausgewogenen, kirchlichen Ensemble zusammenzufügen, das sich aber gegenüber den umgebenden Einfamilienhäusern in Farbe, Erscheinungsbild und Dachform deutlich absetzt. Sowohl die städtebauliche Setzung des Neubaus entlang der Straße als auch die Öffnung des Saals zum öffentlichen Raum signalisieren ein offenes, einladendes Haus und machen das Gemeindeleben nach außen spürbar.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Den Wettbewerb hatte das Diözesanbauamt veranlasst. Auch wenn unsere Arbeit einstimmig für den ersten Platz ausgewählt wurde, war es in der weiteren Abstimmung stellenweise nicht ganz leicht, die Kirchengemeinde für ein so modernes, minimalistisches Gebäude zu begeistern. Sie können sich vielleicht die ungläubigen Gesichter bei einer Führung durch den Rohbau vorstellen, als jemand fragte: «Und die Wände sollen wirklich so bleiben...?» Im Ergebnis kommt aber selbst der Sichtbeton bei den Nutzern sehr gut an.
Blick vom Saal zur Küchenausgabe bzw. ins Foyer hinter der Pivottüre
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Im Wettbewerb hatten wir das Pfarrheim noch näher an den Bestand herangesetzt und damit stärker in den bestehenden Umgang eingefügt. Wir wollten gleichzeitig den Innenhof zur Straße öffnen und einen neuen überdachten Vorbereich für die Kirche schaffen. Aufgrund des Einspruchs des Amts für Denkmalpflege waren wir gezwungen, die Gebäudeposition und die Erschließung umzuplanen. Um Kosten einzusparen, entwickelten wir gleichzeitig das im Wettbewerb bereits angelegte Konzept von Funktionsüberlagerungen und Mehrfachnutzungen weiter. Ziel war es, die Unterhaltskosten angesichts schrumpfender Kirchenmitgliederzahlen zu reduzieren und lieber kleiner und dafür hochwertiger zu bauen. Im Zuge der Einsparungsbemühungen entstand dann auch die Idee, anstatt eines eigenen Garderobenraumes das Foyer als Garderobe mit zu nutzen. Mit dem Metallgestalter Sebastian Hepp entwickelten wir Garderobenhaken aus Schwarzstahl, die eingeklappt flächenbündig in der Betonwand verschwinden.

Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Der helle Sichtbeton der Wände, der Decken und der Treppe bestimmt das Erscheinungsbild des Gebäudes im Inneren. Die Kombination mit dem silberfarbenen Eichenholz der Türen, Wandverkleidungen und Einbaumöbel und dem Eichenparkett verleiht dem Beton eine warme, lebendige Ausstrahlung. Außer Glas und dem Schwarzstahl der Beschläge findet man in dem Gebäude kaum weitere Materialien.
Eingeklappt verschwinden die Garderobenhaken aus Schwarzstahl wandbündig in der Sichtbetonfläche der Foyerwand 
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Längsschnitt
Partner Bau der Woche
Pfarrheim Herz Jesu
2015

Zeppelinstraße 88
85051 Ingolstadt

Auftragsart
1. Platz Mehrfachbeauftragung

Bauherrschaft
Kirchenstiftung Herz Jesu, Ingolstadt

Architektur
bodensteiner · fest architekten stadtplaner BDA, München

Fachplaner
Tragwerk: IB Haushofer, Markt Schwaben
HLS: IB MEAC, München
ELT: IB Bamberger, Pfünz

Ausführende Firmen
Rohbau: Schiebel, Gaimersheim
Garderobenhaken: Sebastian Hepp, München
Fenster: Heigl, Miltach
Schreiner: Mayr, Manching
Parkett: Thurner, Eichstätt

Energiestandard
EnEV

Bruttogeschossfläche
500 m²

Gebäudevolumen
2.250 m³

Fotos
Florian Holzherr

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