Flanieren am Rhein

Im Kölner «Tatort» stehen Ballauf und Schenk oft auf der «Schäl Sick», der «falschen» Seite von Köln, und haben hinter sich Dom und Altstadt. Damit nun aus der falschen eine richtige Seite wird, haben die Landschaftsarchitekten von Planorama den Uferweg von Köln-Deutz auf einem halben Kilometer Länge neu gestaltet. Maik Böhmer im Gespräch.
Blick nach Norden in Richtung Hohenzollernbrücke
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Maik Böhmer: Der Bau des Rheinboulevards rückt den Rhein, der in Köln lange Zeit als Grenze zwischen der Altstadt und der rechtsrheinischen «Schäl Sick» begriffen wurde, nun in die Stadtmitte und macht den Fluss im Stadtraum erfahr- und erlebbar. Die 500 m lange Ufertreppe als Kern des Entwurfs faltet sich elegant hinab zum Wasser, überwindet sechs Meter Höhenunterschied und bietet hohe Aufenthaltsqualität. Der Rheinboulevard wertet damit auch den rechtrheinischen Stadtteil Köln-Deutz nachhaltig auf.
Blick vom Rheinboulevard auf die Kölner Altstadt und die Hohenzollernbrücke
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Wir wagten – wohl mit einer ordentlichen Portion Naivität und dem Wagemut junger Selbstständiger – den Vorschlag einer ganz großen Geste. Obwohl die Stadt Köln als Ausloberin des Planungswettbewerbs ein solches Bauwerk in der Uferböschung nie vorgesehen hatte, überzeugte der Entwurf Jury und Politik. Die Dimensionen des Rheins, die westliche Ausrichtung der Treppe, das Rauschen des Wassers sowie die von der Sonne gewärmten Sitzstufen suggerieren an warmen Sonnentagen gar mediterrane Urlaubsstimmung.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Der Rheinboulevard ist ein neuer Freiraum, der in Köln so bisher nicht existierte: Die Ufertreppe integriert den Rhein, macht den Fluss zu einem Teil des Ganzen, macht ihn erlebbar. Von hier aus haben die Besucher – bis zu 10'000 Menschen haben hier Platz – einen einmaligen Blick auf die Kölner Stadtsilhouette mit der Welterbestätte Kölner Dom.
Detail Betonstufen und Basaltwand
Detail
Blick vom südlichen Auftakt Richtung Norden mit Kanurampe
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Das finale Erscheinungsbild unterscheidet sich nur wenig vom Wettbewerbsentwurf von 2007. Zu integrieren war in die Planung jedoch der 2007 bereits beschlossene und in Baufertigstellung befindliche Kölner Hochwasserschutz in Form einer wuchtigen Betonmauer auf dem Hochufer, der Stadt und Wasser doch wieder voneinander trennte und einen Höhenunterschied von einem Meter zwischen Land- und Wasserseite vermittelt. Es war eine große Herausforderung, aufgrund vieler unveränderbarer Rahmenbedingungen dieses massiven Ingenieurbauwerkes, doch noch Zugänge durch die Mauer zum Wasser und auf die geplante Treppe zu verhandeln. Auch Anrainer und interessierte Bürger wurden von Beginn in das Projekt mit einbezogen: Für die Vermittlung des Vorhabens wurden mehrere Bürgerbeteiligungsverfahren mit gemeinsamen Planungsworkshops durchgeführt.
Eine zweite Spezialität: In den Entwurf war von Beginn an ein Bodendenkmal zu integrieren, die Überreste eines römischen Kastells lagen in dem zu beplanenden Gebiet. Während der Bauarbeiten kam es zu weiteren bedeuteten archäologischen Funden aus 2000 Jahren Stadtgeschichte, die wir schließlich gut in den Entwurf integrieren konnten. Diese spannungsvollen Brüche bereichern heute die Gesamtgeste.
Lageplan
Schnitt
Vogelflug
Partner Bau der Woche
Rheinboulevard Köln-Deutz
2015

Kennedy-Ufer
50679 Köln-Deutz

Nutzung
Freianlage

Auftragsart
1. Preis bei begrenzt zweiphasigem kooperativem Realisierungswettbewerb mit anschließender Beauftragung

Bauherrschaft
Stadt Köln – Amt für Landschaftspflege und Grünflächen

Landschaftsarchitektur
Planorama Landschaftsarchitektur, Berlin
Projektleitung: Maik Böhmer, Katja Erke

Projektteam: Ulf Schrader, Sebastian Meyer, Marleen Krüger, Mareike Knocke, Markus Loh

Fachplaner
Tragwerksplanung: Bung Ingenieure AG, Köln; Schüßler-Plan, Düsseldorf
Projektsteuerung: Kempen Krause Ingenieure GmbH, Aachen
örtliche Bauüberwachung Teil Ufertreppe: Franz Fischer Ingeniuergesellschaft mbH
Gutachten Baugrund Ufertreppe: Arcadis Deutschland GmbH
Gutachten Baugrund Boulevard: Althoff & Lang GbR, Köln
Gutachten Denkmal: Thomas Lemkuhl, Köln
Gutachten Umweltverträglichkeit: Dalhaus & Engelmayer GbR, Weilerswist
Gutachten Baugrund: IEG – Institut für Erd- und Grundbau, Grevenbroich
Prüfingenieur: Hegger & Partner Aachen
SiGeKo: Diga Ingenieure GmbH & Co. KG / Grüning Consulting GmbH, Düsseldorf
Tragwerksplanung Kürassier-Reiterstandbild PLMK Beratende Ingenieure Köln

Ausführende Firmen
Ufertreppe: ARGE Rheinboulevard Köln-Deutz Hochtief-Bunte, Köln
Dammrückbau und Erstellung Hochwasserschutzwand: Hochtief Construction AG Köln
Los 1 Boulevard: Wegebau Wittfeld GmbH, Wallenhorst
Los 2 Boulevard: Garten- und Landschaftsbau Ralph Krämer GmbH, Köln
Lose 3 und 4 Boulevard: Instandsetzung Denkmäler und Ingenieurbauwerke ARGE Rheinboulevard, Köln-Deutz; Hochtief-Bunte, Köln

Hersteller
Betonfertigteile Ufertreppe: Lothar Beeck Stahlbetonbau GmbH & Co. KG, Mönchengladbach
Betonfertigteile Boulevard: Stangl AG, Waldkraiburg
Verblendmauerwerk Bastionen: Grüner Stein GmbH, Raesfeld
Tischlerarbeiten: B. Quappen Holzbau GmbH & Co.KG, Sögel
Metallbau Geländer Ufertreppe: Müller & Sohn Stahlbau GmbH&Co KG, Kall
Natursteinmauerwerk Ufertreppe: Grüner Stein GmbH, Raesfeld
Natursteinarbeiten Denkmale: G.T. Kylltaler Sandstein GmbH, Bitburg
Verfugung Betonfertigteile Ufertreppe: KF- Fugentechnik GmbH, Köln
Bodeneinbauleuchten: Semperlux AG, Berlin, Modell Artika 361
Wandeinbauleuchten: Bega, Menden, Modell 2378

Fläche
Gesamtfläche 10 ha
1. Realisierungsabschnitt zw. Hohenzollernbrücke und Deutzer Brücke 2 ha

Gesamtkosten 1. Realisierungsabschnitt
24.000.000 €
 brutto

Auszeichnung
Hanns-Schaefer-Preis 2015 des Kölner Haus- und Grundbesitzverein von 1888

Fotos
Hanns Joosten

Projektvorschläge Sie haben kürzlich fertiggestellte Projekte oder möchten diesen Beitrag kommentieren? Wir freuen uns auf Ihre Nachricht!
 Archiv «Bau der Woche»