Holzlaube

An der FU Berlin haben die Münchner Florian Nagler Architekten die Kleinen Fächer auf dem Obstbaugelände zusammengeführt und den Neubau der Naturwissenschaftlichen Bibliothek errichtet. Wir haben uns mit Florian Nagler über seinen Entwurf unterhalten.
Bereits am Eingang an der Fabeckstraße ist die besondere Materialität des Neubaus deutlich spürbar.
Thomas Geuder: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Florian Nagler: Unsere «Holzlaube» ist Bestandteil eines in fünf Jahrzehnten gewachsenen Gefüges, der sogenannten Rost- und Silberlaube, das auf Grundlage eines Wettbewerbsentwurfs von Candilis Josic und Woods entwickelt wurde. Manfred Schiedhelm hat daran weitergebaut, auch Norman Foster hat neben der Sanierung der Rostlaube mit der philologischen Bibliothek einen weiteren Baustein hinzugefügt. Der Gebäudekomplex ist im Kern eines der bedeutendsten Beispiele eines strukturalistischen Gebäudes. Insofern war es eine besondere Herausforderung, in diesem Kontext zu arbeiten und den Komplex angemessen weiterzuentwickeln.
Die horizontale Betonung der Fassade legt sich geschickt um die Ecke. Im Bild: Ansicht von Norden (Rudi-Dutschke-Weg)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Eigentlich sind Rost- und Silberlaube eher eine gebaute Topographie und ein strukturelles Gewebe, als ein Haus. Wir haben versucht, die typische ein- bis dreigeschossige Anlage weiterzuführen, dabei aber auch Probleme hinsichtlich der Orientierung in Rost- und Silberlaube zu vermeiden. Außerdem war es uns ein besonderes Anliegen, für die «Kleinen Fächer» (16 Institute), die bisher in Villen in Dahlem «residierten», und die – zunächst gegen ihren Willen – im Neubau zusammengelegt wurden, einen Ort zu schaffen, an dem sie Ihre Identität beibehalten und dennoch von der räumlichen Nähe zueinander profitieren können, vor allem in Hinsicht auf den interdisziplinären Austausch.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Wie die meisten Bauherren den Entwurf beeinflussen, was ich auch als durchaus als hilfreich empfinde: Durch Fragen, kritische Einwände und – da in unserem Falle der Bauherr eine Bauabteilung war, die über große Erfahrung mit Universitätsbauten verfügte und natürlich auch den Bestand sehr gut kannte – Ratschläge aufgrund eigener Expertise.
In der Bibliothek und in den Seminarräumen wir das GEbäude mit einer konventionellen Lüftungsanlage mechanisch belüftet. Im Bild: Die Ansicht Bibliothek von Norden.
Der Innenhof, ebenfalls mit runden Ecken versehen, lädt zum geschützten Verweilen.
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Extrem! Unser Wettbewerbsentwurf von 2005 sah noch eine durchgängig zweigeschossige Bebauung über die ganze Breite des Grundstücks bis hin zur Fabeckstraße vor. Dabei wurde die ursprüngliche Idee von Candilis, Josic und Woods von 1963 aufgegriffen und dessen teppichartige Bebauung zu Ende geführt. Allerdings war die im Wettbewerb vorgeschlagene Bebauungsstruktur sehr raumgreifend und aufgrund der aufwändigen Erschließungen innerhalb des vorgegebenen Kostenrahmens nicht umsetzbar. Daher wurde in mehreren Überarbeitungsschritten das Raumprogramm straffer und sparsamer organisiert. So konnte nicht nur das gesamte Raumprogramm im nördlichen Bereich des Grundstücks kompakt angeordnet werden, sondern zusätzlich Flächen für eine naturwissenschaftliche Bibliothek und einen gemeinsamen Zugang für die bestehende EWI-Bibliothek und die neuen Bibliotheken untergebracht werden. Im Süden des Areals steht dem Bauherren nun sogar noch eine Baulandreserve für einen weiteren Bauabschnitt zur Verfügung. Dafür haben wir einen auf unserem Wettbewerbsbeitrag beruhenden Masterplan erarbeitet, der als Grundlage für die weitere, eventuell abschließende Bebauung des Areals dienen soll.
Die Innenraum der Bibliothek ist geprägt von hellen Flächen und gezielt gesetzten Schattenfugen.
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Die Haltung des Bauherren, bei der Haustechnik auf jeglichen innovativen Ansatz zu verzichten («Bauteilaktivierung ist zu wenig erprobt»), hat uns zunächst etwas enttäuscht. Das Haus ist an das bestehende Fernwärmenetz angeschlossen, hat einfachste Heizkörper, wird nur in wenigen Bereichen (nämlich der Bibliothek und in den Seminarräumen) mit einer konventionellen Lüftungsanlage mechanisch belüftet. Der Rest des Gebäudes funktioniert über Fensterlüftung mit Nachtauskühlung und der Aktivierung entsprechend vorhandener (von uns eingeplanter) Speichermassen. Im Nachhinein (und vor dem Hintergrund hoch technisierter Plusenergiegebäude, die wir zuletzt geplant und gebaut haben) frage ich mich manchmal, ob gerade dieser Verzicht auf neueste Technik und neueste energetische Konzepte und der Einsatz von schlichter, über Jahrzehnte bewährter Haustechnik, nicht die eigentliche Innovation ist.
Fassadenvergleich Rostlaube / Silberlaube / Holzlaube
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Nach Rost- und Silber als Fassadenmaterial war natürlich eine spannende Frage, wie wir die Materialität weiterführen würden. Das gewählte Material «Holz» führt zwar weg von den Metallfassaden und hin zu einem regenerativen Baustoff, bleibt aber dennoch dem Duktus der Fassaden von Rost- und Silberlaube treu und ist für das Projekt so prägend, dass sich der Name «Holzlaube» bereits etabliert hat.
Schwarzplan
Grundriss Erdgeschoss
Längsschnitt Feuerwehrstraße
Partner Bau der Woche
FU Berlin, Zusammenführung der Kleinen Fächer im 3.BA - Obstbaugelände / Neubau Naturwissenschaftliche Bibliothek
2015

Fabeckstraße 23-25
14195 Berlin

Nutzung
Universität, Bibliothek

Auftragsart
Wettbewerb

Bauherrschaft
Freie Universität Berlin

Architektur
Florian Nagler Architekten, München
Projektleitung: Almut Schwabe, Matthias Müller, Christoph Haag
Mitarbeit: Tina König, Inez Lemburg, Anne Rahausen, Alexander Barnsteiner, Amandine Descamps, Christian Dürr, Alexandra Firner, Christine Kanngießer, Philipp Sürth, Yvonne Toepfer, Fabian Trapp, Britta Weiss

Fachplaner
Tragwerksplanung: Leonhardt, Andrä und Partner, Beratende Ingenieure VBI AG, Berlin
Haustechnik: Ingenieurgesellschaft W33 mbH, Berlin
Akustik: ACBM Acoustic Consulting Bernhard Marx, Berlin
Brandschutz: sbg Sachverständigenbüro Goldmann, Berlin
Außenanlagen: Häfner Jiménez Betcke Jarosch Landschaftsarchitektur, Berlin

Ausführende Firmen
Rohbau: ANES Bauausführungen Berlin GmbH, Berlin
Fassade: Fa. Rubner Holzbau GmbH, Augsburg
Dachdichtung: Fa. Hans-J. Bley Bedachungen GmbH, Brieskow
Schlosser: Metallbau Hans Walther GmbH, Bannewitz

Gebäudevolumen
116.400 m³

Bruttogeschossfläche
24.800 m2

Gesamtkosten
(200-700) brutto
51.600.000 Mio €

Fotos
Stefan Müller-Naumann (2-5)
Marc Winkel-Blackmore (1)
Florian Nagler Architekten (6)

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