Am rechten Fleck

Seit kurzem kann in der Wallonerkirche in Magdeburg das neue Gemeindehaus genutzt werden. Steinblock Architekten entschieden sich für die Verdichtung nach Innen, um die Gemeinde sichtbarer zu machen und gleichzeitig den großen Raum der Kirche ergänzend zu nutzen.
Der zweigeschossige Neubau nimmt mit seinen 7 Metern Höhe nur 1/3 der Höhe des Langhauses ein. Der lichtdurchflutete Kirchenraum wurde so wie mit einem «Möbelstück» ausgestattet. 
Katinka Corts: Sie haben inmitten der Wallonerkirche gebaut. Wie ist es dazu gekommen? 
Ulrike Tietze: Die Wallonerkirche St. Augustini wie auch die Evangelisch-Reformierte Gemeinde blicken auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Die dreischiffige Hallenkirche geht auf die Grundsteinlegung 1285 zurück, wurde als Klosterkirche genutzt, im Zuge der Reformation säkularisiert, als Zuchthaus, Armenhospital, Mehlspeicher genutzt, zerstört und wieder aufgebaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben nur die Umfassungswände erhalten, in den 1960er-Jahren wurde die Kirche vereinfacht wieder aufgebaut. Die Ev.-reformierte Gemeinde geht auf die Gründung durch protestantische Glaubensflüchtlinge zurück, die ab 1689 in großer Zahl nach Magdeburg kamen und die damalige Kirche St. Augustini zur Nutzung übertragen bekamen. Nach dem Krieg mussten drei Magdeburger reformierte Gemeinden unterschiedlicher Herkunft vereinigt werden. Die vereinigte Gemeinde nutzte im angrenzenden Gemeindezentrum angemietete Räume, die in den letzten Jahren nicht mehr die für eine moderne lebendige Gemeinde gewünschten Bedingungen boten: im Obergeschoss gelegen, ohne Aufzug für ältere und behinderte Menschen schwer erreichbar, ohne Toiletten und Teeküche, in einem versteckten Winkel schwer zu finden und ohne Präsenz in der Öffentlichkeit. Damit die Gemeinde wieder sichtbarer werden und gleichzeitig die riesige Kirche mit Leben gefüllt werden kann, entschlossen wir uns für den Neubau der Gemeinderäume im Langhauses der Wallonerkirche.
Durchblick in der Längsachse
In einer Kirche weiterzubauen ist ungewöhnlich. Wie reagierte die Gemeinde darauf, dass «ihre» Kirche sich deutlich verändern wird?
Alle Beteiligten haben sich vergegenwärtigt, dass die Wallonerkirche sehr unterschiedliche Bau- und Nutzungsphasen prägten. Mit dem Einbau des kleinen Gemeindehauses in das Mittelschiff des Langhauses der Wallonerkirche wird die Evangelisch-Reformierte Gemeinde diesen in den letzten Jahrzehnten wenig genutzten großartigen Raum zu neuem Leben erwecken. Indem der Zugang zur Wallonerkirche nun wieder durch das alte, jahrzehntelang geschlossene westliche Hauptportal führt, erlangt die Gemeinde eine hohe öffentliche Präsenz, und im Kirchenraum gewinnt die Mittelachse ihre zentrale Bedeutung zurück. Das Kirchengebäude selbst ist nun gleichermaßen Gemeindehaus, Büro, Winter- und Sommerkirche, Konzertsaal, Festsaal, Vortragsraum, sakraler und säkularisierter Raum. Bereits jetzt zeigt sich, dass der äußere und innere Erneuerungsprozess der Gemeinde eine beachtliche Dynamik aufnimmt und großes Interesse in der Öffentlichkeit hervorruft.

Bezogen auf Dämmung und Wetterschutz hat der Bau in der Kirche Vorteile, hinsichtlich Bewegungsfreiheit auf der Baustelle vielleicht eher Nachteile. Wie erlebten Sie die Baustelle?
Es konnte eine Winterbaustelle geführt werden. So wurde innerhalb von 9 Monaten das gesamte Bauwerk fertiggestellt, inklusive begleitender archäologischer Untersuchungen. Alle Bauteile und Maschinen wurden durch ein kleines Portal mit Abmessungen von 1.40 x 2.60 m in die Kirche gebracht.
Schmal eingefügt: Der Neubau tritt in Dialog mit dem Bestand
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
In einem ersten Planungsschritt wurden Vorschläge unterbreitet, die von der Gemeinde gemieteten Räume umzubauen und an aktuelle Bedürfnisse anzupassen. Mit Blick auf die wechselvolle Geschichte des Kirchengebäudes wie auch die der Ev.-reformierten Gemeinde wurde jedoch die Idee geboren, mit allen notwendigen Gemeinderäumen an den Ursprung des Magdeburgischen Wirkens der Gemeinde, in die Wallonerkirche selbst, zu ziehen. Nachdem diese Idee in verschiedenen Varianten diskutiert worden war, wurde gemeinsam mit der Oberen Denkmalbehörde der nun ausgeführte Entwurf ausgewählt.

Mit welchen Gestaltungsmitteln finden Sie eine Antwort auf den besonderen Kirchenraum?
Im Gegensatz zu den schweren massiven Sandsteinstützen der Kirche und auch im Sinne der nomadischen Wanderschaft der Gemeinde sollte die äußere Erscheinung des Hauses so leicht wie möglich wirken. Im besten Falle steht das Gemeindehaus wie ein provisorisch gefaltetes Papiermodell im Langhaus. Die Fassade ist in drei Ebenen gestaffelt, deren äußere vorgehängte Paneel-Ebene mit einem individuell entworfenen Druck versehen wurde. Die aus Seidenpapieren gefalteten, hauchdünnen Papiere zeigen eine feine Faltstruktur und zarte Schattenwürfe. Leicht und flatterig hängt diese Struktur wie ein Gewebe oder ein kirchliches Parament vor der Kubatur und greift sowohl die Dimension, die Farbigkeit wie auch die Grafik der Sandsteine auf.
Der Saal im EG ist durch eine gläserne Schiebekonstruktion in das Langhaus zu erweitern. Der Salon im Obergeschoss kann bei geöffneten Fenstern wie eine Empore genutzt werden.
Lageplan mit Resten der alten Stadtmauer Magdeburgs
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt, Ansicht von West
Partner Bau der Woche
Gemeindehaus in der Wallonerkirche
2015

Neustädter Straße 6
39104 Magdeburg

Nutzung
Gemeindeleben und Kulturveranstaltungen

Auftragsart
Direktauftrag

Bauherrschaft
Ev.-reformierte Gemeinde Magdeburg

Architektur
Steinblock Architekten GmbH, Magdeburg, Dipl.-Ing. Ulrike Tietze
MitarbeiterInnen: Alexander Tietze, Matthias Rau, Elfriede Steinblock, Franziska Schrimpf

Fachplaner
A.R.T. Tragwerks- und Bauplanungsbüro, Magdeburg
IPK mbH, Magdeburg
HEKUMA Ingenieurgesellschaft mbH
Bischoff und Bischoff, Magdeburg

Ausführende Firmen
Rohbau: A & Z Hoch- u. Holzbau GmbH, Gommern
Stahlbau: Stahlbau Behrens GmbH, Vahldorf
Metallbau: Metallbau Quednow GmbH, Magdeburg
Fenster, Türen:  Tischlerei Bartz & Schinz GbR, Tangerhütte; Tischlerei Andreas Koch, Staßfurt
Zimmerer: Gereke Bau, Magdeburg
Trockenbau: Selle Trockenbau, Klostermansfeld
Sandstein: Steinservice GmbH, Magdeburg
Einbaumöbel: Tischlerei Hinz, Wernigerode
HLS: Fricke und Schreiber, Schönebeck
ELT: SES GmbH, Magdeburg

Hersteller
Alu-Schiebeelement: Schüco
Verglasung: Semco, Hohenstein Isolierglas
Absturzsichernde Verglasung: balardo, bellevue
Lichtkuppel: Lamilux
OSB-Platten: Agepan
Trockenbaumaterial: Rigips, Knauf, Ecophon
Trittschall: Fermacell
Innentüren: Reinaerdt
Bodenbelag:  DLW Flooring
Fliesen: Deutsche Steinzeug
Farbe: caparol, sto
Aufzug: IGV Domuslift
Beleuchtung: Schmitz

Bruttogeschossfläche
275 m²

Gebäudevolumen
979 m³

Kubikmeterpreis
388 €/m³

Gebäudekosten
380.000 € KG 300+400 br.

Gesamtkosten
530.000 €

Fotos
Frank-Heinrich Müller

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