Erweiterung im großen Maßstab

Auf dem Kärcher-Areal in Winnenden haben die Stuttgarter Architekten Reichel Schlaier kürzlich eine große Firmenerweiterung fertig gestellt. Damit das umfassende Bauprogramm nicht in einem mächtigen Riegel umgesetzt werden musste, splitteten es die Architekten auf mehrere, in der Materialisierung unterschiedliche Gebäude.
Zwischen den Gebäuden entsteht ein Ort zum Treffen, zum gemeinsamen Arbeiten und zum Austausch
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Peter Schlaier: Eine Firmenerweiterung für ein international tätiges Unternehmen zu bauen, ist eine Bauaufgabe, die ein Büro über das normale Maß fordert. Man muss immer einen Schritt weiter denken – in Dimensionen von Masterplänen und späteren Erweiterungsmöglichkeiten. Ein anspruchsvoller Teil der Aufgabe war dabei auch, ob und wie die CI des Unternehmens im Gebäude wiederzufinden ist. 

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Wichtigste Inspiration war sicherlich die ursprüngliche Bebauung der ehemaligen Ziegelei, ihre Materialität und Maßstab sowie die fast städtische Gruppierung der einzelnen Gebäudeteile.
Die transparente Fassade als filigrane Pfosten-Riegel-Konstruktion lässt das Gebäude einladend wirken
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Am für das Projekt vorgesehenen Ort, in unmittelbarer Nähe zur kleinteiligen Innenstadt, war ein sehr großes Raumprogramm unterzubringen. Gleichzeitig sollten die Reste eines Fabrikgebäudes aus dem frühen 20. Jahrhundert integriert werden. Wir haben deshalb im Wettbewerb vorgeschlagen, das Programm in verschiedene Gebäude aufzuteilen, die in Ihrer Dimension mit der anschließenden Bebauung harmonieren. Damit hatte das Projekt immer auch eine städtebauliche Dimension. Die Proportion und Gestaltung der Räume zwischen den Gebäuden war dabei von gleicher Bedeutung wie die Gebäude selbst. Das Areal war für uns immer eine Erweiterung der Stadt und nicht nur Gebäude in einem Gewerbegebiet.
Im Gelb der Firma Kärcher leuchten die geschlossenen Metallbrüstungen der Foyertreppe
Der historische Schornstein der Ziegelei blieb erhalten und ist nun ins Besucherzentrum integriert. Finden sich an anderen Stellen noch Spuren des Fabrikbaus?
Im Bereich des Schornsteins ist noch ein kleinerer Gebäudeteil erhalten, der nun als Verbindungsbau zwischen Besucher- und Kundenzentrum und dem Auditorium dient. Die Sicherung und Sanierung der bestehenden Bausubstanz - insbesondere des Schornsteins - war dabei sehr aufwändig. Es war der Bauherrschaft aber dennoch wichtig, als Familienunternehmen in Winnenden ein markantes Zeichen der ehemaligen Ziegelei zu erhalten, die für lange Zeit Arbeitsplatz für viele Menschen und ein markantes Ensemble im Stadtraum war.
Die Ziegelfassade des Neubaus verweist auf die historische Ziegelei
Inwiefern haben Bauherrschaft und NutzerInnen das Projekt beeinflusst?
Der Planungs- und Bauprozess wurde von einer Baukommission begleitet, in der alle für das Projekt wichtigen Entscheidungen abgestimmt und entschieden wurden. Mitglieder der Kommission waren neben der Geschäftsleitung und der Bauabteilung auch die Familie als Firmeneigner. Dabei wurden neben Funktionalität und Wirtschaftlichkeit auch die architektonischen Entscheidungen intensiv diskutiert. An der Gestaltung der neuen Büroflächen und Arbeitsplätze waren zudem alle Mitarbeiter beteiligt. In einem offeneren Diskussions- und Beratungsprozess wurde die für die jeweilige Abteilung beste Organisation ermittelt.
Die Glaskonstruktion des Bürogebäudes und der Ziegelfassade des Besucher- und Kundenzentrums im Gegenüber
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
An der Stelle des Besucher- und Kundenzentrums standen zu Projektstart noch Gebäudeteile einer alten Ziegelei, die zu einem Besucher- und Kundenzentrum werden sollten. Die Materialität und Anordnung von Bürogebäude und Auditorium reagierten auf diesen Bestand und bildeten mit ihm einen neuen Platzraum. Da sie Bausubstanz aber nicht gehalten werden konnte, mussten dann aber große Teile der alten Ziegelei doch abgerissen werden. Heute zeichnet der Entwurf des neuen Besucher- und Kundenzentrums die ehemalige Gebäudekontur nach und ist als massiver Bau geplant, der dem Platz und dem verglasten Bürogebäude und Auditorium mit seinen Ziegelfassaden Halt gibt.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Das Bürogebäude ist bewusst «Low Tech» geplant: Das Bürogebäude ist zum Beispiel nicht vollklimatisiert. Die natürliche Fensterlüftung lässt dem einzelnen Mitarbeiter die Möglichkeit, auf das Raumklima an seinem Arbeitsplatz individuell Einfluss zu nehmen. Die Wärme für die Gebäude wird in eine Holzschnitzelanlage erzeugt, die mit nicht mehr verwendeten Holzpaletten befeuert wird.
An den langen Tischen der Caféteria können die Mitarbeiter Ihre Pausen gemeinsam verbringen
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Partner Bau der Woche
Kärcher-Areal
2015

Irene-Kärcher-Straße 1-5
71364 Winnenden

Nutzung
Bürogebäude, Auditorium, Besucher- und Kundenzentrum und Fußgängerbrücke

Auftragsart
Wettbewerb, 1.Preis

Bauherrschaft
Alfred Kärcher GmbH & Co. KG, Winnenden

Architektur
Reichel Schlaier Architekten, Stuttgart
Projektleiter: Elke Reichel und Peter Schlaier
Mitarbeiter: Susanne Weng, Sandra Kellert, Julia Zürn, Dirk Gallrein, Christopher Voss

Fachplaner
Tragwerk: Pfefferkorn Ingenieure, Stuttgart (Bürogebäude, Auditorium)
Bogenschütz Ingenieurbüro für Bauwesen, Stuttgart (Besucher- und Kundenzentrum)
Fritz Deufel Ingenieurgemeinschaft mbH, Deizisau (Fußgängerbrücke)
Bauphysik: Horstmann + Berger Ingenieurbüro für Bauphysik, Stuttgart
HLS-Planung: Alfred Kärcher GmbH & Co. KG, Winnenden
Elektroplanung: Alfred Kärcher GmbH & Co. KG, Winnenden (Bürogebäude)
Raible und Partner GmbH & Co. KG, Ditzingen (Auditorium, Besucher- und Kundenzetrum)
Brandschutz: LW Konzept, Stuttgart (Bürogebäude, Auditorium)
Halfkann + Kirchner, Stuttgart (Besucher- und Kundenzetrum)

Bauleitung
ABP Projektmanagement GmbH, Stuttgart
Alfred Kärcher GmbH & Co. KG, Winnenden

Ausführende Firmen
Rohbau: Erich Schief Gmbh + Co. KG, Winnenden
Gussasphalt: Lautenschlager Kopp, Stuttgart (Auditorium)
Metallbau: Stahlbau Süssen GmbH, Süssen (Brücke, Steg, Besucher- und Kundenzentrum)
Fassade: Dodel Metallbau GmbH, Ulm (Bürogebäude, Auditorium)
Wandverkleidung: Pill GmbH, Burgstetten, Erbstetten (Auditorium)
Elektro: Nägele Stuttgart GmbH, Stuttgart (Bürogebäude)
Elektro: F&E Elektroanlagen GmbH, Fellbach ( Auditorium, Besucher- und Kundenzentrum)

Hersteller
Fassade Bürogebäude:
Alu-Pfosten-Riegel-Fassade: Schüco International AG
Automatik-Schiebetür: Dorma Deutschland GmbH
Fassade Auditorium:
Pfosten-Riegel-Fassade als Stahl-Aufsatzkontruktion: Schüco International AG
Automatik-Schiebetür: Dorma Deutschland GmbH
Lamellenfenster: EuroLamGmbH
Fassade Besucher- und Kundenzentrum:
Ziegelfassade: Wienerberger GmbH
Sonnenschutz: Warema Renkhoff SE
Systemtrennwände: Strähle Raum-Systeme GmbH
Schalter:   Albrecht Jung GmbH & Co.KG
Gussasphalt: Lautenschlager Kopp

Bruttogeschossfläche
Bürogebäude 14.300 m²
Auditorium 1.600 m²
Besucher- u. Kundenzentrum 6.700 m²

Gebäudevolumen
Bürogebäude 57.400 m³
Auditorium 11.100 m³
Besucher- u. Kundenzentrum 32.400 m³

Fotos
 Brigida González

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