Nüchtern ergänzt

Das Büro hartwig schneider architekten hat 2015 das Kreativwirtschaftszentrum Mannheim fertiggestellt. Das Projekt erhielt kürzlich den Staatspreis für Baukultur Baden-Württemberg 2016 in der Sparte Gewerbe- und Industriebau.
Das Ensemble am Neckarhafen besteht aus einem sanierten Bestandsgebäude und einem ergänzenden Neubau 
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Gabriele Schneider: Das Neubauensemble ist Teil eines bundesweit bekannten Netzwerkprojektes für die Musik- und Kreativwirtschaft, mit der die Aufwertung des multikulturellen Stadtteils Jungbusch weiter fortgesetzt wird. Neben dem Gründerzentrum mit Büros, temporären Arbeitsplätzen, Showrooms und gemeinsamen Kommunikations- und Pausenbereichen waren ein großer, flexibel nutzbarer Veranstaltungs- und Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst und ein Restaurant gewünscht. Einzigartig ist auch die Lage in der städtischen Industrielandschaft am Neckarhafen. Innerhalb des Mannheimer Stadtgefüges bildet der direkt am Ufer des Verbindungskanals gelegene Ort eine Schnittstelle zur Innenstadt. Die Herausforderung lag darin, einen modernen Bau in diese disperse Umgebung zu integrieren und dabei, über die zweckmäßige Erfüllung des Raumprogramms hinaus, einen Beitrag für das Quartier zu leisten.
Das Gründerzentrum C-HUB mit durchgefärbtem ziegelrotem Ortbeton-Skelett und großen Verglasungen
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Ziel unserer Arbeit sind gut nutzbare und schöne Gebäude, die sich selbstverständlich in die jeweilige Situation einfügen. In Mannheim sind das sparsame, flexible Gebäudekonzept wie auch die nüchterne Formensprache und der Umgang mit Material und Licht, sowohl eine Antwort auf die Frage nach den Voraussetzungen für kreatives Arbeiten, als auch auf den industriellen Charakter des Ortes. Wir wollten die Lagegunst und die Chancen nutzen, die in der zurückgehenden hafenspezifischen Nutzung des Kanals liegen und den Zugang zum Wasser auch für das Quartier erlebbar machen.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort? 
Durch die Verteilung der Nutzungen auf zwei getrennte Gebäude konnten wir einen öffentlichen Raum zwischen den Bauten schaffen und die Kubatur der zweigeschossigen alten Lagerhalle mit ihren denkmalgeschützten Ziegelfassaden beibehalten. Mit seiner Höhenentwicklung und kraftvollen Struktur tritt das neue Bürohaus in einen Dialog mit den mächtigen Industriedenkmälern Kauffmannmühle und Speichergebäude. Die neuen  Baukörper mit ihren zum Kanal hin orientierten Fronten nehmen die bestehenden städtebaulichen Kanten auf und stärken die durchlässige Struktur der Hafenmeile. Aus dieser Disposition heraus werden die beiden Bauten als eine bauliche Einheit entwickelt, die mit dem rauen Charme der nicht mehr genutzten Hafenanlagen korrespondiert.
Zweigeschossige, zum Kanal hin orientierte Pausenräume schaffen besondere Orte im Gebäude und fördern Kommunikation und sozialen Austausch zwischen den mehr als 50 Mietern im Gründerzentrum.
Unter Integration zweier denkmalgeschützter Ziegelfassaden wurde die zweigeschossige Lagerhalle zum Veranstaltungsort mit Galerie und Gastronomie umgebaut.
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Die Idee das Programm konsequent auf zwei getrennte und  unterschiedliche Gebäude zu verteilen, war nie umstritten. Zu Beginn gab es Bedenken bezüglich des öffentlich genutzten Hofes, der heute auch den Bewohnern im Stadtteil mit Café und Veranstaltungen zu Gute kommt. Auch die direkt am Wasser situierte Terrasse, die diesen Raum über die Promenade hinweg fortsetzt, war zeitweise in Frage gestellt. Baulich sah unser Wettbewerbsentwurf einen um ein Geschoss höheren, etwas schlankeren Baukörper für das Bürohaus vor. Nach einer sehr intensiven Phase der Entwurfsbearbeitung wurde die Anzahl der Treppenhäuser reduziert, wodurch die Grundrisse und Fassaden klarer wurden. Das Farbkonzept mit dem rot durchgefärbten Ortbeton-Skelett entstand während der Auseinandersetzung mit der Anmutung der historischen Ziegelbauten im nahen Umfeld.
Der flexibel nutzbare, stützenfreie Ausstellungsraum im Obergeschoss.
Durch die Verteilung der Nutzungen auf zwei getrennte Gebäude war es möglich, einen öffentlichen Raum zwischen den Gebäuden zu schaffen.
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Neben der Pigmentierung der Außenbauteile sind die Innen wie Außen in rauer, liegender Bretterschalung ausgeführten Betonoberflächen das prägende Element der Bauten. Im bewussten Kontrast zu den großen Glasflächen bestimmen die derben, zuweilen fast samtig anmutenden Wandflächen, zusammen mit den Sichtbetondecken die taktile Qualität der Räume. Die Böden sind je nach Nutzung als angeschliffene Zementestriche, Linoleum oder Nadelfilzbeläge ausgeführt. Die offene und robuste Gestaltung des Neubaus mit großen Fensterflächen, versetzbaren Systemtrennwänden, nachrüstbaren Hohlraumböden und nahezu stützenfreien, flexiblen Grundrissen schafft beste Rahmenbedingungen für das Kreativgewerbe. Das Oberlicht des weitgehend geschlossenen Galeriegebäudes korrespondiert mit der Dachform des benachbarten Mühlengebäudes und spendet dosiertes und steuerbares Tageslicht.  
Schwarzplan
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Partner Bau der Woche
Kreativwirtschaftszentrum Mannheim
2015

Hafenstraße 25-27
68159 Mannheim

Nutzung
Büros, Seminarräume, Ausstellung, Galerie, Gastronomie

Auftragsart
Realisierungswettbewerb 1.Preis

Bauherrschaft
Stadt Mannheim

Architektur
hartwig schneider architekten, Stuttgart
Projektteam: Ingo Pelchen, Pentti Marttunen, Nancy Lohmann, Philipp Gantenbrink, Thomas Haber, Michel Kleinbrahm, Nils Oehler, 

Vergabe und Bauleitung
Jo Carle Architekten, Stuttgart

Fachplaner
Tragwerksplanung: Herzog und Partner Mannheim
HLSK Planung: SEF Ingenieure Karlsruhe
Elektroplanung: Ingenieurbüro Volz Ehningen
Bauphysik: GN Bauphysik Stuttgart
Außenanlagen: Mundsinger + Hans Stuttgart

Ausführende Firmen
Rohbau: Leonhard Weiss GmbH, Langen
Fenster: Metallbau Schölch GmbH, Hardheim
Dachabdichtung: Meyer GmbH, Waiblingen
Sanitär: Kleissner, Mannheim
Heizung/Kälte: Sanizentra GmbH+Co KG, Baden-Baden
Elektrotechnik: Imtech Deutschland GmbH & Co KG, Mannheim
MSR-Technik: KSR-Gebäudeautomation GmbH, Taunusstein-Neuhof
Schlosserarbeiten: Eckert Glas- und Metallbau GmbH, Meckesheim
Trockenbau, Linder AG, Arnsdorf
Estrich/Hohlboden: Elmas Fussbodentechnik, Landsberg Queis
Tischlerarbeiten: Dekaform GmbH, Bürstadt-Riedrode
Fliesenarbeiten: Waldemar Günther GmbH & Co KG, Frankfurt/M
Bodenbeläge: Holschbach GmbH, Morsbach
Malerarbeiten: Heinrich Schmid, GmbH
Tief- und Landschaftsbau: Sax+Klee GmbH, Mannheim

Hersteller
Automatikschiebetüren: Record Blasi
Sonnenschutz: Warema
Fenster: Schüco
Luftauslässe: Krantz
Hohlbodensysteme: Mero
Zementestrich: Uzin
Bodenbelag:  DLW Fooring

Bruttogeschossfläche
6.500 m²

Gesamtkosten
17.000.000 € brutto

Auszeichnung
Staatspreis Baukultur Baden-Württemberg 2016

Fotos
Christian Richters, Berlin 

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