Neue Zeitschicht

Andreas Heller Architects & Designers haben kürzlich das Europäische Hansemuseum in Lübeck fertiggestellt. Die Backsteinfassade und die handwerkliche Ausformulierung der Oberflächen verbinden Neubau und Bestand sensibel zum Ensemble.
Zum Europäischen Hansemuseum gehören ein Museumsneubau, das historische Baudenkmal des Lübecker Burgklosters (im Hintergrund auf dem Burghügel) und öffentlich zugängliche Außenanlagen, wo zahlreiche Spuren auf die lange und wechselvolle Geschichte des Ortes verweisen.
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Andreas Heller: Das Europäische Hansemuseum befindet sich in der nördlichen Altstadtinsel Lübecks, ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. An diesem Ort der frühesten Besiedlung Lübecks sollte der Museumsneubau harmonisch in die umgebende mittelalterliche bzw. frühneuzeitliche Bebauung eingefügt werden. Die zweite große Aufgabe bestand darin, die archäologische Grabung – die 1200 Jahre Stadtgeschichte abdeckt – in das Narrativ des Museums zu integrieren. Mit der baulichen Verbindung von Neubau, archäologischer Ausgrabung und historischen Gebäuden setzt das Museum ein markantes Zeichen an diesem besonderen Ort.
Ein Leitmotiv für den Museumsneubau ist die mittelalterliche Stadtmauer, die am Fuße des Burghügels verlief – die Kubatur des Gebäudes zitiert diese Mauer. 
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Die besondere städtebauliche Situation steht im Mittelpunkt des Gestaltungskonzeptes für den Neubau: Früher hier stehende Bauwerke, wie die Stadtmauer, ein Arsenal oder der «Hexenturm», lieferten Anregungen für die architektonische Gestaltung des Neubaus. Mit seinem monolithischen Charakter erinnert die Gebäudekubatur an die mittelalterliche Stadtmauer, die einst am Fuße des Burghügels verlief. Die Backsteinfassade unterstützt dieses Erscheinungsbild mit schartigen, unterschiedlich eingefärbten und unregelmäßig vermauerten Ziegeln.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Der Entwurf ist Stadtreparatur: Mit dem Hansemuseum bekommt die nördliche Altstadtinsel ihren Abschluss zurück. Der Museumsneubau schmiegt sich an den Burghügel, auf dem das Burgkloster steht. Eine zentrale, öffentliche Treppe, die den Neubau durchsticht, verbindet den historischen Hafen mit der höher gelegenen Altstadt. Sie erschließt den Museumsneubau und ist gleichzeitig Durchgang zum Burgkloster sowie zu den museal aufbereiteten Freianlagen. Zahlreiche Spuren im Außenraum verweisen auf die lange und wechselvolle Geschichte des Ortes. Ergänzungsbauten machen die verschiedenen Schichten der Geschichte wieder sichtbar. 
In der Seitenstraße zitiert der Neubau ein für Lübeck typisches giebelständiges Wohnhaus und nimmt damit Bezug zur angrenzenden Bebauung. Die Giebelhausfassade erhält mit dem Vierpass-Motiv eine flächendeckende ornamentale Gestaltung.
Inwiefern haben Bauherrschaft und Auftraggeber den Entwurf beeinflusst?
Bauherrin des Vorhabens ist die «Europäisches Hansemuseum Lübeck gemeinnützige GmbH», deren Hauptgesellschafterin die Possehl-Stiftung Lübeck ist. Über einen langen Zeitraum entwickelten wir gemeinsam mit der Stiftung, der Impulsgeberin des Projektes, das Museum. Die Architektur des Hochbaus und die Restaurierung des Burgklosters wurden in zahlreichen Sitzungen mit dem Gestaltungsbeirat der Hansestadt Lübeck erörtert. Das kritische Hinterfragen war immer auch Aufforderung, die eigenen Entwurfsideen zu überprüfen, zu erweitern und zu modifizieren. Ein international ausgerichteter Beirat, bestehend aus Museumsvertretern, wissenschaftlichen und politischen Vertretern begleitete den Entstehungsprozess des Museums. Die Wissenschaft und das Narrativ der Hansegeschichte haben den Entwurfsprozess entscheidend geprägt.

Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Den größten Einfluss auf den Entwurf hatten die Integration der archäologischen Grabung in den Neubau und das Spannungsfeld zwischen Neubau und historischer Bebauung. Bei den archäologischen Grabungen, die während des Bauprozesses stattfanden, stießen die Archäologen auf interessante Funde, die bis in das 8./9. Jahrhundert zurückreichen. Es wurde beschlossen, die Grabung in die Ausstellung zu integrieren. Hierfür organisierten wir das Raumprogramm neu und passten den Rohbau an.
Die erhaltenen Seitenkapellen der ehemaligen Klosterkirche werden durch eine Bronze-Verkleidung geschützt und museal aufbereitet. Mit einem Lesegerät können Besucher eines der Fenster öffnen und die licht- und witterungsempfindlichen Wandmalereien betrachten.
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Das Europäische Hansemuseum ist ein «Green Museum». Es wird bis auf Spitzenzeiten durch ein Erdsonden-Geothermiesystem (135 Meter tief) beheizt und gekühlt. Die Energie wird ebenfalls zur Warmwasseraufbereitung genutzt. Gestalterisch vereint die Architektur des Museumsneubaus elegante Moderne mit feiner Handwerkskunst. Das Zusammenspiel der prägenden Baumaterialien – Ziegel, Baubronze und Sichtbeton – schafft eine «erzählende Architektur»: Gliederungs- und Schmuckelement in den Mauerflächen, wie beispielsweise das Vierpass-Motiv, sind Zitate früherer Handwerkskunst. Die Baubronzetüren sind mit einer feinen Textur überzogen, die Geschichten erzählt.

Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Im Entwurf war uns die Reduktion auf wenige ausgewählte, hochwertige Materialien wichtig. Hierzu gehören neben den speziell für dieses Projekt gebrannten Ziegeln auch hellgeschlämmter Sichtbeton für die Mauern im Freiraum sowie Baubronze, die für die Seitenkapellenverkleidung, Tore und Türen Verwendung fand. Der Fassadenstein für den Neubau wurde eigens von uns für das Museum entworfen und in der Ziegelei Petersen Tegl gefertigt. Bei der Mauerung haben wir bewusst auf die übliche Durchmischung der Ziegel verzichtet. Hierdurch entsteht die einmalige Fassadencharakteristik mit den eingestreuten dunkleren Fassadenflächen und den nach oben hin abnehmenden Schlämmegraden: die Fassade erzählt Geschichte.
Übersichtsplan
Grundriss Obergeschoss Neubau und Erdgeschoss Burgkloster
Längsschnitt
Partner Bau der Woche
Europäisches Hansemuseum
2015

An der Untertrave 1
23552 Lübeck

Auftragsart
Private Beauftragung

Bauherrschaft
Europäisches Hansemuseum Lübeck gGmbH, Lübeck

Architektur
Heller Architects & Designers, Hamburg
Architektur und Konzeption: Andreas Heller
Projektleiter: Christian Mundt
Bauleitung: Peter Klann, Melanie Becker, Nele Bendschneider
MitarbeiterInnen Architektur: Lüder Meyer, Alexander Hugo, Stephan Meyerhoff, Sabine Steinmetz, Katja Prasser, Birgit Entzeroth-Nagler, Corinna Hinck, Sonja Templin, Wenjing Xu
Ausstellungsdesign / Innenarchitektur: Ulf Klüsener, Alke Thamsen, Margarethe Mielentz, Markus Sommer, Julia Beck, Alexander Kruse, Johannes v. Müller, André Stock, Raquel Gomez Vives, Hila Limar, Nora Potente
Grafik: Jutta Strauß, Chad Danford, Alexandra Schäfer, Jana Nikoleit, Katharina Schätzle, Dirk Kühne, Salome Rammler, Carmen Vierbacher, Anastasia Andreeva, Congsu He
Content: Marina Eismann, Philipp Bürger, Tatjana Dübbel, Franziska Evers, Hauke Abeling

Fachplaner
Tragwerksplanung: Kröger & Steinchen Beratende Ingenieure, Lübeck
Technische Gebäudeausrüstung: Schlüter + Thomsen, Neumünster
Brandschutz: Hahn Consult, Hamburg
Bauphysik Burgkloster:  Transsolar, Hamburg
Landschaftsplanung: Andreas Heller Architects & Designers
mit  WES LandschaftsArchitektur, Hamburg
Leuchtendesign und Lichtplanung: Andreas Heller Architects & Designers
mit  Peter Andres Andres Lichtplanung, Hamburg

Ausführende Firmen
Rohbau: D. Schröder KG Bauunternehmen, Bremervörde
Dachabdichtung: Heinrich Carstens Bedachungsgeschäft GmbH, Rotenburg (Wümme)
Außenanlagen: ASA-Bau GmbH, Schwerin
Dachbeläge und Dachbegrünung: Boymann Garten- und Landschaftsbau GmbH, Hamburg
Mauerwerksfassade: Jürgen Leptien Bauunternehmung GmbH & Co. KG, Kiel
Außentreppe Ortbeton: Jürgen Leptien Bauunternehmung GmbH & Co. KG, Kiel
Sichtbeton Burgkloster: Kümper + Schwarze Baubetriebe GmbH, Wolfenbüttel
Außentüren, -tore und Fensterrahmen, Glasfassaden Innen und Aussen: Fittkau Metallbau
und Kunstschmiede GmbH, Berlin
Grabungssteg, Brücke, Metallbau: Fittkau Metallbau und Kunstschmiede GmbH, Berlin
Stahltore: Schmiede Radsack, Gadebusch
Innentüren Holz Neubau und Burgkloster: Otte AG + Co. KG, Siek
Innentüren Holz, Ausstellungsbereiche:  Lindner AG, Arnstorf
Leuchten: göpotec, Gesellschaft für Licht und Elektrotechnik mbH
Trockenbau: Kaefer Construction GmbH, Kiel
Linoleum Rampen: Günter Krüger Söhne GmbH, Ellerbeck
Fliesen: Fliesenlegerbetrieb Fred Schönrath, Lalendorf
Waschtisch Besucherbereich: Tischlerei Julius Bendschneider, Hamburg

Hersteller
Mauerwerksfassade Sonderformatstein für das Hansemuseum (Entwurf: Andreas Heller Architects & Designers): Herstellung Petersen Tegl
Fugenmaterial Fassade: Marbos
Sichtebton: Weißbeton SB4, hydrophobiert
Außentüren, -tore und Fensterrahmen, brüniertes Messing: Fittkau Metallbau
und Kunstschmiede GmbH mit Schüco Jansen
Stahltore: Entwurf Andreas Heller Architects & Designers
Innentüren: Schörghuber,   Lindner Group
Tür- und Fensterbeschläge: FSB
Schließanlage: DOM Sicherheitstechnik
Verglasung: Semco Klimastar 600, absturzsichernd
Dacheindeckung: Petersen Tegl: Sonderformatstein "Hansemuseum" (Entwurf: Andreas Heller
Architects & Designers); Petersen Tegl Cover-Ziegel, Optigrün
Sonnenschutz:  Serge Ferrari, Christian Baumann
Bodenbelag Innen Sichtestrich: Rheobond
Bodenbelag Aussen Betonfertigteile: Klostermann
Bodenbelag Aussen Freiflächen: Terraway
Fliesen: Vitra
Waschtisch Besucherbereich: Entwurf Andreas Heller Architects & Designers
Linoleum Rampen: Forbo ”3707 black hole“
Parkett: Mafi, Landhausdiele Nero Eiche Vulcano mit individueller Pigmentierung (Entwurf:
Andreas Heller Architects & Designers)
Trockenbau: Knauf
Sanitär / Amaturen: Hansgrohe Axor Uno
Sanitärobjekte: Keramag
WC-Trennwände: Meta
Leuchten Innen-, Außenraum: Peters Design mit Andreas Heller Architects & Designers, Erco, Molto Luce, Philips
Schalter und Steckdosen: Merten
Möblierung: Walter Knoll, Pedrali, Fritz Hansen, Eigenbauten Kreutzer Messebau
Aufzüge: Baumgarth Aufzüge mit Meiller Aufzugstüren GmbH,
Plattformlift Ausgrabung: GBH Design GmbH mit Andreas Heller Architects & Designers
Heizkörper/Steuerung Heizsystem: Baufa Heizkörper, Kieback und Peter Gebäudeautomation;
Emco Deckenstrahlheizung, Cuprotherm Fußbodenheizung Energiestandard

Bruttogeschossfläche
Neubau Europäisches Hansemuseum 3.842 m²
Denkmal Burgkloster 4.614 m²

Gesamtkosten
51.400.000 EUR (netto)

Fotos
Werner Huthmacher

  Ziegelexport aus Broager
Katinka Corts | 28.11.2013

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