Bindeglied

bgmr und archiscape haben kürzlich die Gleispromenade in Welzow fertiggestellt. Die Gleispromenade ist das zentrale Projekt im Bergmannspark am östlichen Stadtrand von Welzow. Dirk Christiansen (bgmr) und Ulrike Bräuer (archiscape) wählen einen Plan und sechs Fotos und beantworten unsere sechs Fragen.
Schaufelrad
Katinka Corts: Welche Bedeutung hat der Bergmannspark für die Stadt Welzow?
Dirk Christiansen und Ulrike Bräuer: Die Gleispromenade ist das infrastrukturelle Rückgrat im Bergmannpark. Der Park befindet sich am östliche Stadtrand Welzows. Derzeit zieht hier, in Hörweite der städtischen Wohn- und Geschäftslagen, der aktive Tagebau vorbei. Ziel der Planung war es die Tagebaukante bereits während der laufenden Abbauphasen über Wegebeziehungen zu erschließen und den Tagebau für die Welzower und die Besucher der Stadt besser erlebbar zu machen. Das aus rekultivierten Forstflächen und verwilderten, waldartigen Parkflächen bestehende Areal soll sich zukünftig zum Bindeglied zwischen Stadt, Tagebau und Folgelandschaft entwickeln – eine Bedeutung die weit über die ehemalige Zweckbestimmung als «Schutzwald» zum Tagebau hinausgeht.
Das namensgebende Gleis der Gleispromenade verläuft auf der historischen Gleistrasse der ehemaligen Bergbaubahn und ist das Rückgrat des Bergmannparks
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Es gab während der Projektentwicklung sehr unterschiedliche Phasen, die wesentlich von der Diskussion über die Zukunft eines Lebens am und mit dem Tagebau beeinflusst wurden. Die Region ist stark vom demographischen Wandel betroffen. Viele Menschen arbeiten im Tagebau, zugleich wandern junge Familien – weg vom aktiven Tagebau – in größere Städte ab. Während wir mit dem «Blick von außen» eher die örtlichen Potenziale, den aktiven Kohleabbau als touristisches Ereignis und die Folgelandschaft als derzeit noch unscharfes, aber gerade deshalb, optimistisches Zukunftsversprechen verstehen, sehen sich viele Menschen vor Ort vor die Entscheidung gestellt, zu bleiben oder zu gehen. Dabei erscheint das «Weiterziehen» mit dem heranrückenden Tagebau fast schon als tradierte Überlebensstrategie in den Tagebaugebieten der Niederlausitz – kaum eine Familienchronik die im Rückspiegel der Geschichte nicht irgendwann einen der benachbarten Tagebaue gekreuzt hätte. Dennoch oder gerade deshalb haben wir im Planungsprozess viele Menschen kennen gelernt die sich aktiv einmischten und Mut zum aktiven Handeln hatten. Die Welzower haben sich aufgemacht ihre Stadt vorzubereiten für die Zeit mit und nach dem Tagebau. Wir haben versucht diese Stimmung aufzunehmen und die Programme aus der Nachfrage örtlicher Vereine, den Anregungen aus der Bürgerschaft und der örtlichen Verwaltung zu entwickeln. Hierdurch ist es gelungen Angebote zu etablieren die die Wahrnehmung des östlichen Stadtrands verändert haben. Er scheint heute dichter an die Stadt gerückt zu sein und sukzessive als optionale Verbindung zum Tagebaurandbereich entdeckt zu werden.
Magnometer
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Die Konzeption des Bergmannsparks wurde über einen Zeitraum von über zwei Jahren gemeinsam mit der Stadt und den Welzower Bürgern entwickelt. Mit der Gleispromenade konnten verschiedene Angebote und Objekte realisiert werden die auf Anregungen der Bürger zurückgehen. Insbesondere bei der Entwicklung der «Magnometer» – acht  Aufsteller, die entlang der Gleispromenade Informationen zur Ortsgeschichte mit der Entwicklung des Tagebaus und der Landschaftsentwicklung verbinden – wurden engagierte Akteure durch enge Einbindung zu den Chronisten ihrer Region. Zudem konnten verschiedene Bergbaugeräte als Ausstellungsstücke für die Gleispromenade gewonnen werden – unter anderem ein ca. zwölf Meter hohes Schaufelrad, dessen Präsenz den nahen Tagebau bis an die bestehenden Wohnlagen heranzuführen scheint. Ebenso konnten Aktivangebote wie eine Skaterfläche und ein Fitnessbereich realisiert werden. Das namensgebende Gleis verläuft auf der historischen Gleistrasse der ehemaligen Bergbaubahn und ist das Rückgrat des Bergmannparks. Mit der neuen Feldbahn erhielt die Gleispromenade also seine «verlorengegangene» Gleislage zurück. Sie wird zukünftig von einem ortsansässigen  Verein mit eigener Feldbahn und Anschlußgleis  zum benachbarten Vereinsgelände genutzt.
Haltestelle der Feldbahn
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Die Gleispromenade kennzeichnet den Übergang von der Parklandschaft und dem angrenzenden Vorfeld zum Tagebau. Darüber hinaus verbindet sie die bewohnten städtischen Kernzonen mit dem Bergmannspark. An den West-Ost-Verbindungen werden platzartige Eingangsbereiche in den Park geschaffen. Im Promenadenverlauf wird eine Platzfolge entwickelt, die als Ausstellungsort zur Bergbaugeschichte Welzows genutzt wird. In Kreuzungslagen werden Hinweise auf die zukünftigen Ausstellungspfade und Routen zum Tagebau am östlichen Tagebaurand integriert. Eine dreireihige Alleepflanzung unterstützt die Leitwirkung in dem von Jungforsten, Altgehölzbeständen und Gemengelagen geprägten Übergangsbereich. Die Alleebaumpflanzung (Ahorn in Sorten) setzt auf prägnante Zeichensetzungen bei gleichzeitiger Integration in den landschaftsräumlichen Zusammenhang.

Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Park verändert?
Anfangs standen programmatische Fragen im Vordergrund. Was sind die richtigen Antwort im Spannungsfeld zwischen Stadt und Tagebau? Welche Impulse sind geeignet langfristig entwicklungsfähige Prozesse einzuleiten. Wie kann das Projekt von den Erfahrungen der regionalen IBASee-Projekte profitieren? Um die Programme für die langfristig geplanten Erlebnisangebote zu schärfen suchten wir Vereine, örtliche Akteure und Aktivisten auf und erhielten so wichtige Impulse für die weitere Planung. Zu der Motivation den Bergmannspark auf einen schrittweisen Transformationsprozess auszurichten, gesellte sich die Erkenntnis, dass das «Heute» mindestens genauso wichtig ist wie die langfristige Perspektive. Auf die bedrückende Frage eines betagten  Anwohners, was er denn wohl noch von dem Projekt erleben würde, entfernten wir sämtliche Eichen aus dem Entwurf und ersetzten sie gegen schnellwachsende Ahornsorten. Als vorgezogene Maßnahme wurden im Bergmannspark 240 Zierkirschen gepflanzt die das teils ruderale, teils forstwirtschaftlich geprägte Parkareal seither  im Frühjahr als «Kirschblütenzimmer» und im Herbst durch spektakuläre Laubfärbungen in einen flüchtigen Sehnsuchtsort verwandeln.Wurde anfangs der Arbeitstitel «Gleispromenade» eher als metaphorisches Wortspiel verstanden so ergab sich im Projektverlauf überraschend die Gelegenheit tatsächlich eine touristisch nutzbare Gleistrasse zu realisieren.
Herbst im Kirschblütenzimmer
Holzstapel am Abzweig des Naturerlebnbispfads
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Als besondere bauliche Elemente gliedern die Magnometer,  die großen Bergbaugeräte und insbesondere das Schaufelrad die Rad- und Fußwegeverbindung. Im Bereich der Gleistrasse wurden die Haltestellen als Verweis auf die Welzower Bautradition aus Klinker und verputztem Mauerwerk hergestellt. Insgesamt wurden einfache Flächenbeläge aus Ortbeton, Asphalt, Klinkerbruch, sandgeschlämmte Schotterdecken und Betonplatten gewählt.
Lageplan Bergmannspark Welzow
Partner
Bergmannspark Welzow - Gleispromenade
2015
Spremberger Straße
03119 Welzow, Stadt am Tagebau

Auftragsart
Freiraumplanung

Bauherrschaft
Stadt Welzow, Tiefbauamt

Landschaftsarchitektur
bgmr Landschaftsarchitekten
in Zusammenarbeit mit
archiscape Architekten und Landschaftsarchitekten

Ausführende Firmen
Landschaftsbau_ LBBuder GmbH, Schwarzkollm
Stahlbau Schaufelrad TDE Mitteldeutsche Bergbau Service GmbH, Leipzig
Stahlbau Aufsteller/Magnometer FSE GmbH, Wittenberg

Gesamtkosten
ca. 1.200.000 Mio €

Fotos
Andreas Franke u. bgmr

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