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Unauffällig auffällig

Setzt die Gründerzeitbebauung mit zeitgenössischen Mitteln fort: Das Wohnhaus in der Berliner Torstraße 149.
Aus der Ferne betrachtet könnte Berlin als ein merkwürdig kontaminiertes Gebiet erscheinen, in dem das andernorts völlig übliche Ausloten der Möglichkeiten moderner Gestaltungssprache öffentlichen Zorn auf sich zu ziehen droht. Geschimpft wird dann über vermeintlichen Designschnickschnack, der unverantwortlich vor der Geschichte und sozial sowieso höchstproblematisch sei, weil er der Gentrifizierung Vorschub leiste. Aber vielleicht sieht es auch nur aus der Ferne so dramatisch aus, weil die am besten zu hören sind, die am lautesten plärren.
Je Wohnung ist in die prismatisch gefaltete Fassade ein kleiner Austritt zur Straßenseite hin integriert – die etwas größeren Freiflächen finden sich an der Hofseite.
Und auch in Berlin wird man wissen: Gentrifizierung, oder besser gesagt, ein angespannter, überteuerter Mietwohnungsmarkt, ist ein ernstes, allerdings ein gesamtstädtisches Problem. Und nicht eines des einzelnen Architekturentwurfs. Um einen solchen solle es jetzt gehen. Er stammt von Graft. Und er macht genau das eigentlich Selbstverständliche: Er erprobt neue Gestaltungselemente auf ihre Adaptionsfähigkeit im historischen Kontext. Es ist der eines sechsgeschossigen Wohnbaus mit einem Ladenlokal im Erdgeschoss.
Der Eingangsbereich zu den Wohnungen nimmt das Material der Fassade auf, die Wände sind wie ineinandergesteckte Portale gestaltet.
Neun Wohnungen sind in ihm untergebracht, in einer Größe von 105 bis 180 Quadratmetern, eine Penthouse-Wohnung, vier Geschoss- und vier Splitlevel-Wohnungen. Alle Wohnungen bis auf das zurückgesetzte oberste Geschoss sind dreischichtig zoniert, von Süden (zur Torstraße hin)nach Norden folgen aufeinander der Wohn-und Essbereich, die Küchenzeile mit Bad sowie zum Innenhof die Schlaf- und Arbeitszimmer. Die Torstraße 149 ist sicher nicht das Gebäude, das billigen Wohnraum anbietet, aber dafür Grundrisslösungen, die lange nutzbar bleiben werden.
Nach Süden orientierter Wohnraum mit Küchenzeile einer der Splitlevel-Wohnungen. Das Fassadenmaterial wurde (wie hier am Kamin) auch im Innenausbau verwendet.
Wodurch das Haus nun auffällt, ist die Fassade aus Aluminiumelementen, die dreidimensional prismatisch, aber nicht symmetrisch aus der Fassade gekippt sind und so auf den Richtungswechsel, den die Torstraße an dieser Stelle macht, Bezug nimmt. Ein mattierter Bronzeton lässt die Flächen in unterschiedlichen Schattierungen erscheinen, ohne zu aufdringlich zu wirken. Die großzügige Verglasung kann so dennoch die Geschossgliederung der Nachbargebäude aufnehmen, selbst kleine Austrittsbalkone werden integriert. Kurz gefasst: Das Haus Torstraße 149 gliedert sich in die Nachbarschaft ein, behauptet sich aber mit einer zeitgenössische Formensprache sichtbar; gut brauchbare und Erwartungen der Klientel erfüllende Grundrisse und Wohnungsausstattungen finden sich über dem Ladenlokal des Erdgeschosses. Darüber sollte sich keiner öffentlich aufregen müssen. Das 19. Jahrhundert hatte es seinerzeit in solch guten Lagen auch nicht anders gemacht.
Christian Holl
Grundriss Ladenlokal in der linken Gebäudehälfte mit Untergeschoss.
Grundriss einer der beiden Splitlevel-Wohnungen im 1. Obergeschoss mit Gartenzugang. Im 4. liegen zwei weitere Splitlevel-Wohnungen.
Grundriss Geschosswohnung (2. und 3. Obergeschoss)
Grundriss Penthouse-Wohnung
Schnitt
Wohnhaus mit Ladenlokal TOR149
2012

Torstraße 149
Berlin

Bauherr
TOR149 Grundbesitz GmbH

Architekten
GRAFT
Gesellschaft von Architekten mbH

Lars Krückeberg, Wolfram Putz, Thomas Willemeit
Berlin
Projektleiter: Sven Fuchs
Projektteam: Sonja Wedemeyer, David Tyl, Michael Cornelsen, Su-Hi Oh, Andrea Göldel, Kim Harder, Sebastian Gernhardt, Arvid Wölfel, Puja Sharafoudi, Liang Fei, Janka Lengyel

Ausführungsplanung (LPH 5-9)
Bollinger + Fehlig Architekten mbH
Berlin

Tragwerksplanung
Ingenieurbüro Rüdiger Jockwer GmbH

Bruttogeschossfläche
2.561 m²

Fotografie
Tobias Hein

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