Weite Kreise ziehen

Von außen ist noch nicht zu erfassen, wovon das Ornament in der Rampe, die zum Eingang führt, abgeleitet ist.
Hier wurde Martin Luther getauft. Die St. Petri-Pauli-Kirche in Eisleben wurde Ende des 15. Jahrhunderts (genauer gesagt von 1447 bis 1516) errichtet, eine einfache, spätgotische Hallenkirche mit Stern- und Netzgewölbe sowie einem wuchtigen Westturm. Sie ist kaum durch spätere Eingriffe verändert worden. 2008 wurde im Rahmen der IBA Stadtumbau mit Landeskirche, Kirchengemeinde, der Stadt und der Stiftung Luthergedenkstätten das Konzept einer Themenkirche entwickelt. Als Taufkirche mit Taufbrunnen sollte sie überkonfessionelle Wirkung entfalten.
Erst innen erkennt man, dass die Rampe Teil der neuen Bodenplatte der Kirche ist, in die vom Taufbecken, Pfeilern und Kirchmittelpunkt aus konzentrisch ausgehende Kreise eingefräst wurden.
Teil des Konzepts war der Wunsch, dass eine Taufe durch Untertauchen möglich sein solle. Im Gutachterverfahren setzten sich AFF Architekten mit ihrem Konzept durch. Seit dem Frühjahr 2012 kann das Ergebnis besichtigt werden. Eine neue, stufenlose Bodenplatte hält mit einer Fuge den Abstand zum denkmalgeschützten Bestand; in den Fugen liegt grober, gewaschener Kies. Nach außen setzt sich diese Bodenplatte am Eingang in einer Rampe fort, die den barrierefreien Zugang ermöglicht.
Das Taufbecken scheint eine natürliche Wasserquelle zu sein. In den es einfassenden Rand ist das Taufgebot aus dem Matthäus-Evangelium eingraviert.
Mittig ist in diese Bodenplatte unter dem letzten Joch vor dem Chor das Taufbecken ausgeschnitten und erzeugt den Eindruck, als hätte man eine Quelle unter dem Boden freigelegt. Verstärkt wird dies dadurch, dass die Bodenplatte über die Wasserfläche ragt, so dass nicht zu erkennen ist, wo die Grenze des Beckens ist. Diese Reminiszenz an fließende Gewässer verweist auf den Jordan, in dem Jesus getauft wurde. In der Bodenplatte selbst wurden Kreise eingefräst, die sich konzentrisch vom Taufbecken aus nach außen fortsetzen. In gleicher Weise wurden Kreise um die Pfeiler, den Mittelpunkt des Hauptschiffs und um zwei Punkte außerhalb der Kirche im Westen und Osten gezogen und in die Bodenplatte gefräst, so dass sich Überschneidungen ergeben, die an die Interferenzen auf Wasseroberflächen erinnern, wenn Steine ins Wasser geworfen werden. Glatte und sandgestrahlte Flächen wechseln sich ab, so dass die Zeichnung nicht zu schwach ist. Die Assoziation an das bekannte Kirchenlied „Ins Wasser fällt ein Stein“ ist naheliegend. Solche Direktheit der Bilder kann leicht in Kitsch umschlagen; die Kirche erhält aber dank der weißen Fassung und den objekthaft präsentierten Gegenstände der kultischen Handlung – Altar, Kreuz und Pult und Luthertaufstein – eine abstrakte Feierlichkeit, die sich dem Heimeligen entzieht, so dass die Balance gehalten wird. Dadurch sind dann auch wieder traditionell wirkenden, aus heimischen Obstholzarten gefertigten Kirchenbänke möglich. 
Das Mobiliar ist aus einheimischem Kirsch-, Nuss-, Apfel- und Birnholz nach dem Entwurf der Architekten gefertigt.
Die Unesco hat, da das „Zentrum Taufe“ Teil des Unesco-Weltkulturerbes ist, die Umsetzung des Entwurfs unterstützt. Das war wichtig, denn nicht alle in Stadt und Gemeinde hatten von Beginn an Verständnis für dieses unkonventionelle Konzept gezeigt, so die Architekten im Interview – wohl vor allem, weil sie sich das Ergebnis nicht vorstellen konnten. Nach der Fertigstellung hätten die Kritiker die Seiten gewechselt. Gut, dass sie sich nicht durchsetzen konnten.
Christian Holl
Lageplan
Grundriss
Partner


Zentrum Taufe
St. Petri-Pauli-Kirche
in der Lutherstadt Eisleben
2012

Petrikirchplatz
06295 Eisleben

Bauherr
Kirchengemeinde, St. Andreas-Nicolai-Petri
vertr. durch Gemeindekirchenamt
Lutherstadt Eisleben

Architekten
AFF architekten
Berlin

Statiik
Ingenieurbüro BauArt
Berlin

Bauphysik
BBS Ingenieurbüro Gronau + Partner
Weimar

TGA
BBS GmbH Ingenieurbüro Baldszun
Mittelbach

Lichtplanung
Anke Augsburg Licht
Leipzig

Bruttogeschossfläche
715 m²

Baukosten
1.760.000 Euro

Fotos
Hans Christian Schink (2, 3)
Martin Fröhlich (1, 4)