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Muss das sein?

Christian Holl | 11.07.2012 | Personen, Preise, Pointen
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Wurde beschimpft und bespottet, leider nicht kritisiert. Das Haus JOH3 von Jürgen Mayer H. Architekten. (Bild 1 und 2: Ludger Paffrath, Bild 3: Patricia Parinejad)

In einem Beitrag für "Die Welt am Sonntag" hat Ulf Poschardt über zwei Berliner Häuser geschrieben. Darf er natürlich. Der Text liest sich allerdings so, als hätte Herr Poschardt etwas schreiben müssen, wusste aber weder was, noch worüber, da flatterte im wohl glücklicherweise eine PR-Information über ein Gebäude von Jürgen Mayer H. auf den Tisch. Das Gebäude regt ihn auf, weil er darin etwas sieht, was ihn sowieso stört, weil er es exemplarisch dafür hält, dass Berlin nicht mehr das schnoddrige Berlin der 1990er ist, sondern sich so langsam auch dort bornierte Reiche breit machen. Oder so. Damit man das nicht so merkt, schimpft er nicht auf die Gentrifizierung (Links-Verdacht!) sondern auf die Architekten, die "Pausenclowns der Gentrifizierung". Ach, wie originell. Und so subtil differenziert. Architekten sind genauso die Pausenclowns der Gentrifizierung wie die Poschardts dieser Welt die Nummerngirls der Anzeigenverkäufer sind. Oder überhaupt die Kunst das Feigenblatt des Kapitalismus ist. Oder die Fans die Claqueure der Fußballmillionäre. Oder, oder.
Nein, Poschardt hat keine Architekturkritik geschrieben. Er hat um sich gehauen, das geht schneller, und irgendeiner applaudiert immer, der dann sagt, endlich traut sich mal einer. Dabei ist das alles kalter und aufgebrühter Kaffee an der Grenze zum Ressentiment. Poschardts Text ist das, was er den Architekten vorwirft zu sein: nicht auf der Höhe der Zeit. Und schlimmer. Dumpf werden die "Süddeutschen" aufs Korn genommen: Arno Brandlhuber, Jügen Mayer H. und der Investor Stefan Höglmaier. Es ergehen abgeschmackte Witze, etwa über das H. bei Jürgen Mayer H. Das wäre ja originell, wenn Jürgen Mayer sich seit 2011 so nennen würde. Er macht das aber schon gefühlte 30 Jahre so, 2012 ist das so erfrischend wie Spott über Fußballerfrisuren aus den 80ern. Dann die wertenden Adjektive: Das Budget von Brandlhubers Haus in der Brunnenstraße (von 2009!) war "mickrig", das Galeriehaus ist ein "sogenanntes", der Schwabe (Jürgen Mayer H.) wird wie das Galeriehaus "umjubelt". Und so geht es weiter, immer weiter: "Die studierten Architekturexperten jubeln über einen Begriff wie 'Teutonic Favela' und verklären die experimentelle Anmut der 'architettura povera' zum städtebaulichen Manifest, das gewissermaßen selbstverständlich 'gentrifizierungskritisch' sein muss." Bei soviel Verbitterung über den Architekturdiskurs in einem Satz muss man fürchten, hier habe jemand ganz andere Probleme.
Und nachdem sich Poschardt am "minimalistischen Popanz", an "gebautem Ulk", am "Millionendorf" München abgearbeitet hat, kommt die dröge Essenz, sie beginnt mit: "Große Städte entwickeln sich langatmig", und jetzt weiß man, dass man nicht mehr lesen muss; was dann kommt, ist schon zu oft und so falsch heruntergeleiert worden. Leider hat sich die Stadt vor 1945, namentlich die des 19. Jahrhunderts, nicht langatmig entwickelt. Sie war auch vor 1945 nicht weniger "improvisiert" wie der Städtebau der 1950er Jahre. Dabei ist Poschardt widersprüchlich: Er misst die "umjubelten" Häuser der Süddeutschen genau an dem Drang zur Aktualität, den er ihnen vorwirft, zeigt sich als Kosmopolit gelangweilt, kennt er doch schon das Vokabular, das Brandlhuber und Mayer H. verwenden. Aber auch früher schon ist die Stadt vom Drang zur Selbstdarstellung geradezu geplatzt, nur hat er die Stadt nicht ruiniert, denn er gehört zu ihr. Man lese Simmels "Die Großstädte und das Geistesleben", ein Text von 1903. Simmel diagnostiziert "die Schwierigkeit, in den Dimensionen des großstädtischen Lebens die eigene Persönlichkeit zur Geltung zu bringen. (...), was dann schließlich zu den tendenziösesten Wunderlichkeiten verführt, zu den spezifisch großstädtischen Extravaganzen des Apartseins, der Kaprice, des Pretiösentums, deren Sinn gar nicht mehr in den Inhalten solchen Benehmens, sondern nur in seiner Form des Andersseins, des Sich-heraushebens und dadurch Bemerklichwerdens liegt." Arno Brandlhuber weiß das alles: Er hat von seiner Seite direkt auf Porschardts Artikel verlinkt. Ätsch.

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