Preisrichter im Spagat

Wolfgang Kil | 21.03.2012
Zwei zweite Preise: Für Johann Bierkandt, Landau (oben) und Architekten HKR/ Klaus Krauss u. Rolf Kursawe, Köln. Ansicht von Südosten. (Bilder: Klassik Stiftung Weimar/ Lutz Edelhoff)
Zwei dritte Preise: Für Heike Hanada mit Benedikt Tonnon, Berlin (oben) und Bube/ Daniela Bergmann, Rotterdam. Ansicht von Westen. (Bilder: Klassik Stiftung Weimar/ Lutz Edelhoff).
Weimar ist nicht nur heiliger Hort deutscher Dichtung, hier wurde auch das Bauhaus gegründet. Dessen einhundertstes Gründungsjubiläum 2019 will die Stadt in einem neuen Museum feiern. Wobei "neu" nicht ganz zutreffend ist: Zum ersten Mal überhaupt soll die auf über zehntausend Objekte angewachsene Sammlung in Weimar ein eigenes Haus erhalten. Lange Zeit war lediglich Einzelstücken Gastrecht im Schlossmuseum gegönnt worden. 1995 hatte man eine gegenüber dem Nationaltheater prominent gelegene, aber sonst ungeeignete klassizistische Remise flüchtig hergerichtet, um eiligen Touristenscharen das Universum "Bauhaus" in einer Art Schnupperkurs näher zu bringen. Diese Notvariante schrie von Beginn an nach Ablösung durch eine seriöse Museumsgründung. Das näher rückende Jubiläum sowie der endlich gefundene Kompromiss in einem zähen Standortstreit führten schließlich zu einer internationalen Ausschreibung, an deren Bewerbungsrunde sich 536 Büros beteiligten. 27 davon wurden für die Endphase zugelassen.
Die Erwartungen an den Wettbewerb waren hoch, und dass Juryvorsitzender Jörg Friedrich, nach drei Tagen Sitzungsmarathon sichtlich erschöpft, am Ende keinen eindeutigen Sieger verkünden konnte, war diesem Verantwortungsdruck geschuldet. Denn die unterschiedlichen Interessen der Hauptbeteiligten – hier die Stadt, da die Klassik Stiftung Weimar als Träger des neuen Hauses – zwangen die Preisrichter in einen Spagat, der jede Ideallösung vereiteln musste: Der vorgegebene Stadtraum, eine chaotische Kreuzung zwischen possierlicher Jakobsvorstadt, brutal-monumentalem Gauforum und modern gefasstem Weimarhallenpark, muss durch den Neubau komplett neu erfunden werden, bedarf daher einer einleuchtenden, aber auch verträglichen körperlichen Präsenz. Die Museumsbetreiber wiederum wünschen sich innenräumliche Vielfalt, um auch für neue, sich wandelnde Präsentationsformen gerüstet zu sein – für sie wäre eine eher transparente, zum Park orientierte Pavillonstruktur zweifellos geeigneter.
Die Jury entschied, für jede der so konträren Anforderungen zwei "preiswürdige" Entwürfe auszuwählen und diese im Rahmen eines VOF-Verfahrens noch einmal intensiver bearbeiten zu lassen. Je einen zweiten Preis (40.000 €) erhielten Johann Bierkandt (Landau) und die Architekten HKR (Klaus Krauss und Rolf Kursawe, Köln). Die beiden dritten Preise (30.000 €) gingen an Heike Hanada mit Benedict Tonon (Berlin) und Bube/ Daniela Bergmann (Rotterdam). Drei Anerkennungen (je 9.666 €) für bemerkenswert gelöste Einzelaspekte wurden Karl Hufnagel Architekten (Berlin), hks Hestermann Rommel (Erfurt) und menomenopiu architectures/ Alessandro Balducci (Rom) zugesprochen.
Unter den raumbildenden Figurationen bevorzugten die Juroren recht klotzige, teils erratische Solitäre. Im Vergleich dazu lassen die Pavillonlösungen viel geschmeidigere, ja elegante Übergänge aus den disparaten Nachbarschaften zum Park erwarten. Nicht nur die vier Preisträgerbüros, auch Stadt und Stiftung werden noch an ihren Kriterien feilen und vertiefen müssen. Wohin deren Entscheidung im Juni letztlich tendiert, ist völlig offen. Der Umgang der "Klassikerstadt" mit dem Bauhaus wie generell mit ihrer Rolle im 20. Jahrhundert war immer eher von Unsicherheit als von Souveränität geprägt. Dabei braucht es gar keiner neuen Avantgarde, um die Visionäre von einst zu ehren. Mit Kleingeist allerdings, mit Mangel an Mut und Fantasie wird man ihrem Andenken unbedingt schaden.

Die Arbeiten der 27 Finalisten sind bis zum 9. April im Neuen Museum Weimar ausgestellt. Weitere Informationen im Internet.