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Tischler und exzellenter Architekt

Ursula Baus | 23.05.2012 | Personen, Preise, Pointen
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Gerrit Rietveld – berühmte Stühle, unterschätzte Häuser (Bilder: Vitra Design Museum)

Sein blau-roter Stuhl, der in erster Fassung, 1918, gar nicht blau und rot, sondern erst 1923 farbig entworfen und hergestellt war, gehört wie die Corbusier-Liege zu den berühmtesten Möbelstücken der Welt. Gerrit Rietveld (1888-1964) erlernte zunächst das Handwerk seines Vaters: die Tischlerei. Der umtriebige junge Mann fand früh Gefallen an den Konzepten von De Stijl, aber ließ sich à la longue nicht auf Formalismen ein. Vielmehr experimentierte er gern mit Materialien und eroberte von den Möbeln aus den Reiz des Räumlichen in der Architektur. 1924 folgte dann wie ein Paukenschlag Rietvelds Architekturikone: das Haus Schröder in Utrecht, das er mit der Witwe Truus Schröder baute – Truus Schröder wurde seine lebenslange Partnerin. Ihre mitgestaltende Rolle wird in Weil am Rhein, wo eine Variante einer zuvor fürs NAI von Ida van Zjil konzipierten Ausstellung gezeigt wird, deutlich. 1924 verkaufte Rietveld die Schreinerei.
Die Ausstellung umfasst 320 Exponate. Und natürlich zeigt Vitra Schätze aus eigenen Sammlungen: 1932 hatte Rietveld den Z-Stuhl entwickelt – in Weil am Rhein steht dieser Z-Stuhl in einer möbelgeschichtlichen Reihe von Z-Stühlen, die das Zusammenspiel von Form, Material und Konstruktion aufs Beste nachvollziehbar zeigen.
Wert wird aber maßgeblich auf Rietvelds Schaffen als Architekt und Stadtplaner gelegt. Reihenhäuser in der Schumannstraat in Utrecht von 1932 begeistern in durchdachten Grundrissen und lichterfüllten Räumen; der niederländische Pavillon für die Biennale in Venedig (1953-54, ohne Bild), der wunderbare Sonsbeek-Pavillon des Kröller-Müller Museums in Arnhem (1955), der 1965 in Otterlo rekonstruiert wurde, das van Gogh-Museum in Amsterdam (1973 posthum fertiggestellt, ohne Bild) und nicht zuletzt das Haus Van Stobbe in Heerlen von 1961-63, welches an das Haus Tugendhat von Mies denken lässt, werden neben anderen Projekten ausführlich präsentiert. Architekten kommen bei dieser Ausstellung wahrlich auf ihre (Anreise-)Kosten. Die Bilder links zeigen die Projekte in der erwähnten Reihenfolge.
Rietvelds Beitrag zur Moderne darf darin gesehen werden, dass er stets die sinnlich-atmosphärische und in sozialer Verantwortung verankerten Aspekte der Architektur ins Zentrum seines Schaffens rückte. Möbel zum Nachbauen, Massenproduktion, kollektives Wohnen – dergleichen lag ihm am Herzen, das verlor er bei allem Experimentieren mit Material und Konstruktion nicht aus den Augen.

Bis 16. September im Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Der sehr informativer Katalog "Gerrit Rietveld – Die Revolution des Raums", 240 Seiten, 300 Abbildungen, kostet 75 Euro.
Das Begleitprogramm unter www.design-museum.de.

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