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Geschichtsschreibung und Kritik

Ursula Baus | 01.02.2012 | Personen, Preise, Pointen
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Merkur Nr. 752, 1|2012, Klett Cotta, 12 Euro; Candide – Journal for Architectural Knowledge, No. 4, 2011, 17 Euro

Unter neuer Herausgeberschaft erschien im Januar die Zeitschrift Merkur 752 – unter anderem mit einem Thema, das für Architekten relevant ist: Kunstgeschichtsschreibung heute, unter die Lupe genommen von Wolfgang Kemp. Was der Autor für Kunstgeschichte im engeren Sinne darlegt, bezieht die Architekturgeschichte durchaus ein. Seine These: Die Kunstgeschichte kippe gerade von der historischen Wissenschaft zur Zeitgeschichte und jetzt zur angewandten Wissenschaft. Universitäre Kunstgeschichte heute hinge direkt vom Kontakt und der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst ab und ließe die frühere, zeitliche Distanz zum Gegenstand vermissen. Kemp bezieht sich konkret auf eine Publikation von Jürgen Stöhr über die Kunsthistoriker Paul de Man, Max Imdahl (Stratege) und Beat Wyss (Taktiker). Tatsächlich beziehen sich wohl 70 bis 80 Prozent der derzeitigen Magister- und Doktorarbeiten auf Themen nach 1965. Es schreiben viele Architekturhistoriker ihre Bücher heute nicht distanziert über Architekten, sondern mit ihnen.
Passend dazu: Die No. 4 der an der RWTH Aachen herausgegebenen Zeitschrift Candide – Journal for Architectural Knowledge. Darin befasst sich (unter anderem) Michael Guggenheim – Soziologe in London – mit Methoden, wie man Architektur analysieren beziehungsweise kritisieren kann. Guggenheim beugte sich über Publikationen zum Thema "Umnutzung" von Architektur seit 1970 und plädiert für eine prozessorientierte Betrachtungsweise unter den Aspekten Technologie, Zeichen und menschlicher Interaktion – statt an alten typologischen Gebäudekategorien festzuhalten. Das ist sicher vernünftig, nur tun seriöse Kritiker dies längst. Wenn ein Gerichtsgebäude als Wohnhaus umgenutzt wird – das benennt Guggenheim als Beispiel –, spielen die soziologischen und andere Komponenten selbstverständlich eine Rolle. Guggenheim vermisst den grundsätzlichen Diskurs zur Umnutzung von Architektur. Das erstaunt ein bisschen, denn Gentrifizierung, Funktionalismuskritik und semiotische und andere Überlegungen gibt es dazu reichlich. Candide wechselte mit dieser Ausgabe übrigens vom transcript-Verlag Bielefeld zu actar, Barcelona.

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