Auch Ingenieure träumen

Wolfgang Kil | 06.11.2013
Woran mag es liegen, dass im Riesenangebot an Architekturbüchern eine Kategorie ein rechtes Aschenputtel-Dasein fristet? Literatur zum Industrie- und Gewerbebau, gar zu Bauten der technischen Infrastruktur findet sich regelmäßig in die Ecke drögen Spezialistentums verbannt. Bei Ingenieurbaukunst scheinen Architekturfreunde eher an Tabellenwerke zu denken. Dass auch Ingenieure träumen, dass ohne deren Wagemut keine Avantgarde auch nur einen Schritt vorangekommen wäre, wird hierbei schlicht verdrängt. Wie es auf diesem Feld aber auch ganz anders, nämlich spannend und bildend zugehen kann, beweisen (unter anderem) zwei Bücher des letzten Sommers.
Da ist zum einen die Monografie über Walter Henn (1912–2006). Ohne dessen Standardwerk "Bauten der Industrie" war in der letzten Jahrhunderthälfte in beiden Deutschlands (!) kein Architekturstudium denkbar. Er gehörte zum prägenden Dreigestirn der "Braunschweiger Schule". Wirklich erstaunlich, dass erst jetzt eine gewichtige Werkbetrachtung des in Ost wie West geehrten Ingenieurarchitekten erscheint. Da die Herausgeber in Dresden tätig sind, bekommen die frühen Jahre dort gebührende Aufmerksamkeit. Nachdem unter anderem ein gewichtiger Neubau Henns für die Dresdner TH von keinem geringeren als Richard Paulick mit stalinistischem Pomp "umgedreht" worden war, zog Henn 1954 die Berufung nach Braunschweig vor, ohne allerdings die Brücken nach Osten ganz abbrechen zulassen. Wohl nicht ohne ironischen Seitenblick auf die legendäre Moskau-Reise ostdeutscher Akademiker erinnert Hans-Georg Lippert an die kollektiven Wallfahrten westdeutscher Hochschullehrer zu amerikanischen "Planfabriken" wie Eero Saarinen oder Gordon Bunshaft bei SOM – finanziert von der Aluminiumindustrie und von ideologischen Erwartungen sicher auch nicht ganz frei. Überhaupt gewinnt die Monografie enorme Lebendigkeit durch solch historische Einbettung. Weggefährten und Mitarbeiter kommen zu Wort, Autoren wie Dieter Bartetzko oder Paulhans Peters spannen mit wenigen kräftigen Strichen einen illustren Zeitgeist-Rahmen um die "zeitlose" Eleganz von Bauten, in denen der Architekt die Würde der darin arbeitenden Menschen zu spiegeln hoffte. Sogar dem kongenialen Wirken "seines" Fotografen wird nachgegangen, Wilfried Dechau untersucht die besondere Affinität Heinrich Heidersbergers zu den klaren Bauten der "Braunschweiger". Fünf bemerkenswerte Vorträge belegen noch einmal Walter Henns weit gespannte Interessen und Engagements. Bildauswahl wie grafische Aufbereitung dieser Monografie sind mustergültig. Allen Ungeduldigen zum Trost: Das lange Warten auf dieses Buch hat sich gelohnt.

Susann Buttolo und Hans-Georg Lippert (Hrsg.): Walter Henn – Die Ästhetik des Funktionalen. Dresden (Thelem Verlag) 2012. 304 S. mit zahlr. s/w-Abb. ISBN 978-3-942411-79-0

Fern aller akademischen Gediegenheit kommt indes eine Publikation aus Warschau daher, die sich Freunde unerschrockener Formfantasie nicht entgehen lassen sollten. Das Buch, ein regelrechtes publizistisches Happening, verdankt sich einer großen Fangemeinde, die die märchengleiche Wiedererstehung der modernistisch verspielten Stadtbahnhöfe quer durch Polens Hauptstadt bewirkt, unterstützt oder einfach nur fasziniert verfolgt hat. Worum es geht: Alle zwischen 1945 und 1975 neu entstandenen Bahnanlagen im zerstörten Warschau sind das Werk zweier Architekten: Arseniusz Romanowicz und Piotr Szymaniak. Während über ihnen der moskowitische Kulturpalast gen Himmel wuchs, ließen die Beiden ihre Empfangshallen und Stationskioske Swing tanzen, unter Ufo-Kreiseln, Hyparschalen und Faltendächern. 1957 wurde ihr erster Blob entschalt. Jungen Warschauer Architekten gelang es nun, rechtzeitig zur Fußball-EM 2012 sieben originalgetreue Sanierungen durchzusetzen. Auch der Abriss des luftig aufschwingenden Bahnhofs Centralna wurde verhindert. Und zum Abschluss dieser weltweit wohl beispiellosen Denkmalrettung trugen viele Aktivisten dieses spannende Buch zusammen – mit historischen Fotos, Plänen, Modellen und Lebensläufen der beiden Bahnbaumeister sowie Arbeitsberichten der jetzigen Sanierungsarchitekten, dazu Fotostrecken vom prallen Leben im Warschauer Bahnhofsmilieu einst und jetzt. Finanziert wurde das Buch aus den Erlösen einer Kunstaktion, bei der im Juni 2011 sämtliche Hinweis- und Fahrplanschilder des alten Zentralbahnhofs versteigert wurden. Und weil sie gerade so herrlich am Machen waren, kam zur polnischen gleich noch eine englische Ausgabe hinzu. Die ist ab Ende November auch für Leser hierzulande zu beziehen – zumindest über den Berliner Architekturbuchladen "proqm".

Grzegorz Piatek (Hg.): AR/PS. The Architecture of Arseniusz Romanowicz and Piotr Szymaniak.  Warschau (Fundacja Centrum Architektury) 2012. English edition, 384 S. mit zahlr. Abb.  ISBN 978-83-934574-5-8

Das Sonderangebot an Architekturliteratur aus Polen bei proqm gehört zum Begleitprogramm einer Ausstellung: "Zum Beispiel: Ein polnisches Haus." Im Polnischen Institut Berlin, Burgstraße 27, 10178 Berlin, 22. November 2013 bis 7. Februar 2014