Sedimente der Geistes- und Baugeschichte

Ursula Baus | 23.08.2010
Der Campanile von Venedig nach dem Einsturz 1902
Der 1912 rekonstruierte Campanile in einer Aufnahme von Carola Jäggi, 2006
In älteren Zeiten war es so, dass auch die Geschichtswissenschaften mit bahnbrechenden Erkenntnissen aufhorchen ließen, Weltbilder erschütterten und Diskurse entfachten. Wenn die Rekonstruktionsthemen jetzt die Tagungsprogramme, Ausstellungsthemen und Buchcover erobern, dann hinken diese Wissenschaften allerdings einer Entwicklung hinterher, die sie in der vermeintlich breiten, jedenfalls gut lancierten Relevanz der "Rekonstruktion" in den letzten fünfzehn Jahren gründlich unterschätzt haben mögen. Uta Hassler (ETH Zürich) und Winfried Nerdinger (TU München) hatten 2008 mit einer Tagung in Zürich als Erste das Thema in einen interdisziplinären, wissenschaftlichen Kreis getragen – es war höchste Zeit dafür geworden ("Das Prinzip Rekonstruktion"). Gleichsam im Nachschlag dazu ist jetzt in München die üppige Ausstellung "Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte" zu sehen. Dass verschiedene Beweggründe dazu führen, ein warum auch immer zerstörtes oder sogar nur literarisch überliefertes Bauwerk zu "rekonstruieren", wird in 85 Beispielen aus verschiedenen Kulturkreisen und Jahrtausenden dargelegt: Mal sind es religiöse, mal nationale, mal kommerzielle oder sentimentale Gründe. 200 weitere Rekonstruktionsbeispiele, die als Fotosequenzen zu einem umlaufenden Band montiert sind, suggerieren, dass wir in einer ohnehin rekonstruierten Welt leben.
Die Übergänge von Totalrekonstruktionen zu einem behutsamen Weiterbauen an lädierter Bausubstanz sind fließend. Meister eines einfühlsamen, kontinuierlichen, das Werk der Vorfahren ehrenden Bauens sind deswegen mit guten Gründen in der Ausstellung vertreten: Álvaro Siza, Luigi Snozzi, Carlo Scarpa, Giorgio Grassi – jedoch vermisst man gerade hier Karljosef Schattner, der mit unfassbarer Sicherheit bewies, wie selbstverständlich die Kontinuität im Bauen sein kann.
Die Ausstellung legitimiert die "Rekonstruktion" in vielen faktischen und begrifflichen Facetten – von der Antikenrezeption bis zum Wiederaufbau und Themenpark – und beeindruckt durch eine Fülle von Beispielen, zu denen es im Katalog viel zu lesen gibt. Sie wertet nicht – man kann hier und da zwar Seitenhiebe auf eine diffus anvisierte Moderne erkennen. Sei's drum: Hingehen, Anschauen, sich eine eigene Meinung bilden.
Etwa zeitgleich erschienen jetzt Tagungsdokumentation und Ausstellungskatalog. Beide Bücher zusammen erfordern ein Rollköfferchen, um ins Bücherregal zu kommen. Auch ich als Architekturhistorikerin freue mich natürlich über die Wertschätzung dessen, was die Vorfahren so fulminant bauten. Allein: Möge das Engagement sich auf das Erhalten konzentrieren, so dass am besten kaum noch rekonstruiert (im engeren Sinne) werden muss. Es steht außerdem eine fundierte Auseinandersetzung mit der "Zeit" aus: In Günter Abels Beitrag in Das Prinzip Rekonstruktion klingt sie wenigstens an.
Bis 31. Oktober, Katalog bei Prestel in der Ausstellung als Paperback 45 Euro, gebunden im Buchhandel 69 Euro. ub