Betr.: Magazin 12/11

Philipp Dittrich | 30.03.2011
Es ist sehr erfreulich, dass sich german-architects mit einer so fundierten Bestandsaufnahme des deutschen Wettbewerbswesens annimmt. Dem weniger erfreulichen Ergebnis dieser Recherche kann ich aus der eigenen Praxis als Auslober leider kaum widersprechen. Daher möchte ich hier nur einige ergänzende Anmerkungen zur Diskussion beitragen:

Sonderpreis
In der Tat ist es ein schwerer Verlust, dass uns der Sonderpreis mit Einführung der RPW 2008 und der VOF 2009 abhanden gekommen ist. In der EU-Kommission wurde weniger das kreative Potenzial als vielmehr die Gefahr von Korruption gesehen. Das ist angesichts der hohen Hürde eines einstimmigen Jurybeschlusses aber eher unwahrscheinlich. Machen wir uns doch nichts vor: Wer seine unlauteren Machenschaften durchsetzen möchte, kann das auch unter dem Deckmäntelchen eines Wettbewerbs schaffen – gerade ohne Sonderpreis, mit der nur einfachen Mehrheitsentscheidung eines Preisgerichts. Bei den wenigen vergebenen und noch weniger beauftragten Sonderpreisen der letzten Jahrzehnte deutet umgekehrt meines Erachtens nichts auf unsaubere Machenschaften hin.
Solange es den Sonderpreis nicht gibt, empfiehlt es sich meines Erachtens auf bindende Vorgaben in der Auslobung ganz oder möglichst weitgehend zu verzichten. Damit muss keine Arbeit aus inhaltlichen Gründen von der Beurteilung ausgeschlossen werden, gegebenenfalls kann die Jury sogar mit lediglich einfacher Mehrheit einen 1. Preisträger prämieren und zur Realisierung empfehlen, der sich in überzeugender Weise über Rahmenbedingungen der Auslobung hinweggesetzt hat.

Beauftragung
Die Beauftragung des 1. Preisträgers ohne Verhandlungsverfahren unter allen Preisträgern war im Rahmen der VOF schon immer möglich. Der Auslober kann sich nämlich bereits in der Bekanntmachung auf die Entscheidung der Jury festlegen und sich die Durchführung eines Verhandlungsverfahrens für den Fall vorbehalten, dass wichtige Gründe gegen die Beauftragung des Verfassers des von der Jury zur Realisierung empfohlenen Entwurfs sprechen. Damit wird die (leider seltene Solidarität) der weiteren Preisträger entbehrlich.

Offene Wettbewerbe
Es ist richtig, dass die Teilnehmerzahlen kaum noch so groß werden, dass sie Vorprüfung und Preisgericht überstrapazieren würden. Ob allerdings eine deutliche Verkürzung der Bearbeitungszeiten ein wirklich empfehlenswertes Instrument der Steuerung der Teilnehmerzahlen ist, möchte ich bezweifeln. Entgegen des gerne beschworenen Willens zur interdisziplinären Zusammenarbeit lassen sich die Teilnehmerzahlen übrigens durch die verbindlich geforderte, interdisziplinäre Zusammenarbeit wirksam einschränken.
Gelegentlich, oder besser nach meinem Eindruck stellt sich auch zunehmend die Frage, ob der offene Wettbewerb die besten Teilnehmerfelder gewährleistet, oder ob daran nicht vor allem die teilnehmen, die sich zu den nichtoffenen Verfahren nicht qualifizieren können – und dies nicht immer zu Unrecht. Das Fehlen großer Namen in offenen Wettbewerben muss im Übrigen zwar keinen negativen Einfluss auf das Ergebnis haben, haftet ihm aber gleichwohl oft als Makel an. Es ist eben ein Unterschied, ob man den Pokal gegen den FC Barcelona oder gegen Tasmania Wildbachkreuth gewinnt.

Auswahlkriterien
Die Zahl der Mitarbeiter bietet dem Auslober schon eine gewisse Gewähr für die Eignung zur Beauftragung. Natürlich kann und wird ein Auftragnehmer in der Regel sein Personal nach der Beauftragung aufstocken. Das funktioniert aber deutlich besser, wenn bereits eine Grundstruktur da ist. In der Regel ist die Hälfte der in der Spitze (meist LP 5) erforderlichen Mitarbeiter als Mindestanforderung ausreichend (bei sehr großen Projekten auch deutlich weniger), beim Umsatz dann diese Zahl multipliziert mal 50.000 Euro. Damit ist auch gewährleistet, dass die Zahl der Mitarbeiter und der Jahresumsatz keine Bewertungskriterien sind, so dass größere Büros hieraus keinen Vorteil gegenüber kleineren ziehen können. Zur Erfüllung der Mindestanforderungen empfiehlt sich für kleinere Büros die Bildung von Bietergemeinschaften. Philipp Dittrich, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, A2 – Projektentwicklung, Wettbewerbe, Zuwendungsmaßnahmen