Wahrzeichen, Rekorde, Mobilität

Ursula Baus | 29.02.2012
Wer kennt sie nicht, die drei Herren, die als sitzende Figuren das Tragprinzip der Forth Bridge (Verlag Axel Menges) nahe Edinburgh demonstrieren? Als 1890 die Eisenbahnbrücke über den River Forth eingeweiht wurde, war sie eine Sensation; sie war die damals längste Eisenbahnbrücke der Welt und die erste Stahlkonstruktion solcher Größenordnung. Eine kurze bauhistorische Einleitung, eine ausführliche Konstruktionsanalyse sowie Reproduktionen von Originalplänen füllen 20 der 60 Seiten des großformatigen Buches (31 x 28,5 cm). Die atemberaubende Dimension der Brücke, der genaue Blick auf die Details, die landschaftsprägende Wirkung des Bauwerks – all das ist daneben in seitenfüllenden, exquisiten Fotografien wiedergegeben, die den eigentlichen Reiz des Buches ausmachen. Wen es da nicht sofort zum Original nach Schottland zieht, dem ist kaum zu helfen. Das schöne Buch ist leider nur mit englischem Text bestückt. Man fragt sich, warum Ingenieure den Meisterwerken ihrer Zunft so wenig schöne Bücher bescheren.

Die Rekorde im Verkehrswesen haben natürlich eine Kehrseite. Nach Feuer und Krieg darf man das Auto als dritte Stadtzerstörungsursache benennen – tückisch insofern, als dass es sich in den Alltag der Menschheit wie ein Suchtmittel eingeschlichen hat. Andreas K. Vetter widmete sich in seinem Buch Haus & Auto (Callwey Verlag) der Art und Weise, wie die Unterbringung des Autos den Prototyp "Wohnhaus" erobert hat. "Zuhause schöner Parken" – es erschreckt bei manchen Beispielen, wie grotesk das Auto als heilige Kuh behandelt wird und welch ein Buhei Architekten drum machen.

Dass das Auto nicht nur Städte und Dörfer, sondern auch die Landschaft in Mitleidenschaft zieht, thematisiert die finnische Fotografin Merja Salo mit dem kleinen Fotobuch Carscapes Automaisemia (Edition Patrick Frey). Hier wird überdeutlich, wie die Flut der Automobile in alle Teile der Welt schwappt – und Spuren der Verödung und Verwüstung hinterlässt.

Um Mobilität in weiten Zusammenhängen geht es in dem Berliner Atlas paradoxaler Mobilität, herausgegeben von Friedrich von Börries (Merve Verlag). Das scheußliche, aber gelehrt klingende Wort "paradoxal" bedeutet nichts anderes, als dass die Mobilität unterschiedliche Seiten hat: Individuelle Freiheit und militärische Ursprünge, beschaulich Reisende versus Vertriebene und Flüchtlinge – und so weiter: Das sind Aspekte, vor denen in Form eines "Atlas" das Beispiel Berlin aufgedröselt wird. Mit Karten, die Lärm, Porschedichte und vieles mehr verzeichnen, außerdem mit Essays, die den Bogen von Berlin zurück in die globalen Mobilitätsthemen schlagen, liefert das Buch Argumente, sich grundsätzlicher mit dem Thema zu befassen.

Bleibt der Hinweis auf ein hervorragendes ARD-Radio Feature: Wie Bahn und BMVBS nach partei- und lobbypolitischen Kriterien planen statt nach klug ausgedachten, langfristigen Verkehrskonzepten und warum die Vorgeschichte des Projektes Stuttgart 21 eine einzige Blamage ist, das hören Sie im Radio-Feature Abstellgleis für alle von Wilm Hüffer.

John Fowler, Benjamin Baker: Forth Bridge. Edition Axel Menges, Fellbach. ISBN 3-930698-18-8, 36 Euro