Neulich am Yangzhong-See

Katinka Corts | 04.03.2015
Der Schweizer Architekt Matthias Gnehm lässt in seinem Architekturcomic «Die kopierte Stadt» die Stadt Zürich in China neu entstehen. Das Buch handelt von zügellosem Städtebau und einer globalisierten Architektur.
Chinesen lieben Paris. Und das so sehr, dass sie ganze Straßenzüge der französischen Hauptstadt in Tianducheng nahe der Millionenstadt Hangzhou im Osten des Landes nachempfunden haben. Mit Eiffelturm, Triumphbogen und Champ de Mars. Ähnliche Bilder in Songiiang, wo Thames Town mit roten Telefonzellen und gotischer Kirche einlädt. Viel Wohnraum wurde geschaffen, damit die Städter der grossen Metropolen «hübsche» Alternativen zum Wohnen haben. Doch die neuen Großstädte fühlen sich ungewachsen an. Trotz ihrer «Wahrzeichen» und der oktroyierten Romantik sind sie keine Wohn- und Wohlfühlorte. Die künstlichen Städte in China beschäftigten auch den Architekten und Comic-Autor Matthias Gnehm. Er brachte kürzlich im Verlag Hochparterre seinen Comic «Die kopierte Stadt» heraus.
Architektur im Comic
Gnehm begann schon jung als Comiczeichner, während seines Architekturstudiums erschien sein erster Comic «Paul Corks Geschmack». Er dürfte neben dem Spanier Miguelanxo Prado einer der wenigen bekannten Comicautoren mit Architekturstudium sein. «Architektur und Comic verbindet das Interesse am Bildererzählen», sagt Matthias Gnehm. «Die fiktiven Gebäude und die simulierte Bewegung darin ist äußerst interessant und für beide Metiers von grundlegender Bedeutung.» Großstädte, der Lebensraum vieler Comic-Helden, spielen denn in den meisten Bildergeschichten eine tragende Rolle. In seinem neuen, mittlerweile achten Comic-Buch entwickelt Gnehm mit feiner Pastellkreide seine Heimatstadt Zürich neu und kopiert sie in eine fremde Welt. Wieso Zürich? «Zürich ist ‹meine› Stadt, ich kenne sie quasi in- und auswendig,» erklärt Gnehm. «Das ist wichtig, um der Geschichte einen glaubhaften Rahmen zu geben und realitätsnah darstellen zu können, wo sich der Protagonist befindet.»
Ein Architekt auf Abwegen
Die Geschichte handelt von Architekt Leo Lander, der einen Studienfreund in China besucht. Dieser stellt sich als kunstsammelnder Immobilien-Tycoon heraus, der in China mit allerlei Betrügereien Geschäfte macht und eine Retortenstadt, eine Zürich-Kopie, baut. Verglichen mit dem Studienfreund, der vor Agilität und Witz zu sprühen scheint, tritt Protagonist Lander meist erschöpft auf oder wirkt kaputt, verstrickt sich aber dennoch und trotz Beziehung zu Hause in eine Liebschaft. Hier gleitet die Geschichte mehr in Richtung Storytelling, und es entwickelt sich eine Geschichte um Freundschaft und Betrug, um Vertrauen, Wut, Eifersucht und Hass.
Das Buch liest sich flott dahin; die Machenschaften der einen Seite und das Hinzukommen des unbedarften Leo Lander, der in die Intrigen gerät und sich zwischen den Welten verliert, sind die Zutaten. Nach dem ständigen Wechsel zwischen den zwei Welten läuft Leo zum Schluss des Buches durch eine Geisterstadt. Und auch als Leserin weiß man jetzt nicht mehr recht, was Original und Kopie ist – und ob Leo im verlassenen Original-Zürich steht, oder ob die Kopie vergeistert ist. Die städtebauliche Geschichte über die Retortenstadt ist gelungen, und es freut, dass auch die Echtheit der Kulisse der neuen Stadt wirken darf: Neben dem Großmünster gibt es eben keine Limmat, sondern einen tiefen, betongefügten Kanal, in den das Wasser erst Einzug halten wird. Ohne Seeschlamm und Pfahlbauten.
Szenario verbessern
Betrachtet man gut funktionierende Städte genau, ist die Idee, diese Städte zu kopieren, vielleicht nicht nur verrückt. Aber ein solches Vorhaben benötigt Zeit, und die Macher bräuchten viel mehr Gespür für die entsprechende soziale Infrastruktur, mit der die Stadt wächst. Die Geisterstädte in China sind momentan auf dem Weg, als riesige Bauruinen zu enden, wenn nicht neben der schieren Masse auch die Qualität Einzug hält. Letztere plant Matthias Gnehm in der Zweitwelt Leo Landers schon mit, wie auf einem überzeugend gezeichneten Flyer im Laufe der Geschichte zu lesen ist: «Am schönen Yangzhong-See gelegen, der durch leichte Aufschüttungen zum exakten Ebenbild des Zürich-Sees geformt wurde, bietet die Kopie der Stadt Zürich Lebensraum für Sie und Ihre Familie. Hier erwarten Sie eine gesunde und kinderfreundliche Atmosphäre sowie ideale Arbeitsbedingungen [...].» Vielleicht lässt sich Gnehm auch als Berater für kommende Kopie-Bauvorhaben von deutschen Städten gewinnen – ein Teil des Szenarios wäre vorhanden. kc
DIE KOPIERTE STADT
Zeichnungen und Geschichte: Matthias Gnehm
Gestaltung: Barbara Schrag
64 Seiten, farbig, mehr als 300 handgezeichnete Pastellkreide-Bilder
Hardcover (Pappband mit Fadenheftung)
Format: 23 × 27,5 cm
ISBN: 978-3-909928-26-2, 33 Euro
Edition Hochparterre