UC (1923-2013) – Gedenken an Ulrich Conrads' Courage

Peter Neitzke und Ursula Baus | 09.10.2013
Als Chefredakteur der "Bauwelt" prägte Ulrich Conrads von 1957 bis 1988 die Architekturdiskussionen in Deutschland maßgeblich. Er ist ein Kritiker mit Wissen und Überzeugungen gewesen – mit Häppchenjournalismus via Facebook oder Twitter hätte der unbeirrbare, couragierte und leidenschaftliche Kritiker kaum etwas anfangen wollen. Am 28. September starb er im Alter von fast 90 Jahren.
Ulrich Conrads (Bild: Bauverlag)
Gedankenfreiheit und Kritik  Ulrich Conrads erzählte mir vor einigen Jahren, wie er einmal aus der Zeitung erfahren habe, dass ein Nachfolger für ihn gesucht werde. Er, Ulrich Conrads – Generationen von Architekten bestens bekannt als UC –, sei schnurstracks zu seinem Verleger geeilt, der dann doch an ihm festgehalten habe. 1946 bis 1951 hatte Conrads (* 27. 10. 1923) in Marburg Kunstgeschichte, Archäologie, vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie, Soziologie und Theaterwissenschaft studiert und über "Dämonen und Drolerien an französischen Kirchenbauten des 12. Jahrhunderts" promoviert. Er wählte danach gleich das Redaktionsfach und war von 1957 bis 1988 als Chefredakteur der wöchentlich erscheinenden Bauwelt tätig. Dort hat Ulrich Conrads – mal Charmeur, mal zorniger Chef – die Architekturdebatten im Nachkriegs-Deutschland initiiert. Neuigkeiten zur Architektur erfuhr man bei der Bauwelt wöchentlich mit einem Vorlauf von mindestens acht Tagen, in Monatszeitschriften wie der db (Chefredakteur war seinerzeit Karl Wilhelm Schmitt, "tt") oder dem Baumeister (Chefredakteur war Paulhans Peters, "Pe", siehe eMagazin #41|11) mit einem Vorlauf von rund vierzehn Tagen. Man nahm sich Zeit für den Austausch von Gedanken und Argumenten.
Ja, UC war ein Gegner autoritär anmutender Architektur. Ja, er war parteiisch, wenn es um gesellschaftlich relevante Aspekte der Stadtentwicklung ging – und thematisierte beispielsweise 1967 folgerichtig bei einem Kongress "Einige Anmerkungen zur Begründung einer sozialen Ästhetik". Er bewies Haltung in prekären Situationen. Und vieles initiierte er über die Bauwelt-Redaktion hinaus – die TU Cottbus erinnerte 2003 anlässlich einer Veranstaltung zum Thema Architekturkritik: "Ulrich Conrads hat die erfolgreiche Medien-Kampagne für die Realisierung des Scharoun-Entwurfes für das neue Haus der Berliner Philharmonie initiiert und durchgeführt, hat mit seinem Aufruf 'Mies muss in Berlin bauen' durchgesetzt, dass Mies van der Rohe mit dem Bau der Nationalgalerie in Berlin beauftragt wurde, hat mit Kyra Strombergs und Julius Posener beim Bundestag mit Erfolg interveniert, um das von Persius und Stein 1845–1847 errichtete Krankenhaus Bethanien, dessen Abriss bereits genehmigt war, zu erhalten und hat zusammen mit dem damaligen Frankfurter Baudezernenten Haverkamp die Bank für Gemeinwirtschaft (heute: SEB Bank) veranlasst, einen Deutschen Städtebaupreis auszuschreiben, dessen jährliche Vergabe er bis vor Kurzem organisiert und geleitet hat." Der schließlich vielfach geehrte Ulrich Conrads rief aber auch die inhaltlich und gestalterisch einzigartige Zeitschrift Daidalos und die ebenfalls zum Kult gereifte Buchreihe Bauwelt Fundamente ins Leben, die von Peter Neitzke mit herausgegeben wurde. Conrads war Kritiker – und kein "Journalist". ub
Im Profil – was für eine eindrucksvolle Nase zeigt die Conrads-Skulptur von Gerd Neumann!
Peter Neitzke: Courage   Zu Herausgeberkonferenzen mussten wir uns nicht verabreden. Wir waren und blieben zu zweit. Streitbare Geister, die gleichwohl nicht stritten, wenn neue Bände festgelegt werden sollten: Ulrich Conrads und ich, seit den frühen achtziger Jahren Mitarbeiter, später Mitherausgeber der von UC 1963 ins Leben gerufenen Bauwelt Fundamente. Ging es anfangs vor allem darum, möglichst viel vom Geist und von der Haltung der zwanziger Jahre in das Baugeschehen und die städtebaulichen Vorsätze der Nachkriegsjahrzehnte herüber zu bringen, so öffneten wir die Buchreihe dann für – oft weit über den Horizont der Architektur und des Urbanismus hinausreichende – Fragen. Für Themen, die über Jahrzehnte das Profil und den Rang der Buchreihe prägen: Dokumentationen, Debatten aufgreifende oder zündende Beiträge, Streitschriften.
Cover-Bild des Band 1 der Bauwelt Fundamente, "Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts"
Courage – wer hätte sie nicht gern. UC redete nicht darüber. Er hatte sie. Ich denke hier an einen schier unglaublichen Vorgang. UC hatte 1987 in der Bauwelt mit einer "Offenen Anfrage" an Erich Honecker, seinerzeit Vorsitzender des Staatsrats der DDR, bekannt gemacht, dass sich 1984 zwei junge DDR-Architekten an einem Offenen Ideenwettbewerb für die künftige Gestaltung des Gestapo- und SS-Geländes beteiligt hatten – "von 1933 bis 1945", schreibt UC, "die tödlichste Adresse in Europa, ja der Welt: das Gestapo-Hauptquartier".  Die beiden Architekten hatten sich über das DDR-staatsoffizielle Beteiligungsverbot hinweggesetzt und waren danach wegen "Schädigung des Ansehens der DDR" zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Und das in einem Staat, schreibt UC, "der den Antifaschismus auf seine Fahnen geschrieben hat".
Heute vor sechs Jahren, am 4. Oktober 2007, erschien in den von ihm 1963 begründeten Bauwelt Fundamenten sein Buch Zeit des Labyrinths. Die "Offene Anfrage" ist hier nachzulesen. In der Vorbemerkung dazu erinnert er sich an einen Besuch des DDR-Staatsarchitekten Hermann Henselmann. Der hatte ihm gesagt, die beiden "aufsässig" genannten Architekten hätten "die zweieinhalb Jahre mehr als verdient". UC besann sich nicht lange. Er handelte, ganz kleistisch: "Was Dein erstes Gefühl Dir antwortet, das tue." Und warf den Mann hinaus.
Fast möchte man sich hüten, für UC Selbstverständliches – wenngleich allenthalben weithin Vergessenes, vielfach Geringgeschätztes – Courage zu nennen. UC war unerschrocken. Er dachte und schrieb über die gehüteten Ränder der Disziplinen hinaus – der Architektur wie der Architekturkritik. Seine Courage bestand in der Kompromisslosigkeit gegenüber Disziplinen, die oft genug mit dem Rücken zur Gesellschaft denken, entwerfen, bauen, schreiben.
In einem an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus Ende Oktober 2002 gehaltenen Vortrag, der die Tugenden der wahren Architekturkritik zum Gegenstand hat, erwartet er von Architekturkritikern ein gehöriges Maß an Empathie. Sie sollten die Fähigkeit besitzen, sagt er, sich "mit den Lebensweisen, Lebensrhythmen, Lebensbedürfnissen der Armen wie der Reichen, der Versklavten und Bedrängten wie der den Existenznöten Entkommenen für eine geraume Weile zu identifizieren". Versteht einen Bau, wer sich auf dessen Schauseiten beschränkt? Wer nur die Schönheiten der räumlichen Inszenierung thematisiert?
UC wusste, dass "das Herzeigen von Fassaden von den virulenten sozialen Kräften in dieser unserer Weltzeit alsbald vernünftig korrigiert werden wird". Sind wir bereits Zeugen dieses Prozesses? UC hatte die Courage, den Praktikern wie den Apologeten des alten Denkens entgegenzutreten.  
Danke, UC!

Das Vorwort zur Neuauflage (2013) vom Band 1 der Bauwelt Fundamente, "Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts", finden Sie >hier.