Bücher für die Tonne

Claudia Hildner | 25.04.2012
Berge von Billigbüchern, schleichendes Verlagssterben und immer weniger Publikationen, die den Architekturdiskurs voranbringen – was ist mit den Architekturbuchverlagen los? Der Name und die Backlist des insolventen Verlags Birkhäuser wurden gestern vorerst gerettet, dennoch scheinen die Listen der erwähnenswerten Neupublikationen immer übersichtlicher zu werden.
Viele Bücher, nichts zu lesen: Der Buchmarkt wartet kaum noch mit Publikationen auf, die Schwung in den Architekturdiskurs bringen könnten. (Bild: Robert Andreas Drude)
Ein Selbstversuch für Architekten und architekturinteressierte Leser: Drehen Sie sich doch einmal um zu Ihrem Bücherregal und sehen Sie nach, wie viele der Werke dort aus dem Verlag "Birkhäuser" stammen. Darunter entdecken sie wahrscheinlich einige herausragende Monografien, vorbildlich zusammengestellte Konstruktionsatlanten und viele andere Werke vorwiegend älteren Datums, die Ihnen aufgrund ihrer Qualität ans Herz gewachsen sind. Den Verlag, in dem diese Bücher entstanden sind, gibt es nicht mehr, er ist seit Anfang März offiziell insolvent. Im Rahmen der Liquidation wurden er – oder besser die Marke "Birkhäuser" und die Backlist des Verlags, also die gedruckten, aber noch nicht verkauften Bücher und ihre Lizenzen – gestern an den Wissenschaftsverlag Walter De Gruyter verkauft. Laut dessen Pressesprecherin Ulrike Lippe sieht der Berliner Verlag darin in erster Linie die Chance, den eigenen Kunstbuchbereich in Richtung Architektur und Design zu erweitern. Der Schwerpunkt soll, gemäß der Ausrichtung des Verlags, der unter anderem das "Allgemeine Künstlerlexikon" herausgibt, weiter auf Fachbüchern liegen. "Die Rettung Birkhäusers ist dem Verlag De Gruyter eine Herzensangelegenheit gewesen", sagt Lippe, und spricht damit an, dass der Geschäftsführer Sven Fund bis 2008 bei Springer Science and Business Media tätig und damit unter anderem für Birkhäuser verantwortlich war. In jedem Fall ist der Kauf nicht ohne Gefahren, denn die Situation vieler europäischen Architekturverlagshäuser ist im Moment alles andere als rosig.
Birkhäuser und SUN Architecture: Zwei Verlage, die an den Erwartungen der Investoren scheiterten. Die Zukunft der Marke Birkhäuser liegt seit gestern in den Händen des Berliner Verlags De Gruyter. (Bild: Claudia Hildner)
Zu hohe Erwartungen Einige inhabergeführte Verlage sind nahezu pleite, und bei manchen investorengeführten Verlagen wird der Geldhahn für Architekturfachbücher demnächst zugedreht. Den niederländischen Verlag SUN Architecture etwa wird es ab Mai 2012 nicht mehr geben – dem Unternehmen Boom Publishers, zu dem SUN gehört, war die Rendite, die mit der Architektursparte erwirtschaftet werden konnte, nicht hoch genug. Die Insolvenz des Birkhäuser Verlags hingegen war die Folge eines unverantwortlichen Verkaufs: Dem Basler Unternehmen wurde zum Verhängnis, dass der Verlag Springer Science and Business Media es Ende 2009 (also lange nach dem Weggang des De-Gruyter-Geschäftsführers Sven Fund) an das kleine spanische Verlagshaus Actar verkaufte. Das hatte eigentlich genug damit zu tun, sich selbst über Wasser zu halten. Das waghalsige Experiment scheiterte im März 2012 endgültig. "Das Geschäftsmodell von Birkhäuser war problematisch, funktionierte nicht: Zuviel musste vorfinanziert werden, und es dauerte zu lange, bis ein Buch fertiggestellt werden konnte", sagt Anna Tetas von Actar dazu. Wer keine finanziellen Reserven hat, muss ein Buch so schnell wie möglich produzieren, um es umgehend verkaufen zu können und die Ausgaben wieder zu kompensieren.

Druck versus Internet Das schlägt sich in der Qualität der Bücher nieder: Masse statt Klasse heißt es bei vielen Verlagen, die sich auf das schnelle und preiswerte Produzieren von Architekturbüchern spezialisiert haben. Die Ergebnisse lassen sich am besten als gedruckte Leere beschreiben: Viele Bilder, wenig relevante Informationen. Einen roten Faden oder etwas, das den Architekturdiskurs voranbringen könnte, sucht man hier vergeblich. Erstaunlich, dass Gedrucktes trotz allem noch einen so guten Ruf genießt – vieles, was den Weg zwischen zwei Buchdeckel findet, wäre in webbasierten Informationsportalen besser aufgehoben.
Architekturbuchverlage mit mehr Anspruch müssen auf Fremdfinanzierung setzen, produzieren also Bücher auf Anfrage von Geldgebern, etwa größeren Büros, Unternehmen, Stiftungen oder Universitäten. Grundsätzlich ist das nicht verwerflich: Bücher herzustellen war immer schon zu einem gewissen Grad eine Dienstleistung, bei der sich der Verlag als der Apparat versteht, der die Publikation produziert und vertreibt. Bedenklich ist aber, dass Bücher ohne solche Lobby heute kaum mehr eine Chance haben, publiziert zu werden. Die Architekturbuchverleger haben keine Rücklagen, die ihnen erlauben würden, Bücher zu veröffentlichen, weil es ihrer verlegerischen Verantwortung entspräche oder ihr Fachwissen es ihnen als wichtig erscheinen ließe.
Der neu gegründete Verlag Park Books setzt auf zeitaufwendige, sorgfältig gestaltete Bücher. Bezahlen lässt sich das aber nur durch Fremdfinanzierung. (Bilder: Pictures from Italy, Scheidegger & Spiess)
Kein Buch ohne Geldgeber "Hochwertige Bücher mit Fotografien können von den Verlagen in der Regel gar nicht ohne Unterstützung von außen finanziert werden", sagt etwa Thomas Kramer dazu, der Programmleiter des neuen Schweizer Architekturbuchverlags Park Books. Der kürzlich aus der Taufe gehobene Schwesterverlag von Scheidegger und Spiess will – entgegen des vermeintlichen Zeitgeistes – mit zeitaufwendigen und bis ins Detail sorgfältig gestalteten Architekturbüchern punkten. Bei Vertrieb und Pressearbeit setzt der Zürcher Mini-Verlag auf die Strukturen des Mutterhauses, das eigene Lektorat soll eher klein gehalten werden. Wie kann man in diesen schwierigen Zeiten einen neuen Verlag gründen? Thomas Kramer sagt, dass die Anfragen bezüglich der Möglichkeit, bei Scheidegger & Spiess hochwertige Architekturbücher zu publizieren, in den letzten Jahren stetig zugenommen hätten. Mit der Gründung von Park Books habe man auf diese hohe Nachfrage reagiert. Bücher, die ohne Geldgeber finanziert werden, seien die Ausnahme – aktuell etwa arbeitet Park Books an einer Zumthor-Monografie, die aus eigener Tasche bezahlt wird. Bei weniger markttauglichen Publikationen ohne externe Finanzierung müssen Stiftungen oder andere Sponsoren im Kulturbereich gefunden werden, die die Produktionskosten übernehmen. Diese Suche kann der Verlag übernehmen – da die Kapazitäten dafür nicht immer ausreichen, ist es aber nicht unüblich, dass sich die Autoren beziehungsweise Herausgeber selbst um Geldgeber für ihr Projekt bemühen müssen.
Gerade erschienen oder noch in der Pipeline: Drei Publikationen zur Architektur der Nachkriegsmoderne im aktuellen Programm von Jovis. (Bilder: Jovis Verlag)
Raum für den Diskurs Während sehr teure und aufwendige Publikationen einen kleinen, aber beständigen Markt haben, und redaktionell kaum bearbeitete, in Rekordzeit erstellte Massenware zu Discountpreisen verschleudert werden kann, leidet vor allem das "Mittelfeld", in das viele Publikationen fallen, die den Architekturdiskurs bereichern könnten. Auf dem deutschen Architekturbuchmarkt gibt es mit Jochen Visscher, dem Gründer und Geschäftsführer von Jovis, einen Verleger, der ein inhaltlich ausgesprochen umfangreiches Architekturprogramm zu moderaten Preisen bietet. Kann das auch in Zukunft so bleiben? "Den Spagat zwischen Qualität und der Notwendigkeit, zu überleben, kennen die meisten europäischen Architekturbuchverlage", sagt Jochen Visscher. "Bei vielen Themen, etwa Publikationen zur Nachkriegsmoderne oder zur Stadtplanung, ist es mir ein persönliches Anliegen, sie im Programm zu behalten, da ich sie für wichtig und notwendig halte." Auch bei Jovis sei es so, dass die Mehrheit der Bücher ganz oder teilweise fremdfinanziert ist. "Man kann nicht mehr so mutig sein wie früher, muss flexibler denn je auf viele Situationen reagieren", sagt Visscher zu dieser Situation.
Beim „Crowd Funding“ können die Leser entscheiden, ob sie ein Projekt unterstützen wollen. Eine neue Möglichkeit, Architekturbücher zu finanzieren? (Bild: Claudia Hildner)
Lässt sich ein Sündenbock ausmachen? Ist es die wirtschaftliche Situation vieler Architekturbüros, die umfangreiche Buchkäufe nicht erlaubt? Ist es das Internet mit seinen Datenbanken, Blogs und Netzwerken? Sind es die Bücher selbst, die den Ansprüchen der Käufer nicht genügen? Oder ist das allgemeine Desinteresse der Gesellschaft an Architekturthemen schuld? Wo auch immer man ansetzt – wenn Architekten und architekturinteressierte Laien in Zukunft noch gute Bücher zu Themen lesen wollen, für die es keine Lobby gibt, müssen sie sich vielleicht selbst stärker dafür einsetzen. Eine Möglichkeit dafür wäre vielleicht das Prinzip "crowd-funding", das sich im Film- und Videospielbereich bereits bewährt hat. Auf Internetplattformen könnten Buchprojekte vorgestellt werden, die sich aufgrund einer fehlenden Finanzierung nicht verwirklichen lassen, und potenzielle Leser könnten entscheiden, wie viel ihnen eine Veröffentlichung wert wäre. Der Name der edlen Spender im Impressum wäre gesichert. Nützlich für ein solches Prinzip wäre ein Netzwerk der europäischen Architekturbuchverlage. Damit lassen sich Strukturen schaffen, mit denen Vertriebswege verbessert, Anbieter sich gegenseitig stärken könnten. Gerade für inhabergeführte Verlage wäre das eine Chance, sich besser untereinander abzustimmen und sich gemeinsam auf dem Buchmarkt zu behaupten. In Anbetracht der schwierigen Situation der Architekturbuchverlage wäre es wünschenswert, dass sich die Verleger möglichst schnell gemeinsam an einen Tisch setzen – anstatt auf Masse zu setzen oder sich daran zu klammern, dass e-books die Branche retten könnten. Claudia Hildner

Claudia Hildner arbeitet als freie Architekturjournalistin in München.