Bau des Jahres 2014 gekürt

Katinka Corts | 04.02.2015
Weit in den Osten, bis ins brandenburgische Senftenberg muss man dieses Jahr reisen, wenn man unseren Bau des Jahres 2014 einmal selbst gesehen haben will. Das landschaftsgestaltende Neubauprojekt für den Senftenberger Hafen überzeugte 17 Prozent der Leserinnen und Leser als bestes Projekt aller 50 Bau-der-Woche-Ausgaben des vergangenen Jahres. Was überrascht: Der Senftenberger Hafen ist dabei nicht Einzelgänger, denn auf den vorderen Rängen finden sich drei unserer im Jahr 2014 vorgestellten Landschafts-Projekte.
Senftenberg ist eine mittelgroße Stadt mit um die 27'000 Bewohnern. Über Jahrzehnte wurde hier, in den Förderbecken der Lausitz, Braunkohle im Tagebau abgebaut. Tagebau bedeutet Schmutz, Lärm und großflächiger Landschaftsverbrauch. Und so verwundert es nicht, dass in der kohlereichen Lausitz nach mehreren Jahrzehnten exzessivem Raubbaus gigantische Kraterbecken in der Landschaft zurückblieben. Das Sanierungskonzept sieht die Flutung der Becken vor. Sie sind zu riesig, um mit Füllmaterial zu arbeiten, und der Grundwasserhaushalt der Region ist dermaßen gestört, dass sie prompt mit saurem, giftigem Wasser volllaufen würden, käme man dem nicht mit der organisierten Flutung entgegen. So wuchs in den letzten Jahrzehnten (auch die DDR sanierte bereits mit Flutung) die große Lausitzer Seenlandschaft, ein Binnengewässer, das Erholungssuchende und Wassersportlerinnen anlockt.
Um dem aufkommenden Interesse entsprechen zu können, entstanden in den letzten Jahren mehrere Infrastrukturprojekte, zu denen auch der neue Senftenberger Hafen zählt. Eine verkehrstechnische Infrastruktur mit Liegeplätzen, Fahrgastschiffanleger, Tankstelle – und – «Seele» sollte es werden, wie Landschaftsarchitekt Carlo Becker vom Büro bgmr das Projekt umreißt. Dazu gehört im Westen des Hafens die 68 Meter lange Seebrücke, zugleich die Süd-West-Mole, die auf schwimmenden Stegelementen aus Stahlbeton ruht. Vereint in der «ARGE Stadthafen Senftenberg» fanden Architekten und Landschaftsarchitekten Wege, die geplante und geforderte Qualität der Anlage trotz Kostendruck zu erreichen. Oder, wie Carlo Becker es im Interview formulierte, habe der Auftraggeber «radikal dafür gesorgt, dass die ursprünglich kalkulierte Bausumme nicht überschritten» werde; ein «Mehr musste durch ein Weniger an Kosten immer ausgeglichen werden, die Qualität musste aber konstant bleiben» – wahrlich meist die Realität im heutigen Bauwesen. Großformatige Betonelemente, Holzdielen und Stahlwände formen den neuen Charme der Hafenanlage, die nun seit 2013 in Betrieb ist. 
Weitere Ränge für die Landschaft
Der Bau-des-Jahres-Exkurs geht weiter zu Rang vier und in Richtung Westen. Zieht man von Senftenberg aus auf der Landkarte einen waagerechten Strich in des Westen Deutschlands, bis kurz hinter Köln und noch vor der Grenze zu den Niederlanden, erreicht man ein weiteres Rekultivierungsprojekt: Den Landschaftspark Forum Terra Nova bei Elsdorf. Hier wird ebenfalls ein ehemaliger Tagebau auf die Neuzeit «umgerüstet». Landschaftsarchitekt und Umweltingenieur Dirk Melzer scheint das Projekt mit Freuden und Phantasie begleitet zu haben, denn hier finden sich heute schon Sonnenliegen und –schirme sowie Festmachpoller für Boote. Jene Ausflugsschiffe kommen aber erst in etwas 100 Jahren, dann nämlich ist der Wasserspiegel auf dem passenden Niveau.
Ein weiteres Landschaft-Sanierungsprojekt kam auf den dritten Rang bei der Abstimmung: Der Horizontweg in Georgswerder bei Hamburg. Die gebaute Landmarke ist ein Steg, der über eine versiegelte Mülldeponie führt. Am IBA-Projekt war ein großes Team an Landschaftsarchitekten (Entwurfsverfasser, Wettbewerbsgwinn 2009), Architekten und Ingenieuren beteiligt. Michael Staffa berichtete uns, dass das Büro ifb frohloff staffa kühl ecker bei diesem Projekt nicht zum ersten Mal auf einer Mülldeponie baute und deshalb wusste, worauf es sich einließ. Der schöne, weite Blick in die Ferne, den man von hier aus hat, wird bei Informierten dennoch nicht vollständig über das leicht mulmige Gefühl hinweghelfen können, auf aufgehübschtem Haus- und Industriemüll zu flanieren.
Rückschau 2014
Insgesamt haben wir Ihnen im vergangenen Jahr in der Rubrik «Bau der Woche» 50 Projekte vorgestellt – und den Fächer weiter geöffnet als in den Jahren zuvor. Dies einerseits, um der Vielfalt der Bauaufgaben in Deutschland gerechter zu werden, und andererseits, um den Blickwinkel anderer Projektbeteiligter kennen zu lernen. Der Rückschau aufs Gesamtjahr zeigt viele Neubauten sowie Sanierungen oder Umbauten. Dabei war einiges vertreten: Profan- und Sakralbauten, Bauten für Bildung und Wissenschaft, Landschaftsprojekte sowie große und kleine Wohn- und Gewerbebauten. Aus diesen Kategorien kommen auch die Plätze Zwei und Fünf der diesjährigen Abstimmung, wir wollen sie nicht unerwähnt  lassen: Das Forschungszentrum der RWTH Aachen (Lepel & Lepel, Köln) und an die beiden Projekte - jeweils mit gleicher Stimmenzahl -  Besucher- und Informationszentrum Sparrenburg in Bielefeld (Max Dudler, Berlin) sowie Haus Stein in Druxberge (Jan Rösler). Der Neubau für die RWTH Aachen zeichnet sich durch ein konsequentes Farb- und Formenkonzept aus, im Kontrast dazu stehen Verwaltungsgebäude und Motorenhalle. Mit dem Informationszentrum in Sparrenburg kommt schließlich noch das «Weiterbauen am Bestand» mit in den Reigen der finalen Fünf: Max Dudler reaktiviert für den Bau alte Materialien und Techniken und schafft so einen starken Bezug zur handwerklichen Arbeit des Bauens. Und Haus Stein brilliert als Erstlingswerk des jungen Architekten Jan Rösler, der sich bei der Planung mit gutem Fingerspitzengefühl und später selber zupackend an der alten Bausubstanz zu schaffen machte.

Wir laden Sie ein, auch auf unseren Schwesterplattformen swiss-architects.com (Gewinner: Haus in der March) und american-architects.com (Gewinner: Lafayette College Arts Plaza) die Preisträger und weit gekommenen Projekte kennen zu lernen. Ab sofort nehmen wir gern wieder Ihre Vorschläge für vorstellungswürdige Bauten und Projekte entgegen – wir sind gespannt, welchen Bau wir nächstes Jahr dank Ihrer Mithilfe zum «Bau des Jahres 2015» küren dürfen. kc, sam, pp, tg


Bau des Jahres 2014
Stadthafen Senftenberg
bgmr Landschaftarchitekten, Berlin/Leipzig mit u.a. ASTOC Architects and Planners, Köln

Weitere Ränge
(2) Forschungszentrum der RWTH Aachen: Lepel & Lepel, Köln
(3) Horizontweg in Georgswerder bei Hamburg: ifb frohloff staffa kühl ecker, Berlin
Entwurfsverfasser: Häfner / Jimenez Büro für Landschaftsarchitektur, Berlin
(4) Landschaftspark Forum Terra Nova bei Elsdorf: Dirk Melzer, Landschaftsarchitekt & Umweltingenieur, Kaub am Rhein
(5) Besucher- und Informationszentrum Sparrenburg in Bielefeld: Max Dudler, Berlin sowie gleichauf
(5) Haus Stein in Druxberge: Jan Rösler, Berlin