Diskutiert endlich!

Christian Holl | 04.04.2012
Zunächst hat der Bericht darüber, dass der Rat für Formgebung die Gründung eines Deutschen Designmuseums initiiert, ein breites Echo ausgelöst; ohne freilich, dass man gewusst hätte, wie es funktionieren soll. Das sollte erst im Diskurs beantwortet werden. Eine offene oder kontroverse Debatte ist aber nicht auszumachen. Dabei hat das Thema das Potenzial zu einer produktiven Grundsatzdiskussion.
"Blurring Borders" ist Kommentar zu einer weitgehend in Routinen erstarrten Ausstellungspraxis, deren Verhältnis zu Architektur und Kontext. (Bild: Luc Merx, Sven Walter)
Wer nicht zur Design-Szene gehört, bekommt von einer Diskussion über das geplante Deutsche Designmuseum wenig mit – was möglicherweise daran liegt, dass auch nicht viel mitzubekommen ist. Dieser Verdacht wird bestätigt, wenn man sich die eigens eingerichtete Internetseite anschaut, wenn man den Rat für Formgebung auf dessen Seiten oder die Facebook-Seite zum Deutschen Designmuseum besucht. Wahrscheinlich hat sich seit Oktober 2011 nicht viel getan, als der Hauptgeschäftsführer des Rats für Formgebung, Andrej Kupetz im Interview äußerte: "Ich sehe allerdings noch nicht die Vorschläge und Konzepte, die wir uns erhofft haben. Mir fehlen noch die konkreten Antworten auf die Frage: Was wollt ihr eigentlich sehen, wenn ihr in so ein Museum geht? Ich hoffe, dass wir in den nächsten Wochen noch mehr Anregungen erhalten." Dass dieser Diskurs wirklich gewünscht ist, hat sich wenig mitgeteilt; die Diskussionen auf den Internetseiten schleppen sich dahin. Dazu kommen handwerkliche Fehler: Viele Kommentare auf deutschesdesignmuseum.de sind beispielsweise auf den 1. Januar 1970 datiert. Beiträge aus anderen Medien werden hier nicht zugänglich gemacht. Wer von außen diese Diskussion verfolgen möchte, weil er sie für nötig hält, weil sie ihn interessiert, weil er sie in Bezug zu gesellschaftlichen Fragen versteht, der wird schwer enttäuscht.
Das ist beunruhigend. Weil eine Diskussion nicht aktiv gefordert wird. Weil in ihr nur danach gefragt wird, welche Dinge wie, wo oder wo noch nicht oder noch nicht in der gewünschten Menge museal präsentiert werden. Das ist keine Diskussion, die dem Begriff Design gerecht wird, der so weit gefasst werden will, "dass auch die gestalterische Relevanz sozialer Bewegungen wie beispielsweise 'Stuttgart 21', aber auch über die Digitalisierung des Alltags im Internet oder die Individualisierung von Serienprodukten wie dem Auto" dazu gehört – so wird Lutz Diepold in der bauwelt 41/11 zitiert. Ob man Diepolds Anspruch gerecht wird, wenn man die Menschen fragt, was sie sehen wollen, wenn sie ins Museum gehen? Wenn man (natürlich wieder einmal in Berlin) sich offensichtlich nicht mehr als eine Steigerung von Bestehendem im Rahmen des Altbekannten vorstellen kann?
Vom White Cube zum offenen Museum. (Bild: Luc Merx, Sven Walter)
Das Museum und das Design
Vielleicht wurden einige Fragen noch nicht so radikal gestellt, wie sie gestellt werden müssten – vor allem die, wie ein Museum heute gedacht werden müsste, um den Herausforderungen, die sich an Design stellen, gerecht zu werden. Vielleicht sollte man es sich leisten, innezuhalten und zu fragen, wie ein Designmuseum überhaupt sinnvoll sein könnte. Es könnte sich lohnen zu fragen, ob es reicht, dass in einem Deutschen Designmuseum endlich aktuelles Design gezeigt, "dass dort zu sehen sein könnte, was noch nicht kanonisiert ist." (Holger Liebs) Was bedeutet das denn eigentlich? Spekulative Wertsteigerung durch eine der Kanonisierung zuvorkommende Musealisierung? Erfüllt sich dann im Deutschen Designmusem durch die Hintertür doch der Zweck, zu dem der Rat für Formgebung gegründet wurde, nämlich, die Marktfähigkeit des deutschen Industriedesigns zu fördern?
Vielleicht sollte man sich zunächst einmal die Frage stellen, was ein Museum sein könnte. Man könnte das Museum als einen Ort verstehen, an dem eine kollektive Vergangenheit konstruiert wird. Damit Menschen in einer Gemeinschaft sich darüber verständigen können, was sie sich für ihre Zukunft erwarten, müssen sie wissen, was sie miteinander teilen, was die Grundlage ist, von der aus sie Zukünftiges projizieren. Die meiste Vergangenheit liegt außerhalb der persönlich Erlebten – das Museum ist eines der Instrumente, um sich einer potenziell gemeinsamen Vergangenheit zu vergewissern. Im Museum geht es demnach immer auch um eine gemeinsame Zukunft.
Der Entwurf schlägt ein Ausstellungssystem vor, mit dem man auf Orte und Situationen reagieren und damit neu prägen und deren Potenziale aktivieren kann. (Bild: Luc Merx, Sven Walter)
Dass für diese Zukunft Design fundamental ist, hat Villem Flusser festgestellt: Wenn man den Designbegriff so versteht, dass er nicht nur ein luxuriöser Mehrwert, nicht nur ein aufgepfropfter oder verhüllender Distinktionswert einer technischen Apparatur, sondern eine Disziplin ist, die die Möglichkeit der Technik überhaupt erst weckt und sie vermittelt, dann ist tatsächlich Design eine fundamentale Disziplin des Menschseins überhaupt. Design bezeichnet, es "bestimmt" Möglichkeiten, enthebt sie dem weißen Rauschen, in dem unsichtbar bleibt, was gesehen werden könnte, in dem unverstanden bleibt, was verstanden werden könnte. Mit der Möglichkeit, Technik denken und entstehen zu lassen, sie zu vermitteln, lässt sich Design so verstehen, dass es von Technik nicht mehr zu trennen ist. Designgeschichte wäre Gestaltungsgeschichte, die nicht erst mit der Einführung des Begriffs Design beginnt. Dann muss man in einem Designmuseum nicht pädagogisch "vermitteln", dass es doch besser wäre, einen schön gestalteten Gegenstand zu kaufen, der vielleicht sogar irgendwann einmal als Klassiker im Museum stehen könnte.

Ein Museum für Wissenschaftler, Künstler, Politiker
Dann ist das, was in einem deutschen Designmuseum verhandelt wird, keine Gestaltungsfrage, sondern eine philosophische Frage – die philosophische Frage, wie man mit Bernard Stiegler formulieren könnte. Dann ist ein Deutsches Designmuseum für Wissenschaftler, für Politiker, für Künstler gleichermaßen interessant – und könnte Vertreter aus diesen Kreisen dazu auffordern, die übergreifende Relevanz ihres Metiers für andere zu formulieren: Design als Kommunikation und als gesellschaftlicher Prozess, ein Designbegriff, der nicht auf die Gestaltung von Objekten reduziert wird, sondern die Gestaltung von Beziehungen einschließt, in die wiederum die Objekte eingebunden sind. Und deshalb eben nicht abstrakt und beziehungslos, sondern beziehungsreich und konkret – keine neuen Gedanken übrigens, sie wurden schon vor über 30 Jahren von Lucius Burckhardt formuliert.
Dann ist die Diskussion, nebenbei bemerkt, auch eine architektonische. Warum auch nicht: Gebäudeentwürfe lassen sich als Kommentare verstehen, die nach den Möglichkeiten suchen, die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, gesellschaftliche Austauschprozesse, das Verhältnis von Individuum zur Gemeinschaft zu formen. Damit lassen sich Diskussionen jenseits von Auseinandersetzungen um Formales führen. Und nach Konsequenzen für nicht mehr hinterfragte Routinen der Entwurfspraxis fragen. Zum Beispiel für das Wohnen. Man kann etwa fragen, wie es heute möglich sein könnte, dass Menschen den häufig als neutral bereitgestellten Innenräumen der auf dem Markt angebotenen Wohnungen persönliche Prägungen einschreiben können, um sich darin zuhause zu fühlen. Ist denn die gängige Praxis von am Ideal des White Cubes orientierten Wohnräumen mit objekthafter Ausstattung durch Möbel noch zeitgemäß? In der die Möblierung lediglich die Absolutheit des Architekturraums betont?
Die Basismodule des Ausstellungssystems ermöglichen aufeinander aufbauende und miteinander kombinierbare Präsentationsformen unterschiedlicher Komplexität. (Bild: Luc Merx, Sven Walter)
Es ließe sich auch über die Gestaltung von Stadträumen diskutieren – wie sie dazu beitragen können, dass sich Menschen in ihnen als Individuen und als Gemeinschaft finden können. Von solchen Stadträumen könnten, analog zu den Wohnräumen, Impulse ausgehen, den Umgang mit Bestehendem, insbesondere der geschichtlich geprägten Umwelt, spielerisch und aktiv aufzunehmen, um nicht gerade deren Reichtum als einen ehrfürchtig zu betrachtenden zu erfahren, der aneignende Aktivität ausschließt.
Dann vor allem ist die Diskussion eine, die das Design davor schützen könnte, auf wirtschaftliche Verwertbarkeit und Einbindung in ein zunehmend unheimliches Wirtschaftssystem zurechtgestutzt zu bleiben. Sie könnte dazu beitragen, der Funktionalisierung des Designs vorzubeugen, die sie von einer Möglichkeits- zu einem Überredungsinstrument macht. Eine Diskussion muss die Herstellungspraktiken und deren Verflechtungen mit Märkten einbeziehen, sie muss fragen, wie Design es weiterhin erlauben kann, dass sich Menschen erfinden, anstatt unsere Existenzen zu verwandeln "in Serien vorgefertigter Klischees" (Stiegler). Gewiss, ein fundamentaler Anspruch, einer der auch danach fragt, was denn nun daran "deutsch" sein sollte. Als Versuch wäre eine von Deutschland ausgehende Diskussion aber vielleicht schon mehr ein deutsches Designmuseum, als es ein Container für deutsche Produkte sein könnte. ch, Luc Merx

Luc Merx ist Professor an der TU Kaiserslautern und führt das Büro gagat international in Aachen. Er hat das Forschungsprojekt Rokokorelevanz initiiert, an dem Christian Holl mitarbeitet.
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Leider noch etwas wenig zu lesen gibt es auf der eigens für das Deutsche Designmuseum eingerichteten Internetseite.

Ein Interview mit Andrej Kupetz über das Thema "Deutsches Designmuseum" veröffentlichte Die Zeit.

Ein Kommentar zu deutschen Designmuseen aus der Süddeutschen Zeitung vom 8. November 2011 ist unter diesem Link nachzulesen.

Zitate und Verweise
Lucius Burckhardt: Design ist unsichtbar. (1981) In: ders.: Wer plant die Planung? Architektur, Politik und Mensch. Martin Schmitz Verlag, Berlin 2004

Villem Flusser: Vom Stand der Dinge: eine kleine Philosophie des Design. Steidl Verlag, Göttingen 1993

Bernard Stiegler: Denken bis an die Grenzen der Maschine. Diaphanes Verlag, Zürich/Berlin 2009