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Engagement und Architektur

Ursula Baus | 27.06.2012

In München verabschiedet sich Winfried Nerdinger unter anderem mit der Ausstellung "Engagierte Architektur" vom Architekturmuseum. In Hamburg kündigt Michael Braum an, für eine zweite Amtszeit an der Spitze der Bundesstiftung Baukultur nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Was kann "Engagement" für einen Qualitätsdiskurs in der Architektur- und Stadtentwicklung bedeuten?

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Rotes Wien
: Victor Theodor Slamas Plakat mit Werbung für die Baupolitik der Wiener Sozialdemokraten, 1927 (Bild: Wienbibliothek im Rathaus, Plakatsammlung P 441)

Erfindet eine bessere Welt  Dass Utopien gerade mal wieder en vogue sind, kommentierten wir hier im eMagazin 4|12 bereits zu Beginn des Jahres. In Winfried Nerdingers neuer und letzter Ausstellung im Architekturmuseum München geht es zwar auch um Utopien, aber bei den Beispielen, die hier in sieben Sektionen präsentiert werden, steht klipp und klar ein gemeinsames Charakteristikum im Vordergrund: die politisch-soziale Motivation. Nerdinger betitelte die Ausstellung deswegen mit dem Begriff  "l'architecture engagée", die auf Jean Paul Sartres bekannten Ruf nach einer "littérature engagée" von 1947 zurückweist und bis in die Gegenwart verfolgt wird – etwa mit Ernest Callenbachs Roman "Ecotopia". Man muss inständig hoffen, dass von Nerdingers Nachfolger Andreas Lepik die geschichtswissenschaftliche Komponente jedes Gegenwartsthemas so hoch bewertet wird wie bisher. Denn erst wenn (im Ausstellungskatalog) beispielsweise Gedankenlinien zwischen dem aufgeklärten, ordnungsliebenden Sozialutopisten Franz Heinrich Ziegenhagen (1753-1806, siehe Chodowieckis Illustration im Bild unten) und Rem Koolhaas' Delirious New York nachgezeichnet werden, lässt sich die eigentliche Funktion aller Utopien erklären: "… dass sie sich zu einer Fantasie aufplustert, die dem konkreten Schrecken einer aus den Fugen geratenen Welt einen Augenblick zu trotzen vermag" (Gerd de Bruyn im sehr lesenswerten Katalog).

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Franz Heinrich Ziegenhagen, "Verhältnislehre", Hamburg 1792 | Die Kolonie, Kupferstich von Daniel Chodowiecki (Pressebild)

Persönliches Engagement   Nun fragt man sich natürlich, ob der Begriff "Engagement" der richtige ist, um die komplexen Wechselwirkungen zwischen Idealismus, Weltanschauung, Politik und Pragmatismus zu sezieren. Um also zu schauen, was die Diskrepanz zwischen Ideal, Sonntagsrede und Alltag ausmacht. Wie es um das "Engagement" jedes Einzelnen bestellt ist, fragt man sich gleich, wenn man das Architekturmuseum  in der Pinakothek der Moderne verlassen hat und sich im lärmenden Alltag der bayerischen Landeshauptstadt wiederfindet. Beim Anblick jedes Passanten darf man überlegen, ob er wohl für oder gegen die neue Startbahn des Münchner Flughafens gestimmt hat. Sich also überhaupt für eine – zugegeben winzige – Facette seiner gebauten Umwelt interessiert und engagiert. Dieses Problem ist bestens bekannt und beschert uns engagierte Bürger, die sich nicht mehr mit einfachen Abstimmungsritualen ausboten lassen wollen. Daneben ist und bleibt das professionelle Engagement für eine bessere oder sogar verbessernde Architektur an unabhängige Strukturen gebunden. Die oft gelobten Netzwerke dürfen jedoch meistens als Seilschaften entwertet werden, in denen es um eigennützigen Einfluss geht.
Hatte Winfried Nerdinger am Münchner Architekturmuseum, das der TU angegliedert ist, weit größeren Handlungsspielraum als Michael Braum, der Gründungsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur?

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Menschen an die Hand nehmen und erklären, was Baukultur ist: Spaziergang beim Baukulturkonvent 2012 (Bild: Kai Müllenhoff für die Bundesstiftung Baukultur)

Kampf gegen Windmühlen Engagiert hat sich Michael Braum, der beim Konvent vor wenigen Tagen verkündete, dass er für eine zweite Amtszeit nicht mehr kandidiere, vor allem für den Alltag. Dabei gelang mit Publikationen und Veranstaltungen vor Ort durchaus Einiges (siehe dazu auch Christian Holl im Beitrag Begleitgrün und Brennstoffzelle in diesem eMagazin). Doch das mühselige Geschäft, das sich die Stiftung damit insgesamt einhandelte, konnte sie in ihrer kurzen Gründungsphase wohl kaum in den Griff kriegen – nicht zuletzt, weil sie zu sehr in eben jenen Strukturen verhaftet war und leider blieb, die es gelegentlich zu bekämpfen gilt: Vereine, Berufsverbände, Parteien, Wirtschaftslobbyisten und Ministerien. Sümpfe, Schlangengruben, verminte Gelände. Wer durch die Sümpfe durch muss, anstatt sie trockenzulegen, wer in den Schlangengruben Frieden stiften will, weil er die Schlangen nicht verbannen kann und wer durchs verminte Feld durchkommen soll, ohne die Minen vorher auszugraben, scheint scheitern zu müssen.  Als Stellvertreterin des Beiratsvorsitzenden Volkwin Marg erhielt ich oft genug Einblicke in Entscheidungsstrukturen, die ich für falsch halte und derentwegen ich die Stiftung in ihrer bisherigen, strukturellen Nähe zu Politik und Interessensvertretern aller Art nicht für erhaltenswert halte. Bereits das Wahlverfahren für die Gremien ist absurd: 350 Konventsberufene dürfen mit nur einer einzigen Stimme Persönlichkeiten wählen, die dann aber in mehreren Berufsbereichen proportional verteilt werden. Konkret: Hätte ein Kandidat 70 Stimmen, gehörte aber zu den "Architekten", dann hätte er womöglich weniger Aussichten als einer, der mit nur 5 Stimmen im Bereich "Bauherr" gewählt würde. Stattdessen müssten die Wahlberechtigten in jedem Bereich 1 Stimme abgeben können.

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Volkwin Marg und Michael Braum beim Baukulturkonvent 2012 (Bild: Kai Müllenhoff für die Bundesstiftung Baukultur)

Die Stiftung abschaffen?  Am Wahlverfahren allein liegt es aber gewiss nicht, wenn sich die Bundesstiftung Baukultur noch zu wenig Durchschlagskraft antrainieren konnte. Ihr selbst obliegt es, sich von allen genannten Miteiferern zu distanzieren und ein eigenes Profil zu schärfen und zu nutzen. Mit dem Risiko, bei der geldgebenden Politik in Ungnade zu fallen oder sich den Ärger bauwirtschaftlich orientierter Kreise zuzuziehen. Und das grenzt ans Absurde, denn die Stiftung ist ab ovo auf das Wohlwollen der Politik und die selbst einzutreibenden Gelder aus der Privatwirtschaft angewiesen. Ein Unding. Bevor ein/e Nachfolger/in für Michael Braum gesucht wird, sollten solche Strukturfehler behoben oder besser: ein neues Stiftungsmodell überlegt werden. Im Architekturmuseum München sind hochpolitische, kritische Ausstellungen gezeigt worden. Das gelang, weil es Teil einer Hochschule ist, geschützt durch den Anspruch auf Freiheit in Lehre und Forschung. Winfried Nerdinger wollte, obwohl angefragt, nie Mitglied in Kreisen der Bundesstiftung Baukultur werden.

Zur Dokumentation des Konvents:
Bundesstiftung Baukultur

Hamburger Appell Download

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