Candide in den Prinzessinengärten

Christian Holl | 14.03.2012
Der Frühling kommt, und schon beginnen die Menschen allerorten in der Erde zu graben. Dank Urban Gardening kann man das inzwischen auch wieder tun, ohne als Gartenzwerg- oder Ökospießer zu gelten. Dabei ist auch das Urban Gardening im Kern nichts Neues. Was nicht heißt, dass es folgenlos bleiben muss.
Urban Gardening ist demonstrativ, auf die Größe des Gartens kommt es nicht an. (Bild: Firts Daffodils/flickr.com)
Mit einem resignierenden "Wohl gesprochen, aber wir haben in unserem Garten zu arbeiten" des Candide endet die gleichnamige Erzählung von Voltaire, in der er die Behauptung von Leibniz, wir lebten in der besten aller möglichen Welten verspottete. (1) Candide findet Trost im Handeln, denn eine Erklärung für das Schlechte in der Welt hat er nicht gefunden, geschweige denn, dass er noch an die beste aller möglichen Welten glauben konnte.
Der Garten ist ein Topos der Menschheitsgeschichte. Neue Aktualität bekommt er mit dem "Urban Gardening". Damit ist nicht einfach so das Pflegen von Gärten in der Stadt gemeint. Urban Gardening ist demonstratives Gärtnern: An Orten, von denen man vorher noch nicht dachte, dass sie dazu geeignet sein könnten. Mithilfe von Materialien, die deutlich machen, dass es nicht um eine konventionell ansehnliche Gesamtwirkung geht: Paletten, Plastiktöpfe, Foliensäcke, Abfallholz werden verwendet, bemüht wird nicht selten eine Ästhetik der Improvisation und der Bricolage. Gepflanzt wird auf Brachen, in unbesetzten Zwischenräumen, auf verwahrlostem öffentlichen Raum, angebaut werden Kräuter, Obst, Gemüse, reich blühende und als Bienenweiden nützliche Pflanzen. Urban Gardening ist die Gegenbewegung zu Abstandsgrün und zum Urban Cotoneastering, zu Wegwerfgesellschaft und Konsumentengleichgültigkeit. Man arbeitet und man arbeitet gemeinschaftlich. Verstanden gleichzeitig als soziales und gesellschaftskritisches Projekt, verbindet sich im Urban Gardening ein künstlerischer mit einem aktivistischen Gestus. Die Prinzessinnengärten in Berlin sind ein ermutigendes Vorbild.

Die Vorgeschichte
Das Urban Gardening kommt nicht aus dem Nichts. Der Boden wurde ihm bereitet von der Ökologiebewegung der 1970er Jahre, aus der viel übernommen wurde und die nun mit Occupy gekreuzt wird. "Künstler als Gärtner" hieß 1999 ein Band des Kunstforums (darin vertreten Künstler von Beuys bis Rehberger), der sich wie eine Vorwegnahme des aktuellen Hype ausnimmt und gerade deswegen überaus lesenswert ist. Freunde des Guerilla Gardening agieren wie Graffiti-Künstler. Im Rahmen des Projekts "Schrumpfende Städte" wurde auf die urbane Landwirtschaft als Option des Umgangs mit brachfallenden Räumen in Zeiten des Rückgangs städtischer Bevölkerung und Wirtschaftsleistung aufmerksam gemacht, die IBA Emscher-Park hatte zuvor schon die Schönheit von Ruderalvegetation auf Brachen ins Bewusstsein gerückt und die Rückeroberung von Industrieflächen durch die Natur als ein Potenzial der Stadt- und Regionalentwicklung erkannt.
Urban Gardening orientiert sich an informellen Landnahmen. Zusammenhänge arbeitet die Ausstellung Hands-On Urbanism 1850–2012 im AZ W (Wien) heraus. Im Bild: Sarigöl, ein Gecekondu in Istanbul (Bild: Ingrid Sabatier & Stephan Schwarz (ISSSresearch))
Die am 15. März beginnende Ausstellung "Hands-On Urbanism" in Wien "widmet sich einer Ideengeschichte von Landnahmen im urbanen Raum." In der Ankündigung der Ausstellung heißt es, die Ausstellung "stellt eine andere Stadtgeschichte vor, die dringliche Fragen an die Verantwortung von Gestaltung durch Architektur und Planung und an die Ressourcenlogik von Städten stellt." Zehn Fallstudien fundieren diese Stadtgeschichte historisch, sie reichen von Schrebergärten des 19. Jahrhunderts über Gecekondus in Istanbul bis zu den Prinzessinnengärten Berlins. Die Attraktivität des Urban Gardenings in westlichen Metropolen nutzt also nicht nur den Öko-Rückenwind, auf sie fällt auch der grass-root-Glanz der aus Überlebenskampf entstandenen und beeindruckenden Formen der Selbstversorgung. Aus dem Kampf ums Überleben wird Überlebenskunst. Damit soll Urban Gardening nicht abgewertet werden. Aber wie kann man es einordnen?
Es geht hier nicht um die Arbeit professioneller Landschaftsarchitekten, die sich, wie Atelier Le Balto etwa partizipativer Elemente bemühen, aber dabei trotz unkonventioneller und neuer Ansätze die für Landschaftsarchitekten übliche Sorgfalt und Akkuratesse pflegen. Urban Gardening kann die Sinnstiftung enthalten, die in vom Turbokapitalismus der Nachwendezeit plattgewalzten Strukturen ostdeutscher Städte wieder Optionen gelingenden Lebens öffnet. Das gilt auch für soziale Aktivierungsstrategien, wie sie das Atelier d‘architecture autogérée in Paris anregte. Darin erschöpft es sich aber nicht. Jenes Urban Gardening, das sich nun als "neue Urbanität, lokale Vielfalt, Wiederentdeckung des Miteinanders, Renaissance des Selbermachens" anpreisen lässt, ist noch von etwas getragen, was in der Form neu sein mag, im Kern aber wiederholt, wovon es sich distanziert. Dass kaum eine tatsächlich praktizierbare Autarkie angesichts drohender Umweltkatastrophen angestrebt wird, hat Jakob Augstein betont: "Wenn ich mich auf den 1200 Quadratmetern, die mir zur Verfügung stehen, selbst versorgen wollte, wäre das eine karge Diät. Und für die Kinder wäre gar nichts übrig. Und meine Schuhe kann ich mir dann immer noch nicht selber machen. Und mein Fernsehprogramm auch nicht. Es ist die Idee die zählt." Die Idee dessen, was gewünscht und worauf gehofft werden können soll.
Trauriges Ende einer produktiven Verklärung. Aus dem Landschaftsgarten wurde Urban Cotoneastering. (Bild: Christian Holl)
Die Sehnsucht
Historisch gesehen war der Garten "immer ein Wunschbild der Welt und zugleich die Rekonstruktion der ersten aller Welten: des Paradieses." (2) Dass die Natur – ich schlage vor, darunter mit Aurel Schmidt das zu verstehen, "was über sie gesagt werden kann" (3) – nicht ein geschundenes Wesen ist, das aufgepäppelt werden müsste, machen die zunehmend heftigeren Naturkatastrophen deutlich; Rückversicherer können davon ein Lied singen, und dies ist keine arkadische Hirtenmelodei.
Das Urban Gardening der Brachenbesetzung und der spontanen Raumaneignung ist eine ästhetische Vermittlungsstrategie, die eine Differenz überbrückt: zwischen der Realität der Nahrungsmittelproduktion, des Umgangs mit den Ressourcen und dem, was wir tatsächlich dagegen unternehmen. Sie hält als ästhetischer Gegenstand, als Sehnsuchtsbild, im direkten Umfeld etwas präsent, was im großen Zusammenhang verloren gegangen ist: den über sichtbare Produktion hergestellten Kontakt zu dem, wovon wir leben. Ähnliches hatte aber auch der städtische Rasen mit den abgestuften Randvegetationen der Koniferen getan. Er speiste sich aus Bildern des englischen Landschaftsgartens, der wiederum selbst Bildern nachgebildet war. Einige der schönsten davon, Bilder Claude Lorrains sind derzeit im Frankfurter Städel zu sehen. Auf ihnen wurden ideale Landschaften aus landschaftlichen und architektonischen Versatzstücken komponiert, die erst nach Lorrain im Landschaftsgarten nachgebaut worden sind. Sowohl der Scherrasen als auch die ihn begrenzende Stufenvegetation hielten als Bild eine landwirtschaftliche Weidenutzung präsent, die dort bald gar nicht mehr stattfand: Es war die verklärte Vorstellung des Städters, die er sich vom Lande gemacht hatte. Sie musste erst bis zum Abstandsgrün und zur Vorgartenspießigkeit pervertiert werden, um ihre versöhnliche Wirkung zu verlieren. Brigitte Worbs benannte 1983 die grundsätzliche Widersprüchlichkeit: "Naturliebe gehört zum guten Charakter, die unversehrte Naturschönheit zur Wunschwelt des Individuums, Naturausbeutung und -zerstückelung aber zum Geschäft." (3)
Gartenzaun mit Teppich, Gelsenkirchen 2003. Wunschbilder und Wirklichkeit im Wechselspiel zeigt eine Ausstellung in Bottrop: "Simone Nieweg. Natur der Menschen. Landschaftsfotografie". (Bild: Simone Nieweg)
Die Botschaft
Nun haben sich die Formen geändert. Aber auch das Urban Gardening vermittelt wieder symbolisch zwischen städtischem Umfeld und der Abhängigkeit von landwirtschaftlicher Produktion. Das macht es nicht wertlos. Für das städtische Kleinklima und Fauna ist es segensreich. Anders als jene Architektur, die oft immer noch das Essentielle sucht und Ansprüche an überzeitliche Wahrheiten vertritt, macht das Urban Gardening zudem sichtbar, dass der Wandel, der Prozess, der Umgang mit Übergangsphasen und Zwischenräumen ein ständiger Teil städtebaulicher Planung und architektonischen Gestaltens sein muss, wenn diese nicht in stumpfen Abstraktionen und pervertierten Sehnsüchten enden sollen. Als eine Aktivierung des humanen Umgangs miteinander, als Sensibilisierung für die Sorgfalt im Umgang mit Umwelt und Ressourcen sind sie unersetzlich als das, was wie Kunst den Zusammenhang zwischen Bewusstem und Unbewusstem in komplexen Bildern darstellt. Die Frage, welche Konsequenzen dann aber eben für die globale Nahrungsmittelproduktion, den tatsächlichen Landschaftsgebrauch zu ziehen sind, ist damit aber nicht beantwortet, sie ist aber als notwendige gestellt.
Insofern ist dieses Urban Gardening nicht nur nicht so weit wie gedacht von Scherrasen und Cotoneaster, sondern auch nicht so weit von den Versöhnungsstrategien anderer Milieus entfernt, die statt Tomaten aus Kübeln auf Brachen sich ihre Wunschwelt hinter Reihenhäusern in der Vorstadt oder in Kleingärten gestalten – dort wo die Artenvielfalt immerhin überraschend groß ist, und zwar deutlich größer sowohl als in den Innenstädten, als auch draußen in Wald und Flur, vor allem, wenn sie mit industriellen Methoden bewirtschaftet werden. Die vermeintlich spießigen und bürgerlichen Vorstädter zu kritisieren greift also dann zu kurz, wenn bei der Arbeit des Urban Gardening vergessen wird, dass sie die Politik nicht ersetzt, dass nach wie vor Instrumente eingefordert werden müssen, die soziale Gerechtigkeit, neue Optionen der Bodennutzung in Städten und ressourcenschonende Landbewirtung ermöglichen. Und Urban Gardening ist auch kein Ablass, der ein Leben mit Internet, Fernsehprogramm, hohem Fleischkonsum und Überseeurlaub legitimiert. Bei aller Sympathie für Candide: Wir haben nicht nur in unserem Garten zu arbeiten. ch
Ausstellungen

Eine Ideengeschichte von Landnahmen im urbanen Raum in Wien
Hands-on-Urbanism

Landschaftsfotografie von Simone Nieweg in Bottrop
Natur der Menschen

Claude Lorrain in Frankfurt
Die verzauberte Landschaft

Weiterlesen
Josef Augstein: Die Tages des Gärtners

Aktuelle Positionen der Naturgestaltung in Kunst und Landschaftsarchitektur
(Re)Designing Nature

Über den Guerilla-Gärtner und Buchautor
Richard Reynolds in "Die Zeit"

Serie Diskursbegriffe – bisher erschienene Beiträge
Christian Holl: Spatial Turn
Ursula Baus: Neue Räume, neue Begriffe
Robert Kaltenbrunner: Nachhaltigkeit
Christian Holl: Pop
Ursula Baus: Kontinuität
Robert Kaltenbrunner: Massenkultur (1)
Robert Kaltenbrunner: Massenkultur (2)
Christian Holl: Dichte
Ursula Baus: Geschichte
Ursula Baus: Utopie

Zitate
(1) Voltaire: Candide oder der Optimismus. Reclam Leipzig, 2001
(2) Paolo Bianchi: Modern Nature: Künstler als Gärtner. In: Kunstforum Bd. 145, Ruppichteroth, 1999, S. 51
(3) Aurel Schmidt: Was ist Natur? Möglicher Versuch einer unmöglichen Erklärung. In: Kunstforum Bd. 145, Ruppichteroth, 1999, S. 61
(3) Brigitte Worbs: Spaziergang in Ermenonville. In: Dieter Wieland, Peter M. Bode, Rüdiger Disko (Hg.): Grün kaputt. Landschaft und Gärten der Deutschen. München 1983, S. 125