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Molter-Linnemann

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Über die Verantwortung des Architekten

Bauen steht in der Rangliste gesellschaftlicher Aktivitäten nicht besonders weit oben. Das kann man nicht unbedingt den Ausübenden der Disziplin vorwerfen. Entwicklungen in der Ökonomie, der Demografie und in den sozialen Bereichen haben dazu geführt, dass Architektur sich in dieser Abseitsposition befindet. Architekten sind in erster Instanz verantwortlich für Bauten und das gebaute Umfeld im Kontext sozialer, gesellschaftlicher und kultureller Bedürfnisse – auch unter diesen schwierigen Bedingungen.

Es gab eine Zeit, in der Architekten voller Leidenschaft Utopien zeichneten. Beispiele gibt es viele: etwa die Pläne für ideale Städte im Barock, die Cité Industrielle von Fournier/Garnier, Broadacre City von Wright, New Regional Patterns von Hilberseimer, Plug-In City und Walking-City von Archigram, No-Stop City von Archizoom. Absicht war es, für die Zukunft soziale und gesellschaftliche Aussagen zu treffen und Wunschbilder, geprägt durch einen positiven Fortschrittsglauben, zu entwickeln. Die Utopie war ein Instrument, mit dem man versuchte, sich der Zukunft vom reflektierten Standpunkt der Gegenwart aus anzunähern. Eine Kenntnis der Zukunft, so wie sie gegenwärtig in statistisch fundierten Zahlenwerken vermittelt wird, gab es damals nicht. Heute lassen sich insbesondere demografische und ökonomische Entwicklungen über eine Zeitperiode von etwa 2O bis 3O Jahren gut voraussagen. Die zurzeit übermächtig wirkende Finanzkrise und politische Krise der Eurozone werden demnach keinen entscheidenden Einfluss haben auf makroökonomische Änderungen wie zum Beispiel das Verschieben des Wirtschaftsschwerpunkts von der Ersten in die Zweite bzw. Dritte Welt oder die demografischen Entwicklungen in Europa. Diese Langzeitwirkungen beeinflussen die deutsche Architekturlandschaft und den Städtebau direkt.

Leider bergen sie viele negative Phänomene wie massive Immobilienentwertungen, infrastrukturelle Überlastung und Unternutzung oder exzessiven Landverbrauch. Schon heute und nicht erst in weiter Zukunft müssen wir uns mit diesen auseinandersetzen. Doch negative Botschaften sind in der heutigen gebeutelten Zeit unerwünscht. Der Berufsstand befindet sich in einer kritischen Situation: Es gibt zu viele Architekten beziehungsweise zu wenige Aufträge, siehe hierzu auch Baumeister B11/11. Die Alltagsbewältigung zwingt daher zur Verbreitung guter Nachrichten oder zu einer weniger kritischen Haltung. Der eigene Tellerrand ist da schon eine ausreichend hohe Klippe. Oft wird den Interessen eines Einzelnen (Bauherrn) gegenüber denen der Gemeinschaft damit Vorschub geleistet.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat der ständig wachsende Wohlstand zu einer zunehmenden Individualisierung in einer pluralistischen Gesellschaft geführt. Die Gewichtung privater Interessen zu Ungunsten der Öffentlichkeit und des öffentlichen Raums hängt direkt damit zusammen (etwa bei der Entwicklung von Shopping Malls im innerstädtischen Kontext). Die prognostizierte Abnahme des Wohlstands wird diese Verhältnisse vermutlich wieder invertieren. Bis dahin werden sich die Interessen aller Beteiligten (des Bauherrn, der Nutzer, der Planer und der Verwaltung) an der Gestaltung der Umwelt nur durchsetzen lassen, wenn diese im Dialog miteinander und nicht zeitlich versetzt planen. Solches Handeln führt zur Entschleunigung des Bauens, doch gerade im Hinblick auf die Langzeitwirkung von Architektur ist das nur angemessen. Diese Planungskultur einzufordern und anzuführen, ist eine der wichtigen Verantwortlichkeiten des Architekten.

Durch den Klimawandel, das Ende des fossilen Verbrennungszeitalters und die endende atomare Energieversorgung werden die Architekten vor eine weitere Aufgabe und eine neue Verantwortung gestellt. Architektur muss jedoch vielen Anforderungen gerecht werden. Einen Entwurf bis zum Bau voranzubringen, hat immer auch mit der Gewichtung der kontextuell relevanten Einflüsse zu tun. Die Fokussierung auf Ökonomie und dämmungsorientierte Energieeffizienz hat zu einer einseitigen Architekturproduktion geführt. Vielfalt wurde durch Beliebigkeit ersetzt. Innovation, die Architektur in Deutschland für die Zukunft überlebensfähig macht und tatsächlich dem neuen Stand der Technik entspricht, hat noch nicht die Masse des Bauens erreicht. Heute entworfene und gebaute Einzelgebäude oder Gebäudeensembles, die nicht vollständig energetisch autark sind, werden in zirka 2O Jahren kaum noch ihre Investition wert sein. Die Vermittlung und Aufklärung tatsächlich nachhaltiger Lösungen, die nicht nur den Rahmen gesetzlichen Vorgaben erfüllen, ist Aufgabe des Architekten.

Das Dach über dem Kopf ist ein Primärbedürfnis, aber seine bauliche Umsetzung wird als Ausdruck der Zeit auch immer die Wertschätzung der Gesellschaft darstellen. Identitäten und Erinnerungen zu schaffen und zu erhalten sind gesellschaftliche, soziale Verantwortungen, die ein Architekt mitträgt. Der gegenwärtige architektonische Ausdruck der deutschen Gebäude bewegt sich paradoxerweise zwischen drohendem Identitätsverlust (durch Dämmmaßnahmen an identitätsstiftenden Bestand und uniformen Ausdruck) und plagiierter Erinnerung durch historisierende Heilungsarchitektur. Vielleicht ist diese Selbstbeschränkung der Grund dafür, dass in Deutschland kulturelle Gebäude von übergeordneter Bedeutung, bei denen noch eine große gestalterische Freiheit besteht, nahezu ausschließlich von ausländischen Architekten errichtet werden.
Mit Aussagen über allgemein bekannte Entwicklungen ist weder Geld noch Ansehen zu verdienen. Über diese Entwicklungen die richtigen, übergeordneten Fragen zu stellen und gezielte Planungsprozesse anzustoßen, ist jedoch die einzige Chance, gesellschaftsrelevante Beiträge zu leisten und eine lebenswerte Umwelt zu schaffen. Opfer, die den Gebäuden im Bewältigen der Klimakrise abverlangt wurden, wären durch planmäßiges Vorgehen verhindert worden. Es nutzt nicht, wichtige Entscheidungen hinauszuzögern oder sich den Aufgaben nur schrittweise anzunähern.

Die demografischen Änderungen in Deutschland bieten neue Chancen. Die anstehende Verdichtung der Metropolregionen und das Entleeren des Landes können Raum für neue Städtebaumodelle, neue Formen des Zusammenlebens und neue Gebäudetypologien schaffen. Die Architekten sollten hier ihre traditionelle Rolle als Vordenker wieder annehmen, sich die Freiheit nehmen, grundsätzlich nachzudenken und eine gesellschaftliche Position zu beziehen. Auch heute ist es notwendig, visionär zu denken und Utopien zu entwickeln. Als durchdachte Gedankengerüste existieren sie losgelöst vom spezifischen Kontext. Die größte Herausforderung des Architekten wird wohl sein, in einer übermedialisierten Welt, zugemüllt mit sinnlosen Informationen, seinen sozialen und gesellschaftlichen Ideen Gehör zu verschaffen.
Kerstin Molter, Mark Linnemann im Baumeister 1/2012
Molter-Linnemann
Architekten BDA
Am Altenhof 11-13
67655 Kaiserslautern
Telefon +49 631 89 29 01 70
Fax +49 631 89 29 01 71
[email protected]
www.molter-linnemann.de
Molter-Linnemann Team
Partner
Kerstin Molter
Mark Linnemann
Mitarbeiter
2 - 4
Gründung
2009 (2002)
Kompetenzen
Architektur
Technikgebäude
Weingüter