Kongresszentrum und Hotel in Rom von Massimiliano Fuksas architetto

Wolke im Glasraum

Praxis, 14. Januar 2017
Von: Thomas Geuder

Rom ist seit Kurzem um eine architektonische Attraktion reicher: das neue Kongresszentrum aus der Feder von Massimiliano Fuksas. (Bild: Moreno Maggi / Fuksas)

Ganze 18 Jahre lang hat Massimiliano Fuksas an dem neuen Kongresszentrum in Rom geplant und gebaut, nun wurde es vergangenen Oktober feierlich eröffnet und verblüfft mit einem Raum im Raum. Dessen Hülle haben die Ingenieure von formTL aus Radolfzell geplant.

Projekt; Neues Kongresszentrum (Rom, IT) | Architektur: Massimiliano Fuksas architetto (Rom, IT) | Planung Membranhülle: formTL ingenieure für tragwerk und leichtbau gmbh (Radolfzell, DE) | Bauherr: E.U.R. S.p.A. (Rom, IT) | Hersteller:Valmiera Glass UK (Membran), Poltrona Frau (Sessel Auditorium), iGuzzini (Leuchte «Cloud») | komplette Bautafel s. unten

Seit mehr als 50 Jahren ist in Rom nicht mehr ein solch großes Gebäude errichtet worden: «Nuovo Centro Congressi Roma‚La Nuvola‘», so nennt sich das neue Kongresszentrum in EUR, dem Stadtviertel «Esposizione Universale di Roma» im Süden von Rom. Markant ist hier bereits das städtebauliche Umfeld, in dem das Kind der Entstehungszeit noch deutlich zu spüren ist. 1942 wollte an diesem Ort Mussolini die Weltausstellung stattfinden lassen; ein Plan, der in den Kriegswirren unterging. Dennoch, der Grundstein für das Stadtviertel war bereits 1938 gelegt, und so wurde in dem begonnenen Stadtteil seit den 1950er-Jahren wieder gebaut, diesmal unter veränderten städtebaulichen Zielsetzungen. Für die Olympischen Spiele 1960 etwa konnte von Pier Luigi Nervi und Marcello Piacentini der bemerkenswerte Palazzo dello Sport erbaut werden, dessen Kuppel einen Durchmesser von 100 Metern besitzt. Große Dimensionen ist man in EUR – dem offiziellen «Quartiere XXXII. Europa» – also gewohnt. So ist es nur eine logische Folge, wenn der Architekt Massimiliano Fuksas beim Entwurf des neuen Kongresszentrums, gelegen an der zentralen Achse Via Coritoforo Colombo, ähnlich spielerisch mit Raum umgeht. Der Haupt-Kubus des Ensembles ist 200 m lang, 75 m breit und 30 m hoch und bildet einen von drei Teilen der Entwurfsidee, die «Teca», die Theke also. Gleich daneben befindet sich das «Lama» (das Schwert), ein Hotelsolitär, der im Zusammenspiel mit der Teca so angeordnet ist, dass zwischen beide Gebäuden und der Via Coritoforo Colombo ein einladender Vorplatz entsteht.

Durch die Glasfassade des Haupt-Kubus schimmert eine frei geformte Wolke hervor, quasi ein Raum im Raum. (Bild: Moreno Maggi / formTL)

Die besondere Idee offenbart der Entwurf jedoch in der Teca: Sie besteht komplett aus einer zweischaligen Stahl-Glas-Konstruktion, durch die der Innen- mit dem Außenraum nahezu eins wird. Um ins Gebäude zu gelangen, muss man jedoch über eine großzügige Freitreppe zunächst hinunter steigen, unter ein Vordach hindurch, ehe man drinnen dann entweder auf selber Ebene in einen großen Saal oder wieder hinauf auf eine Plattform gelangt. Hier im Innenraum bricht Fuksas schließlich mit den gewohnten Bildern eines Kongresshauses gänzlich: Den Kubus versteht er als einen großen, stützenfreien, leeren Raum, in dem wie gefangen im Glaskubus eine weiße Wolke schwebt – der dritte Teil der Entwurfsidee, «La Nuvola» (die Wolke), entwickelt unter Mitwirkung des italienischen Professors Massimo Majowiecki. Sie ist 129 m lang, 65 m breit und 29 m hoch und (optisch) nur an einer Stelle mit dem Boden in Berührung. Über Treppen und Stege können die Gäste ins Innere tauchen, wo sie ein Auditorium für rund 1.800 Personen, verschiedene Sitzungssäle mit rund 6.500 Pläzen, Foyerbereiche und ein Café finden. Die Hülle der Novola besteht aus einem silikonbeschichteten Glasgewebe (Valmiera Glass UK), das zusätzlich akustisch wirksam perforiert wurde. Mit der Realisierung der Hülle beauftragten Fuksas Architekten das Unternehmen Cannobio, das wiederum aufgrund der komplexen Grundform die Membranexperten von formTL aus Radolfzell ins Boot holte. Die Tragkonstruktion besteht aus einem Stahlgerippe, das durch Schneiden der Wolke in gleich große Scheiben entstanden ist. Konsolen auf dem Stahlgerippe, auf denen letztendlich die Hülle befestigt ist, dienen der Feinjustierung, um die Form an komplizierten Ecken durch Veränderung der Spannung noch einmal herauszuarbeiten. Außerdem sind die Zuschnitte mit möglichst wenigen Nähten zwischen den Rippen geplant. Insgesamt 2.763 Zuschnitte wurden so bei der Konfektionierung zu 607 einzelnen Paneelen zusammengefügt, wobei kaum ein Teil dem anderen gleicht. Das war nicht nur eine planerische, sondern auch eine logistische Herausforderung. Der Aufwand jedoch hat sich gelohnt: La Novola bereitet im neuen Kongresszentrum einen weithin sichtbaren und beeindruckenden Anblick in EUR.

Nahezu schwebend und nur an einer Stelle mit dem Boden in Berührung, beherrscht die langgestreckte, amorphe Form den Innenraum der Teca. (Bild: Moreno Maggi / formTL)

Die Tragkonstruktion der Nuvola besteht aus Stahl und wird aus einem relativ engmaschigen Netz aus Metallrippen gebildet. (Bild: Moreno Maggi / formTL)

Die Wolke ist begehbar und beherbergt ein Auditorium, Sitzungssäle, die dazugehörigen Foyerbereiche und ein Café. (Bild: Leonardo Finotti / Fuksas)

3. Obergeschoss / Ebene Auditorium (Quelle: Fuksas)

Erdgeschoss / Ebene unter Wolke (Quelle: Fuksas)

1. Untergeschoss / Ebene Kongresssaal (Quelle: Fuksas)

Längsschnitt (Quelle: Fuksas)

Querschnitt vorn (Quelle: Fuksas)

Querschnitt hinten (Quelle: Fuksas)

3D-Modell der Wolke (Quelle: formTL)

Befestigt und gespannt wurde das silikonbeschichtete Glasgewebe mithilfe von Klemmleisten, die auf den Konsolen liegen. (Bild: Moreno Maggi / Fuksas)

Im gesamten Neubau wurde aus 37.000 t Stahl gebaut, was dem Gewicht von 4 Eiffel-Türmen entspricht. Im Bild: die Wolke im Bau. (Bild: formTL)

Fuksas Entwurfsidee ermöglicht Flexibilität. Räume können zusammengeschaltet oder in kleinen Einheiten für Veranstaltungen vielerlei Art eingesetzt werden. Im Bild: das Auditorium. (Bild: Moreno Maggi / Fuksas)

Die Architektur des Neubaus soll sich auch in das von der Orthogonalen bestimmten Umfeld mit seiner rationalistischen Architektur der 1930er-Jahre fügen. (Bild: Moreno Maggi / Fuksas)

Entwurfsmalereie aus dem Archiv Fuksas von 1999 (Bild: Fuksas)

Projekt
Neues Kongresszentrum
Rom, IT

Architektur
Massimiliano Fuksas architetto
Massimiliano and Doriana Fuksas
Rom, IT

Planung Membranhülle
formTL ingenieure für tragwerk und leichtbau gmbh
Radolfzell, DE

Hersteller
Membran: Valmiera Glass UK, Sherborne, UK
Sessel Auditorium: Poltrona Frau, Tolentino, IT (Design: Fuksas)
Leuchte «Cloud»: iGuzzini, Recanati, IT

Bauherr
E.U.R. S.p.A.
Rom, IT

Konfektionär Membranhülle
Canobbio Textile Engineering S.R.L.
Castelnuovo Scrivia, IT

Innenarchitektur
Fuksas Design
Rom, IT

Tragwerk
A. I. Engineering
Turin, IT

Studio Majowiecki
Bologna, IT

Studio Sarti
Rimini, IT

Akustik
XU – Acoustique
Parigi, IT

A. I. Engineering
Turin, IT

Licht
Speirs & Major Associates
Edinburgh/London, GB

Kosten
239.000.000 EUR

Wettbewerb
November 1998
Juryvorsitz: Lord Norman Foster

Fertigstellung
2016

Fotografie
Leonardo Finotti
Studio Moreno Maggi
formTL
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