Headquarter 50Hertz «Netzquartier» in Berlin von LOVE und Kinzo

Neues Hertz

Praxis, 25. Februar 2017
Von: Thomas Geuder

In der Europacity haben die Architekten von LOVE ein Gebäude errichtet, das mit der typischen Berliner Schießschartenfassade nicht viel zu tun hat. (Bild: HG Esch / LOVE)

Das von LOVE architecture errichtete «50Hertz Netzquartier» in Berlin – unser zweitplatzierter Bau des Jahres ’17 – ist ein für Berlin ungewöhnlicher Bau. Mit dem von Kinzo geplante Interieur beschreitet der Bauherr außerdem neue Arbeitswege.

Projekt: 50Hertz Netzquartier (Berlin, DE) | Architektur: LOVE architecture and urbanism ZT GmbH (Graz, AT) | Innenarchitektur: Kinzo Berlin GmbH (Berlin, DE) | Hersteller: Schollglas Sachsen GmbH (Nossen, DE), Kompetenz: Fassadenverglasung GEWE-therm aus GEWE-safe und GEWE-dur H, GEWE-safe aus GEWE-dur, GEWE-dur ESG-H mit Siebdruck | vollständige Bautafel siehe unten

Kaum zu glauben, aber in Berlin gibt es noch immer Gebiete, die gerade erst im Begriff sind zu entstehen. Nicht irgendwo am Stadtrand, sondern ziemlich in der Mitte: In der «Europacity» mit dem Hauptbahnhof, einst großteils ein Containerbahnhof mit kleinteiliger Logistiknutzung, sollen sich zukünftig Wohnen, Büro, Einzelhandel und Kunst mischen und so ein lebhaftes und buntes Viertel bilden. Das erste Hochhaus auf dem Areal war der «Tour Total», errichtet 2012 von Barkow Leibinger aus Berlin, mit viel beachteter, elegant schwingender Fassade aus Weißzement (wir berichteten: Die neue Unschuld). In direkter Nachbarschaft nun haben LOVE architecture and urbanism aus Graz ein zweites, 51 m hohes Gebäude mit 13 Etagen für den Übertragsungsnetzbetreiber 50Hertz errichtet, das sich intelligent in sein Umfeld fügt und zudem die Kompetenz des Bauherrn im Sinne einer Coprorate Architecture zeigt. Dem voraus ging ein internationaler, nicht offener Wettbewerb, zu dem 18 Architekturbüros geladen waren und in dessen letzter Phase sich LOVE gegen das dänische Architekturbüro Hennig Larsen Architects durchsetzen konnte. Ausschlaggebend für die Jury unter Vorsitz von Markus Allmann / Allmann Sattler Wappner Architekten war unter anderem die architektonische Offenheit, die – so hofft Regula Lüscher, Senatsbaudirektorin in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt des Landes Berlin – «ein starkes Signal für den Kunst-Campus in der ‚Europacity‘ setzt». Prägend für den Entwurf ist zunächst die Außenansicht, eine Art Fachwerk aus regelmäßig, diagonal angeordneten, weißen Stahl-Verbundstützen (Dia-Grid), die durch ihre Erscheinung und Dynamik sich bestens zum benachbarten «Tour Total» gesellen. Die 50Hertz Transmission GmbH agiert als Stromnetzbetreiber von Höchstspannungsnetzen, so soll die Anordnung der Fassadenstützen eine Sinus-Kurve symbolisieren. Nicht zuletzt haben die Architekten diese Fassadenoptik aber auch als Referenz an das Eisenbahnareal mit seinen Stahlbrücken und Viadukten hier in Bahnhofsnähe gestaltet. Spannung im Entwurf erzeugen sie, indem sie die regelmäßige Struktur durch Weglassen einzelner Stützen aufgebrochen und dafür andere in kleinerem Raster wieder hinzugefügt haben, immer unter der Bedingung, dass die freie Spannweite der Stockwerksplatten von 8,30 m nicht überschritten wurde.

Das Fassaden-Fachwerk bildet ein Netz aus regelmäßig angeordneten diagonalen Stützen, das (unter anderem) die Kompetenz von 50Hertz abstrakt symbolisiert. (Bild: HG Esch / LOVE)

Das architektonische Gesamtkonzept besteht aus drei Teilen: dem horizontalen Rhythmus der Geschossebenen, dem außenliegenden Tragwerk aus diagonal verlaufenden Stützen sowie den innenliegenden, orangefarbenen Kernen. In diesen Kernen befinden sich alle Lifte, Treppenhäuser, Schächte, Haustechnikräume und WCs. Das schafft auf den Flächen zwischen diesen Kernen und dem außenliegenden Tragwerk eine nahezu unbegrenzte gestalterische Freiheit. Dem Ansinnen des Bauherrn kommt das entgegen, denn mit dem Neubau strebte der einen Kulturwandel im Unternehmen an. Wie aber sieht ein zeitgemäßer Arbeitsplatz aus? Die Innenarchitekten von Kinzo antworteten darauf mit einem ganzheitlichen Konzept aus Funktionalität, Kommunikation und Wohlempfinden. Die Planung wurde in Workshops gemeinsam mit den Mitarbeitern entwickelt, in denen Gestaltungsthemen wie Farben, Materialien und die funktionale Gliederung der Gemeinschaftsbereiche diskutiert wurden. Entstanden sind verschiedene Arbeitswelten mit individuellen Qualitäten, die einem offenen und dialog- wie teamorientierten Arbeiten entsprechen. Kein Geschoss gleicht dem anderen, jedes Layout steht für ein anderes Verhältnis von konzentriertem Arbeiten, informeller Kommunikation und Outdoor-Workspaces. Die rundherum raumhohe Verglasung ohne horizontale Teilung (Schollglas) unterstützt dieses Konzept noch, indem es eine optische Offenheit und Durchgängigkeit schafft. Wichtig dabei war, dass kein optischer Unterschied zwischen den verschiedenen Gläsern – Isoliergläser mit Wärmeschutzbeschichtung sowie Sonnschutzgläser – sichtbar bleibt. Entsprechend transparent sind auch die Brüstung gestaltet, die ebenfalls aus Glas, einem nur unten eingespannten Verbundsicherheitsglas mit statisch wirksamem Handlauf, bestehen.

Der architektonische Strukturen überlagern sich: der horizontale Rhythmus der Geschoßebenen, das außenliegenden Tragwerk und die innenliegenden, orangfarbenen Kerne. (Bild: HG Esch / LOVE)

Der Umgang mit der Energie bzw. die Nachhaltigkeit bedürfen eines separaten Blicks: Zur Erzeugung von Energie werden sowohl Abwärme- als auch Solar- und Windenergie genutzt. Die transparente Fassade besitzt einen hocheffizienten Wärmeschutz mit hoher Tageslichtverfügbarkeit und maximalem Außenraumbezug. Heiz-/Kühldecken und thermisch aktive Betondecken auf niedrigem Temperaturniveau sowie eine Lüftung mit impulsarmer Quellluft über Fußboden sorgen für ein angenehmes Raumklima. Die EnEV-Anforderungen werden beim Wärmebedarf um 86 %, beim Strombedarf um 21 % und beim Primärenergiebedarf um 49 % unterschritten. Die verwendeten Materialien erfüllen die höchste DGNB-Ökologie-Qualitätsstufe 4, 80 % der verbauen Holzprodukte stammen aus nachhaltiger Forstwirtschaft. All das führte zur LEED-Zertifizierung in Gold sowie zur DGNB-Zertifizierung in Gold – und darauf aufbauend zur Verleihung der Auszeichnung «DGNB Diamant», die bei diesem Projekt erstmals verliehen wurde und sich als ergänzende Auszeichnung für die gestalterische und baukulturelle Qualität versteht. Architekten und Bauherrn feiner so viel Ehre jeden Abend mit einer Illumination, bei dem das außenliegende Tragwerk als (folgerichtig) Sinus-Kurve beleuchtet wird.

Die von Kinzo entwickelten «Hütchen» mit Pinnwand und Regal dienen als Akustikaufsätze, die den Schall absorbieren. (Werner Huthmacher / Kinzo)

Ziel im Innenraum war es, vielfältige Situationen zu schaffen, die ein abwechslungsreiches Arbeitsumfeld erzeugen, eine Kreuzung aus Wohn- und Arbeitswelt. (Werner Huthmacher / Kinzo)

Der Gebäudetiefe begegnet Kinzo mit großzügigen Mittelzonen, die als flexibles, non-territoriales und abwechslungsreiches Arbeitsumfeld und Rückzugsort dienen. (Werner Huthmacher / Kinzo)

Jedes Geschoss bietet mehrere Balkone als Freibereiche, die als Arbeitsplatz, zur Kommunikation oder zur Kurz-Erholung genutzt werden können. (Bild: HG Esch / Schollglas)

Lageplan (Quelle: LOVE)

Grundriss Regelgeschoss mit Innenraumplanung (Quelle: Kinzo)

Architektonisches Konzept (Quelle: LOVE)

Entwicklung der Stützenstruktur (Quelle: LOVE)

Nachts werden einzelne Stützensegmente des außenliegenden Tragwerkes illuminiert, es entstehen Fassadenlinien, die an Sinuskurven erinnern. (Bild: LOVE)

Projekt
50Hertz Netzquartier
Berlin, DE

Architektur
LOVE architecture and urbanism ZT GmbH
Herwig Kleinhapl, Bernhard Schönherr, Mark Jenewein
Graz, AT

Team
Andreas Perchinig (PL), Carina Faustmann, Peggy Marten, Wolfgang Schneider, Verena Auer, Christina Windisch, Anja Moch, Sigrid Derler, Tamara Frisch, Stephanie Jordan, Wolfgang Mitterer, Iulius Popa (Modellbau)

Innenarchitektur
Kinzo Berlin GmbH
Chris Middleton, Martin Jacobs
Berlin, DE

Team
Timo Nerger (PL), Lena Heiß, Linda Schwab, Edoardo Albano, Sabina Barsan-Pipu, Hsing-Yu Chen, Joao Goncalves, Manfred Kaiser, Laura Liberal, Stefanie Pesel, Nina Reckeweg, Max Riemenschneider

Partnerbüro LPH 4-9
kadawittfeldarchitektur
Aachen und Berlin, DE

Hersteller
Schollglas Sachsen GmbH
Nossen, DE

Kompetenz
Fassadenverglasung GEWE-therm aus GEWE-safe und GEWE-dur H, GEWE-safe aus GEWE-dur, GEWE-dur ESG-H mit Siebdruck

Weitere Hersteller Auswahl:
Raumteiler: Buzzi Space
Arbeitsplätze und Stauraummöbel: Neudörfler Planmöbel
Bürostühle: Vitra
Besprechungsmöbel Meetingräume, Konferenzstühle, Hocker: Brunner
Außenmöblierung: Kristalia und Norr 11
Hocker und Tische: Zetraum
Pendelleuchten Netzwerkflächen: Ply
Modulare Möblierung Mittelzone: Ophelis

Bauherr
50Hertz Transmission GmbH
Berlin, DE

Landschaftsarchitekt
MAN MADE LAND Bohne Lundqvist Mellier GbR
Berlin, DE

Graphik Leitsystem
En Garde
Graz, AT

Grundstücksfläche
8144 m²

BGF
24.822 m² (davon 6.041 m² unterirdisch)

Wettbewerb
2013, 1. Preis

Fertigstellung
2016

Fotografie
HG Esch
Werner Huthmacher
Das Projekt wurde auf German-Architects bereits als Bau der Woche veröffentlicht:
Zickzack an der Spree
Projektvorschläge
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