Alterszentrum Hofmatt in Münchenstein

Mehr Licht

Praxis, 22. November 2016
Von: Thomas Geuder

In Münchenstein haben Oplatek Architekten ein Alterszentrum erweitert, bei dem wissenschaftliche Erkenntnisse der Beleuchtung bei Demenz-Kranken eingesetzt wurden. (Bild: Zuzana Oplatek)

Neurobiologische Erkenntnisse über die Abhängigkeit des Wohlbefindens älterer Menschen von der Lichtversorgung haben bei der Erweiterung des Alterszentrums Hofmatt in Münchenstein von Oplatek Architekten zu einer besonderen Lichtplanung geführt.

Projekt: Alterszentrum Hofmatt (Münchenstein, CH) | Architektur: Oplatek Architekten AG (Basel, CH) | Lichtplanung: Lichttechnik Adrian Huber (Basel, CH) | Bauherr: Stiftung Hofmatt (Münchenstein, CH) | Hersteller: iGuzzini illuminazione spa (Recanati, IT) | vollständige Bautafel siehe unten

Münchenstein liegt nicht – wie mancher vermuten würde – im Bayerischen. Nein, Münchenstein ist vielmehr eine Gemeinde in schweizer Kanton Basel-Landschaft, schließt genau genommen jedoch ziemlich direkt an den Stadtrand von Basel im Südosten an und wächst quasi mit Basel zusammen. Die Landschaft hier ist geprägt von kleinteiliger Siedlungsbebauung, der Autobahn 18 Richtung Süden, von Feldern und Wiesen sowie des Flüsschens Birs, das sich nur wenige Kilometer nach Münchenstein in den Rhein ergießt. Hier befindet sich bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts ein Alters- und Pflegeheim, das ursprünglichen als «Erholungsstation Hofmatt» Rekonvaleszente des damaligen Bürgerspitals Basel aufnahm. In den 1960er-Jahren wurde es aufgrund der veränderten Nachfrage zum Altersheim mit Pflegemöglichkeit. Heute befindet sich an diesem Ort ein «umfassendes Kompetenzzentrum im und für das Alter», wie die Stiftung Hofmatt auf ihrer Homepage versichert. Im neuen Jahrtausend nun sollten die in die Jahre gekommenen Häuser saniert werden. Eine Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2007 brachte jedoch hervor, dass die bestehenden Bauten aus den Jahren 1966 und 1975 schwerwiegende betriebliche und bautechnische Mängel aufwiesen, wie etwa eine unzureichende Erdbebensicherheit, zu schmale Zimmer, schlechte Wärmedämmung, sanierungsbedürftige Leitungen etc. Lediglich die Bauten der letzten Etappe von 1996 konnten belassen und durch kleine Umbauten an den neuen Standard angepasst werden, die beiden älteren Gebäude mussten ersetzt werden. Die eigentliche Kapazitätserweiterung von bisher 124 auf nun immerhin 165 Betten bringt also der Südflügel auf der bislang unbebauten Fläche im Südosten des Areals. Mit seiner ausladenden, geschwungenen Form bildet er den Abschluss des Siedlungsgebiets gegen die offene, nicht überbaubare Birs-Landschaft. In der Mitte der Flügel entsteht ein zweigeteilter Innenhof, der geschützten halbprivaten Raum für die Bewohnter bietet. Diese Gebäudestruktur sowie die Grundrissorganisation mit zumeist einseitig angeordneten Bewohnerzimmern schließlich erlaubt es auch, für viel natürliches Licht in den Innenräumen zu sorgen – ein für Bauherren wie Architekten wichtiges Element für das Wohlbefinden der Bewohner.

In den unteren Geschossen verbindet eine lichtdurchflutete Galerie die Wohnbereiche untereinander und ermöglicht den Bewohnerinnen und Bewohnern Rundgänge im Inneren des Hauses. (Bild: HG Esch / iGuzzini)

Bei der künstlichen Beleuchtung ließ sich Lichtplaner Adrian Huber von wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Abhängigkeit des Wohlbefindens älterer Menschen von der Lichtversorgung leiten: In Zusammenarbeit mit der Neurobiologin Anna Wirz-Justice und mit dem Fraunhofer Institut Stuttgart entstand das Konzept einer überdurchschnittlich hellen Allgemeinbeleuchtung mit wechselnden Lichtintensitäten über den Tagesverlauf. Die Wissenschaftlerin stützt sich dabei auf das Tageslicht im Freien, dessen Stärke selbst an trüben Tagen für die therapeutische Wirkung ausreicht, sowie auf helles Kunstlicht im Innenraum. Denn vor allem bei Demenz-Kranken zeigen hohe Beleuchtungsstärken therapeutische Wirkung und helfen bei der Harmonisierung des Wach-/Schlafrhythmus. Mehr Aktivität am Tag lässt die Menschen nicht zuletzt am Abend schneller ein- und in der Nacht besser durchschlafen. Es ging also darum, LED-Leuchten zu entwickeln, die große Lumenpakete an die Umgebung abgeben können, ohne die Menschen zu blenden. So befinden sich in den offenen Aufenthaltsbereichen großflächige, runde Leuchten in zwei Größen, in Gruppen von den Decken abgependelt und durch quadratische Wandleuchten ergänzt. Die Eingänge der Bewohnerzimmer und die Flure sind mit dimmbaren, warmweißen und 2.000 lm starken LED-Deckeneinbauleuchten (Reflex, iGuzzini) beleuchtet, die den Bewohnern ein besonders weiches und homogenes Licht spenden, das nahezu blendfrei ist (UGR <19). Im Foyer, in der Verbindungsgalerie, im Restaurant und im Speisesaal sind warmweiße LED-Leuchten mit 1.800 lm im Einsatz, die eine kreisförmige Lichtverteilung erzeugen (Laser Blade). Sämtliche Leuchten verändern den Tag über ihre Lichtintensität und unterstützen damit den circadianen Rhythmus der Heimbewohner. Gesteuert wird diese Allgemeinbeleuchtung mittels KNX, und zwar bewusst eingeschränkt individuell beeinflussbar, damit das Konzept «Mehr Licht am Tag» konsequent verfolgt werden kann. Zum circadianen Beleuchtungskonzept gehört schlussendlich auch die Eliminierung des Blauanteils in den Bewohnerzimmern in der Nacht. Als Nachtleuchte dient dann eine amberfarbene LED (Underscore). Damit erhält das Pflegepersonal eine gute Arbeitsbeleuchtung, und die Bewohner werden nur oberflächlich geweckt.

Im Westtrakt, dessen Fassaden dreiseitig mit Bewohnerzimmern belegt sind, wird das Tageslicht durch einen inneren Lichthof bis ins unterste Geschoss geführt. (Bild: HG Esch / iGuzzini)

Die relativ langen Korridore werden immer wieder durch natürlich belichtete Ausbuchtungen durchbrochen, die gerne als informelle Sitz- und Aufenthaltsecken genutzt werden. (Bild: HG Esch / iGuzzini)

Ein wichtiges Kriterium bei der Planung war die Atmosphäre der neuen Räume: Sie sollten Wohnlichkeit ausstrahlen und jegliche Anklänge an einen Spitalbetrieb vermeiden. (Bild: HG Esch / iGuzzini)

Entsprechend der Strategie des Stiftungsrats sollte das neue Alterszentrum als ein «offenes» Haus geplant und betrieben werden. (Bild: Zuzana Oplatek)

Der neue Gebäudekomplex liegt an der Hangkante einer Birs-Terrasse mit Weitblick über die Flusslandschaft und auf den gegenüberliegenden Dorfkern von Alt-Münchenstein. (Bild: Zuzana Oplatek)

Grundriss 2. Obergeschoss (Quelle: Oplatek Architekten)

Querschnitt (Quelle: Oplatek Architekten)

Die gesamte Anlage erfüllt den Minergie-Standard, wobei die schwächere Wärmedämmung der verbleibenden Gebäudeteile durch die Neubauten kompensiert wurde. (Bild: HG Esch / iGuzzini)

Wegen des starken Niveauunterschieds befindet sich das Niveau des Haupteingangs drei Geschosse höher als der tiefer gelegene Garten. (Bild: HG Esch / iGuzzini)

Projekt
Erweiterung des Alterszentrums Hofmatt
Münchenstein, CH

Architektur
Oplatek Architekten AG
Basel, CH

Hersteller
iGuzzini illuminazione spa
Recanati, IT

Kompetenz
LED-Leuchten Reflex, Laser Blade und Underscore

Bauherr
Stiftung Hofmatt
Münchenstein, CH

Lichtplanung
Lichttechnik Adrian Huber
Basel, CH

Bauingenieur
Jauslin Stebler AG
Basel, CH

HLKS-Ingenieur
beag engineering ag
Winterthur, CH

Elektroingenieur
Pro Engineering AG
Basel, CH

Bauphysik/Akustik
Gartenmann Engineering AG
Basel,CH
Brandschutzplanung
Visiotec AG
Allschwil, CH

Fassadenplanung
Ch. Etter Glas Stahl Metall
Hofstetten, CH

Landschaftsplanung
Stauffer Rösch AG
Basel, CH

Farbgestaltung
Farbbüro Isler & Bader
Allschwil, CH

Büroplanung/Innenausstattung
Seiler Innenarchitekten GmbH
Basel, CH

Signaletik
Neeser & Müller
Basel, CH

Bauherrenvertretung
Stokar + Partner AG
Basel, CH

Baukosten
CHF 54.7 Mio.

Fertigstellung
2015

Fotografie
Zuzana Oplatek
HG Esch
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