Stuttgart Airport Busterminal mit Parkhaus P14 von wulf architekten

Dynamisch Reisen

Praxis, 20. Februar 2017
Von: Thomas Geuder

Das neue Stuttgart Airport Busterminal mit dem Parkhaus P14 befindet sich in direkter Nachbarschaft zu Flughafen und Messe. (Bild: Markus Guhl / wulf architekten)

Flughäfen und Busterminals sind genau genommen Durchgangsräume, an denen man sich im Idealfall nicht lange aufhält. Abseits aller Funktion aber dürfen auch diese Orte gut gestaltet sein, wie wulf architekten am Stuttgarter Flughafen meinen und zeigen.

Projekt: Stuttgart Airport Busterminal mit Parkhaus P14 (Stuttgart, DE) | Architektur: wulf architekten (Stuttgart, DE) | Bauherr: FSG (Stuttgart, DE) | Hersteller: SHS Lochbleche Butzbach GmbH (Butzbach, DE), Kompetenz: Sonderanfertigung eloxierte, gekantete Aluminium-Lochbleche | komplette Bautafel siehe unten

Ein Flughafen ist ein Ort der Gegensätze. Man wechselt vom einen ins andere Verkehrsmittel, man ändert die Reisegeschwindigkeit, kommt an, verlässt, das Erlebte im Gepäck, die Kommende vor dem geistigen Auge. Ein Flughafen ist die notwendige Zwischenstation auf dem Weg von A nach B, kein Haltepunkt, allenfalls eine Durchgangsstation. Und doch tut man am Flughafen vor allem eines: Warten. Oder im besten Falle: Umsteigen. Am Stuttgarter Flughafen gibt es dafür einige Möglichkeiten, denn hier kommt an einem Ort zusammen, was einen echten Knotenpunkt ausmacht: Flughafen, S-Bahnhof, Autobahn 8 in Ost-West-, Bundesstraße 27 in Nord-Süd-Richtung und nicht zuletzt die Landesmesse. Im Rahmen von «Stuttgart 21» soll es in wenigen Jahren außerdem einen ICE-Bahnhof geben. Ganz neu in der Runde ist der im Sommer letzten Jahres fertiggestellte und von den Stuttgart wulf architekten (die bereits die benachbarten Messehallen errichtet haben) entworfene Busbahnhof, der an dieser Verkehrsdrehscheibe einen verkehrsorganisatorisch nicht ganz schlechten Platz gefunden hat. Kombiniert ist das rund 210 m lange und 36 m breite Gebäude mit einem Parkhaus, dem sogenannten «P14», das in den sechs Stockwerken über dem Bus-Erdgeschoss Platz für 1.560 Fahrzeuge bietet. Den Bussen und Busreisenden gehört das gesamte Erdgeschoss mit 18 Bussteigen für Fernbuslinien und den Nah- und Regionalverkehr. Die Dimension des Bauwerks ergibt sich durch die Nutzung: Am westlichen Ende des Riegels befindet sich das Spindelbauwerk mit doppelläufiger Rampe, in dem die Autos zu den Parkebenen gelangen, die Parkebenen sind jeweils vier Parkreihen breit mit den dazugehörigen Fahrwegen. Das Haupttragwerk ist eine schlanke Stahlverbund-Skelettkonstruktion, die Treppenhäuser und das Spindelbauwerk sind zur Aussteifung in konventioneller Stahlbetonbauweise erstellt.

Über einen Steg auf Höhe der ersten Parkebene kann man direkt ins Flughafenterminal 3 gelangen, ohne den Fußgängerstrom des Busterminals zu kreuzen. (Bild: Markus Guhl / wulf architekten)

Dem Gebäude kommt durch seinen Standort eine besondere Bedeutung zu. Nicht weit dahinter steht das bekannte Parkhaus, das sich als verlängerter Arm der Messehallen über die Autobahn schiebt und weithin sichtbar mit der größten Leuchtreklame Europas versehen ist. Das Bauwerk sollte also nicht nur wirtschaftlich, sondern auch technisch und optische ansprechend geplant sein. wulf architekten antworten auf diesen Anspruch mit einer Fassade, die die Dynamik des Ortes zum Ausdruck bringt. Eloxierte, hellbronze schimmernde Aluminium-Lochblechelemente (SHS Lochbleche Butzbach) legen sich reliefartig wie eine Haut um das Gebäude und verleihen ihm so einen warmen, aber auch bewegten Charakter. Die Haut ist diagonal strukturiert durch den Zuschnitt der Bleche, woraus sich ein schräg verlaufendes Fugenmuster ergibt. Jedes Blech ist zusätzlich entweder konvex oder konkav in der Diagonalen gekantet, was in der Addition eine reliefartige Zick-Zack-Struktur ergibt und zusätzlich ein Licht-Schatten-Spiel erzeugt. Jedes der 3 mm dicken Lochblechpaneele ist 1,40 x 3,20 m groß und mit 7 mm großen Löchern versehen. Kantungen an allen vier Seiten ermöglichen die Befestigung. Mittels einer effektiven Stahlkonstruktion wird die gesamte Haut am Gebäude gehalten, wodurch gleichzeitig das funktionale Innere bekleidet wird, vor allem am Spindelbauwerk und an den drei Treppenhäusern, die den Baukörper durch gebäudehohe Aufklappungen in der Länge gliedern. Dadurch entstehen drei Sichtbeton-Flächen, die zukünftig vermutlich reichlich Fläche für vom Flughafen aus bestens sichtbare Werbung bieten werden.

Das Erdgeschoss mit dem Busterminal musste im Unterschied zu den Parkebenen für F90-Brandschutzanforderungen ausgelegt werden. (Bild: Markus Guhl / wulf architekten)

Das Thema Busbahnhof ist in Stuttgart übrigens ein besonderes: Der neue Busbahnhof ersetzt zwei provisorische Busbahnhöfe nahe der Stuttgarter Innenstadt in Zuffenhausen und Obertürkheim, die ihrerseits den ZOB direkt neben dem Hauptbahnhof ersetzt haben, der «Stuttgart 21» weichen musste. Vom Hauptbahnhof wiederum benötigt man gut 30 Minuten zum neuen Busbahnhof am Flughafen, weswegen man den nicht wirklich «zentral» nennen kann. Immerhin: Den Anspruch einer zentralen Lage haben die Betreiber des neuen Busbahnhofs nicht, die ihn wohlwollend «Stuttgart Airport Busterminal» nennen, kurz: SAB. Für den Busreisenden, der möglichst schnell von A nach B kommen möchte, ist das (so hört und liest man) unbefriedigend. Die Busunternehmen ihrerseits reagieren bereits – und fahren auch andere S-Bahnhöfe an, wie etwa Vaihingen (14 min. vom Hbf) oder Kornwestheim (12 min. vom Hbf). In der Beziehung Bus-Stuttgart ist also noch einiges in Bewegung.

In der Fassade aus einer reliefartig gestalteten, in Gold- und Brauntönen gelänzenden, metallischen Haut möchten die Architekten den architektonischen Anspruch an des Parkhauses zeigen. (Bild: Deutsche Industrie Parkhausbau DIP)

Lageplan (Quelle: wulf architekten)

Grundriss 1. Obergeschoss (Quelle: wulf architekten)

Grundriss Erdgeschoss (Quelle: wulf architekten)

Die metallische Gebäudehaut wird mittels einer leichten Stahlkonstruktion am Gebäude gehalten. (Bild: Markus Guhl / wulf architekten)

Erdgeschossig befinden sich im Gebäude 18 Bussteige, darüber finden auf 6 Parkebenen knapp 1.600 Fahrzeuge Platz. (Bild: Markus Guhl / wulf architekten)

Was am Tag noch als recht geschlossene Haut wirkte, kehr sich in der Nacht um und das Gebäude leuchtet von innen heraus. (Bild: Markus Guhl / wulf architekten)

Projekt
Stuttgart Airport Busterminal mit Parkhaus P14
Stuttgart, DE

Architektur
wulf architekten GmbH
Stuttgart, DE

Team
Kai Bierich, Regina Brenner, Birgit Wohlfart

Hersteller
SHS Lochbleche Butzbach GmbH
Butzbach, DE

Kompetenz
Sonderanfertigung eloxierte, gekantete Aluminium-Lochbleche

Bauherr
FSG (Flughafen Stuttgart GmbH)
Stuttgart, DE

und
Landeshauptstadt Stuttgart

Projektsteuerung
HWP Planungsgesellschaft
Stuttgart, DE

Örtliche Bauleitung
Jo Carle Architekten
Stuttgart, DE

Tragwerksplanung
Mayr Ludescher Partner
Stuttgart, DE

Prüfstatik
Bürogemeinschaft Kuhlmann Gerold Eisele
Ostfildern, DE

Landschaftsplanung
Frank Jetter Landschaftsarchitekten
Stuttgart, DE

HLS-, Elektro- und Lichtplanung
Thurm & Dinges Planungsgesellschaft
Stuttgart, DE

Verkehrsplanung
Ingenieurbüro für Verkehrsplanung Thomas und Partner
Möglingen, DE

Brandschutz
Bureau Veritas Construction Services
Neuhausen, DE

Baukosten
35 Mio. Euro

BGF
58.159 m²

BRI
207.187 m³

Fertigstellung
2016

Fotografie
Markus Guhl
Projektvorschläge
Sie haben interessante Produkte und innovative Lösungen im konkreten Projekt oder möchten diesen Beitrag kommentieren? Wir freuen uns auf Ihre Nachricht!

Die Rubrik «Praxis» ent­hält aus­schließ­lich redak­tio­nell er­stellte Bei­träge, die aus­drück­lich nicht von der Indus­trie oder anderen Unter­nehmen finan­ziert werden. Ziel ist die un­ab­hängige Be­richt­er­stat­tung über gute Lösungen am kon­kreten Pro­jekt. Wir danken allen, die uns dabei unter­stützen.