Campus Neue Weststadt, Esslingen

Maßstab und Durchlässigkeit

Podest, 1. Februar 2017
Von: Peter Petz

Modell

Das Büro bss Architekten Bär, Stadelmann, Stöcker gewinnt den Wettbewerb «Campus Neue Weststadt, Esslingen». Friedrich Bär stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.


Peter Petz: Der derzeitige Esslinger Hochschul-Standort an der Flandernstraße soll auf das ehemalige Güterbahnhofareal in den «Campus Neue Weststadt» verlagert werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?
Friedrich Bär: Es handelt sich derzeit um eine Brachfläche mit Interimsnutzungen welche nun mit der neuen Hochschulbebauung Teil der Weststadt werden soll. Bisher ist das Gebiet also trotz der relativen Zentrumsnähe von der Öffentlichkeit weniger genutzt. Ziel ist es ein Quartier zu entwickeln, welches auf die unterschiedlichen Nachbarschaften der Bahn im Süden, der Fläche der Stadtwerke Esslingen nördlich, der neuen Bebauung Richtung Altstadt und dem Westpark reagiert, beziehungsweise diese sinnvoll vernetzt.

Bestand

Wie kamen Sie zur Ausformulierung des Blocks?
Diese Typologie nutzt der Entwurf auf zwei verschiedenen Ebenen:
Zum einen haben die Gewinner des vorgeschalteten städtebaulichen Wettbewerbs für die gesamte Weststadt das Büro Lehen drei aus Stuttgart klare Raumkanten, Baufelder und Stadträume vorgeschlagen. Diese werden im östlichen Bereich derzeit umgesetzt. Daher ist der große «Block» des Hochschulquartiers aus dem Wunsch entstanden, das zur Verfügung stehende Baufeld optimal zu nutzen und eindeutige Straßen- und Platzräume zu definieren.

Anderseits wurde der Maßstab des Blocks aber auch auf Hausebene gewählt. Ähnlich wie der Hochschulstandort seine Nutzungen entlang der Grundstückaußenkanten anordnet so werden auch die verschiedenen Innenräume wie Hörsäle, Büros oder Seminarräume jeweils in maßstäblichen Häusern um gemeinschaftliche Kommunikationsflächen ringförmig erschlossen.

Lageplan

Grundriss Erdgeschoss

Wie organisieren Sie den Campus?
Besonders wichtig ist die differenziert Abstufung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit und die Ausformulierung dieses Übergangs in Raumfolgen. So gelangt man vom Stadtteilplatz über eine Torsituation auf den eigentlichen Hochschulcampus mit einem zentralen Platz als gemeinschaftliche Mitte aller Einrichtungen. Von dort erschließt sich die
«Hausebene», hier gegliedert im 1. Bauabschnitt in vier Gebäude: Aula-, Hörsaal-, Mensa- und Bibliothekshaus. Diese kommunizieren über den Platz miteinander und öffnen sich zu diesem, sie partizipieren mit dem Campusplatz und beleben ihn gleichzeitig. Man könnte vom Dialog der Nutzungen sprechen, im Quartett entsteht eine gemeinsame Melodie.
Die Häuser wiederum werden über großzügige Foyers und Lufträume nach oben erschlossen. Bibliothek und Aulagebäude sind ab dem 3. Obergeschoss wieder verbunden und formulieren so das Stadttor.

Schnitt

Ansicht Ost

Ansicht Süd

Ansicht West

Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?
Maßstab und Durchlässigkeit sind definitiv die zentralen Motive. Die Verbindung von Stadtteilplatz im Osten über den Campusplatz hindurch zum Westpark ordnet den Hochschulstandort und erlaubt gleichzeitig die problemlose Erweiterung Richtung Westen mit zwei weiteren Bausteinen. Die Differenzierung des Programms in Einzelhäuser ermöglicht über diese Durchlässigkeit aber ebenso die Anbindung der nördlichen Nachbarschaft, hier wird der ruhende Verkehr verortet werden. Und vor allem lassen die Gebäudefugen auch von Süden ein lebendiges Licht und Schattenspiel auf dem Campus entstehen und legen diesen nicht nur auf die Nordseite.

Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?
Die Körnung der Stadt in Baublöcken über die Hausebene auf die Bereichs- und Raumebene wird auch materiell weiter zum menschlichen Maßstab geführt. So sollen alle Fassaden mit kleinen händisch trag- und verarbeitbaren Fertigteilen gefügt werden. Diese kleinsten Baublöcke aus Tonbrandformlingen sind auch als «Ziegel» bekannt. Sie spiegeln neben dem Handwerk ebenso die industrielle Historie des Quartiers wieder.

Detail

Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?
Voraussichtlich zum Sommersemsester 2024 sollen die Dozenten und Studenten der Hochschule Esslingen, die momentan noch auf der Flandernhöhe zu Hause sind, in die nagelneuen Gebäude am westlichen Ende des ehemaligen Güterbahnhofs umziehen.

Modell

Campus Neue Weststadt, Esslingen
Offener Realisierungswettbewerb, zweiphasig

Auslober/Bauherr: Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Ludwigsburg, Ludwigsburg
Betreuer: kohler grohe architekten, Stuttgart

Jury
Prof. Jörg Aldinger, Vors. | Prof. Ingrid Burgstaller | Annette Ipach-Öhmann | Rolf Sutter | Sibylle Waechter | Wilfried Wallbrecht

1. Preis
Architekt: bss Architekten Bär, Stadelmann, Stöcker, Nürnberg

2. Preis
Architekt: Riehle + Assoziierte Architekten und Generalplaner, Reutlingen, Stuttgart

3. Preis
Architekt: Gerber Architekten, Dortmund, Hamburg, Berlin, Shanghai, Riad

4. Preis
Glaser Architekten, München

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