Breslauer Architekten interpretieren den öffentlichen Raum neu

Wrocław – Mittelalter und Moderne

Hauptbeitrag, 5. Oktober 2016
Von: Carsten Sauerbrei

Historische Altstadt und Nachkriegsbebauung, geschlossener Stadtraum und Öffnung zur Oder prägen Wrocławs Stadtzentrum (Bild: Danuta B.)

Mit neuen Stadtplätzen und Uferpromenaden präsentiert sich die Europäische Kulturhauptstadt 2016 als moderne Großstadt, die die historische Stadtstruktur zeitgenössisch fortschreibt und sich immer stärker zur Oder öffnet.

Wrocław, die einstige Hauptstadt Schlesiens, ist seit dem frühen Mittelalter eine der bedeutendsten Städte im deutsch-polnischen Kulturraum. Die Stadt wird bei Besuchern vor allem für die hervorragend erhaltene, historische Bebauung rund um die beiden Altstadtplätze Rynek und Plac Solny aus dem 13. Jahrhundert geschätzt. Diese überstand den Zweiten Weltkrieg nahezu unverändert. In der Umgebung entstanden jedoch in den Nachkriegsjahrzehnten neue Wohnsiedlungen und Stadtplätze an Stelle kriegszerstörter Bebauung. Diese nahmen die Architekturtraditionen der Klassischen Moderne auf und garantierten – mit dem Beibehalten der historischen Blockrandbebauung – dennoch städtebauliche Kontinuität. Parallel dazu, ähnlich wie auch in deutschen Städten, wurde der öffentliche Raum erweitert und autogerecht umgebaut. In den 1990er-Jahren entschloss sich die Stadtverwaltung dazu, die Flächen für den Autoverkehr wieder zu reduzieren und damit stärker zum historischen Stadtraum zurückzukehren.

Die nachkriegsmoderne Gestaltung des Altstadtplatzes Nowy Targ wurde beim Umbau zur Fußgängerzone erhalten und fortgeführt. (Bild: Jaroslaw Ceborski )

Nachkriegsmoderner Platz weiterentwickelt

Deutlich wird diese Entwicklung unter anderem bei den bereits 2013 beendeten Arbeiten für die Sanierung und den Umbau des Plac Nowy Targ durch das Wrocławer Büro von Roman Rutkowski Architekci. Mit ihrem Entwurf erhalten die Architekten einerseits die Qualitäten der nachkriegsmodernen Gestaltung aus den 1950er-Jahren und befreiten andererseits den Platz vom Autoverkehr, verlagerten Parkplätze vom Platzrand in eine Tiefgarage und planten mit Stadtpavillon und Brunnen neue Nutzungen und Aufenthaltsqualitäten. Die Platzgestaltung der 1950er-Jahre führten sie bei der Sanierung fort. Das stark grafisch und streng geometrisch wirkende Muster aus weißem Plattenbelag und schwarzem Kleinpflaster ergänzten sie mit einem weniger kontrastreichen aus hellgrauen Plattenflächen und dunkelgrauem Kleinpflaster.

Die Eingänge zur Tiefgarage führen die streng geometrische Platzgestaltung mit ihrem minimalistischen Design fort. (Bild: Jaroslaw Ceborski )

Auch die Möblierung des Platzes – schwarze, minimalistisch gestaltete Bänke, Liegen, Lampen, Abfalleimer, und Fahrradständer – integrierten sie in das historische 5x5-Meter-Raster. Selbst die beiden Eingangspavillons zur Tiefgarage wirken in ihrer strengen Geometrie wie dreidimensionale Interpretationen des zweidimensionalen Oberflächenrasters. Der im östlichen Teil des Platzes geplante Stadtpavillon mit Restaurant und Stadtinformation fehlt leider noch, genauso wie der vorgesehene Brunnen in der Platzmitte. Dennoch wird auch heute schon der Platz intensiv und vielfältig genutzt, unter anderem für Märkte und Kulturveranstaltungen.

Mit dem Umbau bekam der Plac Mikołaj Kopernik eine stark räumlich, in allen drei Dimensionen wirkende Gestaltung. (Bild: Marta Kubiak/ City Greenery Administration)

Behutsame Platzerneuerung am Stadtgraben

Ein weiteres Beispiel für eine gelungene Weiterentwicklung einer nachkriegsmodernen Platzgestaltung ist der Ende 2015 beendete Umbau des Plac Mikołaj Kopernik durch das Büro Vertigo der Wrocławer Landschaftsarchitektin Margareta Jarczewska. Der Platz ist Teil des Grün- und Parkgürtels, der Promenada Staromiejska entlang des Stadtgrabens, der die Wrocławer Altstadt umschließt. Dominiert wird der Platz durch das Nikolaus-Kopernikus-Denkmal des Künstlers Leon Podsiadły und die benachbarte Trauerweide, die beide Ausgangspunkt für die Neugestaltung waren. Den maroden graubraunen Bodenbelag ersetzten die Planer im Zuge des Umbaus durch neue Betonplatten, verlegt in einem lebendig wirkenden Streifenmuster.

Der Plac Mikołaj Kopernik wird vielfältig genutzt, von Inline-Skaten bis Picknicken. (Bild: Margareta Jarczewska)

Um die axiale Ausrichtung des Platzes auf das Kopernikus-Denkmal zu stärken, umrahmte Margareta Jarczewska dieses beidseitig mit leicht schräg über das Bodenniveau ansteigenden, betongerahmten Blumenrabatten, deren Einfassung gleichzeitig als Sitzbank dient. Damit bekommt der Platz nicht nur eine neue zweidimensionale Gestaltung, sondern erfährt auch eine Aufwertung durch neue Raumbeziehungen in allen drei Dimensionen. Zu diesen neuen, stark räumlich wirkenden Elementen gehören auch rechteckige Betonquader, die gemeinsam mit eine Reihe großer Büsche den Platz zur Nordseite hin deutlich sichtbar abschließen, sowie Betonkugeln, die in Bezug zum Astronomen Nikolaus Kopernikus Planeten des Sonnensystems symbolisieren. Die überaus gelungene Neugestaltung erlaubt heute vielfältige Nutzungen von Inline-Skaten bis zum Picknick unter der Trauerweide.

Mit dem Umbau des Bulwar Xawerego Dunikowskiego entstand eine zeitgenössisch gestaltete, sich zum Fluss öffnende Uferpromenade. (Bild: Maciej Lulko )

Großstadt-Erholungsboulevard am Oderufer

Die wichtige Rolle, die Wasser für den Stadtraum der einstigen Hansestadt Wrocław spielt, wird nicht nur mit dem Stadtgraben deutlich, sondern vor allem mit der Oder, an deren Ufern die ersten slawischen Ansiedlungen entstanden. Dennoch waren Wrocławs Ufer bis vor wenigen Jahren nicht überall zugänglich und oft ohne echten räumlichen Bezug zum Fluss. Dieses zu ändern, ist erklärtes Ziel der Stadt. Mit dem Anfang dieses Jahres abgeschlossenen Umbau des Bulwar Xawerego Dunikowskiego durch den Wrocławer Architekten Piotr Żuraw gelang dies exemplarisch. Er entwarf einen modernen Großstadt-Erholungsboulevard, der heute die Möglichkeit bietet, Spaziergänge zu machen, ein Schiff zu besteigen oder einfach nur die Aussicht auf den Fluss zu genießen. Dazu durchbrach er die zuvor durchgehende Ufermauer an mehreren Stellen und legte direkt gegenüber des historischen Ensembles aus Dom- und Sandinsel ein «Amphitheater am Fluss» an. Bepflanzte Sitzstufen und Rampen, die bis fast zur Wasserlinie reichen, bilden den Zuschauer- und die Oder sowie die gegenüberliegenden Ufer den Bühnenbereich.

Materialvielfalt, der enge Wasserkontakt und vielfältige Vegetationsformen prägen den Umbau des Bulwar Xawerego Dunikowskiego. (Bild: Maciej Lulko )

Auch an anderen Stellen der mehrere Kilometer umfassenden Ufererneuerung finden sich immer wieder abgetreppte, mit Sitzstufen angelegte Bereiche, die eine enge Beziehung zwischen Fluss und Stadt ermöglichen. Materialvielfalt – Betonstufen, Holzterrassen, Metallgeländer und Kieswege – ein klares, minimalistisch wirkendes Design sowie die große Vielfalt der verwendeten Vegetationsformen zeichnen den erfolgreichen Umbau des historischen Uferboulevards aus.

Der Neubau des Bulwar Politechniki zeichnet sich durch eine aktivitätsbetonte Gestaltung aus. (Bild: KMP Poniewierka Ltd./PODOBALAB Studio )

Neuer Uferabschnitt für Strandvergnügen und Wassersport

Nicht nur eine Neugestaltung, sondern ein komplett neuer öffentlicher Uferabschnitt entstand am rechtsseitigen Oderufer mit dem Ende Mai eingeweihten Bulwar Politechniki Wrocławskiej in unmittelbarer Nähe zum Campus der Technischen Universität. Dieser sollte zwar nicht nur Studenten ansprechen, ist dennoch stärker sport- und aktivitätsbetont für ein jüngeres Publikum konzipiert worden. Der Entwurf des Teams um den Wrocławer Architekten Andrzej Poniewierka umfasste neben dem Neubau von zwei Brücken auch die Anlage von Fuß- und Radwegen, großen Liegewiesen, eines «Urban Beach» sowie von zwei Beachvolleyballplätzen.

Der Neubau des Bulwar Politechniki umfasst neben Fuß- und Radwegen auch Anlegestellen für den Wassersport sowie Beachvolleyballplätze. (Bild: Michal Nadolny )

Mit den Arbeiten, die das Büro Park-M ausführte, entstanden außerdem Holzstege für den Wassersport und diverse Sitzgelegenheiten, die teilweise bis weit über die Wasseroberfläche auskragen. Auch hier kombinieren die Gestalter Materialvielfalt mit einer dezidiert zeitgenössischen Formensprache, sodass nicht nur für Studenten und Mitarbeiter der Universität, sondern für alle Einwohner und Besucher Wrocławs ein überaus attraktiver Freizeitraum geschaffen wurde.

Wrocław präsentiert sich im Kulturhauptstadtjahr als moderne Großstadt, in der Historie und Gegenwart, Baugeschichte und zeitgenössische Gestaltung überaus vielfältig und anregend verknüpft sind. Kleinere Kunstinstallationen und räumliche Interventionen auch außerhalb des Stadtzentrums wie das Projekt «Infinite Green» des Künstlers Adam Kalinowski, international ausgerichtete Architekturvorträge und Ausstellungen laden zum Entdecken dieser deutsch-polnisch-europäischen Architekturmetropole ein.

Carsten Sauerbrei hat Architektur und Architekturvermittlung in Potsdam und Cottbus studiert. Seit 2009 arbeitet er als freier Architekturjournalist und Stadtführer in Berlin und Potsdam. Er ist Inhaber von architekTour B, einer Agentur für Architekturführungen.


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