Studienentwürfe werden gebaute Realität

Theorie und Praxis

Hauptbeitrag, 30. November 2016
Von: Carsten Sauerbrei

Die Pfarrkirche Kadon in Lam Dong, Vietnam entstand auf Grundlage einer Abschlussarbeit. (Bild: Nam Phan)

Wer kennt das nicht? Die Entwürfe des Architekturstudiums bleiben schöne Visionen und das erste eigene Projekt darf man als Absolvent – wenn überhaupt – erst nach mehreren Jahren Berufserfahrung realisieren. Dass es auch anders geht, zeigen drei Gebäude, die im Rahmen von Seminaren bzw. als Abschlussarbeit an der TU Berlin, der RWTH Aachen und der Düsseldorfer Peter Behrens School of Arts entstanden. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie ganz oder in Teilen als Selbstbauprojekte gebaut wurden.

Pfarrkirche Kadon in Lam Dong, Vietnam

Der 2014 eingeweihte Neubau der Pfarrkirche in Kadon ist das seltene Beispiel einer erfolgreich realisierten Abschlussarbeit, für den die beiden Berliner Architekten Tuan Dung Nguyen und Thi Thu Huong Vu vor kurzem ganz zu Recht den Nachwuchsförderpreis des BDA Berlin erhielten. Schon in ihrer 2008 an der TU Berlin bei Finn Geipel und Klaus Zillich verfassten Diplomarbeit legten die beiden Absolventen wert darauf, dass die Lösungsansätze ihres Entwurfs einer neuen Kirche, den tatsächlichen Bedürfnissen der Gemeindemitglieder entsprachen. Auf Empfehlung der beiden Prüfer unterstützte das Katholische Missionswerk MISSIO e.V. die weitere Umsetzung mit Zuschüssen, sodass die Kirche auch tatsächlich gebaut werden konnte.

Den Kirchenraum prägen schlanke Stahlstützen und die mit Holzlatten verkleideten Oberflächen. (Bild: Robert Herrmann)

Den Kirchenneubau entwarfen die beiden Architekten als einen lang gestreckten, eingeschossigen Baukörper auf einer Bergkuppe mit einem markanten, flach ansteigenden Walmdach. Bei diesem ließen sie sich von der Architektur eines traditionellen Wohnhauses der vor Ort die Mehrheit bildenden Volksgruppe der Churu inspirieren. Mit dem weit ausladenden Dach wollten sie eine «Beheimatung für das Volk» schaffen, so schreiben sie es in ihrer Erläuterung. Dieses überdeckt daher auch vollständig den lediglich durch schlanke Stahlstützen gegliederten, von zwei Oberlichtern beleuchteten Kirchsaal. Dieser bietet auf 2000 Quadratmetern Platz für bis zu 3000 Gottesdienstbesucher. Beidseitig mit Holzlatten bekleidete, verschiebbare Glastafeln bilden die Wände des Kirchenraumes, der sich flexibel mit mobilen Zwischenwänden teilen und bei geöffneten Außenwänden bis unter das Vordach erweitern lässt.

Die neue Pfarrkirche entstand als Ersatz einer alten Wellblechhalle größtenteils als Selbstbau-Projekt. (Bild: vn-a)

Nicht nur einen sakralen Raum, sondern auch einen gemeinschaftsstiftenden Ort zu schaffen, war erklärtes Ziel von Tuan Dung Nguyen und Thi Thu Huong Vu. Dass ihnen das von Anfang an gelang, zeigt nicht nur diese Aufnahme der Kirche während eines Gottesdienstes, sondern auch die Tatsache, dass bis auf das Stahlskelett das Gebäude als Selbstbau der Gemeindemitglieder entstand und diese selbst die 99 je anderthalb Meter tiefen und zwei Meter breiten Gruben für die Fundamente allein mit Schaufeln und Muskelkraft aushoben.

Bella Vista Landwirtschaftsschule, Bolivien

Ebenfalls an der Architekturfakultät der TU Berlin, genauer unter der Leitung von Professor Ralf Pasel am Fachgebiet CODE | Entwerfen und Baukonstruktion, fand das dreisemestrige Studienprojekt zu Planung und Bau einer Landwirtschaftsschule für das Anden-Dorf Bella Vista in Bolivien statt. Auf Einladung der gemeinnützigen Organisation «Fundación Cristo Vive Bolivia» entwarfen im Wintersemester 2013/14 vierzig Studierende den Schulbau und konnten ihn auch in den beiden darauf folgenden Semestern gemeinsam mit lokalen Partnern vor Ort eigenhändig errichten.

Der Schulbau im Andendorf Bella Vista entstand für den Unterricht im Fach Agronomie. (Bild: Andreas Rost)

Mit dem Bauvorhaben sollte das bereits existierende Ausbildungszentrum durch eine Ganztagsschule für 75 SchülerInnen des Fachs Agronomie erweitert werden. Um das Entwurfsziel eines flexibel nutzbaren Gebäudes, das die Verbindung von Feldarbeit und theoretischem Unterricht ermöglicht zu erreichen, entwickelten die Studierenden einen Baukörper aus drei gleichen, massiven Volumen, die durch offene, aber überdachte Zwischenzonen verbunden sind. Diese dienen der Erschließung und der indirekten Belichtung, stellen den Bezug der Unterrichtsbereiche zum Feld her und ermöglichen die gemeinsame Nutzung der jeweils angrenzenden Räume.

Überdachte, ansonsten jedoch offene Zwischenzonen verbinden die Unterrichtsräume miteinander. (Bild: Andreas Rost)

Das Gebäude sollte außerdem ein einfach umsetzbares und dennoch nachhaltiges Konstruktions-, Energie- und Materialkonzept auf Grundlage der lokalen Bautraditionen besitzen. Dafür eignet sich das mit ortsüblichem Wellblech gedeckte Sheddach optimal, da durch seine Orientierung in Nord-Süd-Richtung das Sonnenlicht sowohl zur Belichtung als auch zur solaren Energieerzeugung genutzt werden kann. Und auch das in lokalen Brennereien hergestellte, die hölzerne Dachkonstruktion tragende Ziegel-Mauerwerk mit seiner Speichermasse entspricht diesem Entwurfsziel.

Das Gebäude entstand als Selbstbau der Studierenden und mit Hilfe der lokalen Bevölkerung. (Bild: Ralf Pasel/CODE)

Ein anderes, soziales Ziel dieses Projektes, beim Bau der Schule Frauen aus der Umgebung auszubilden und damit ihre Eigenständigkeit zu stärken, wurde ebenfalls erreicht, wie diese Dokumentation verdeutlicht. Und dass die Lehrenden der TU Berlin der Ansatz der «Design-Build-Projekte», Lehre, Forschung und Praxis zusammenzuführen, genauso überzeugt, zeigt unter anderem das neue Vorhaben für Planung und Bau eines Internat auf dem gleichen Campus, das ebenfalls vom Fachgebiet CODE | Prof. Pasel betreut wird.

Guga Children’s Theater

Auf Design-Build-Projekte setzen seit 2006 auch die Lehrenden an der Architekturfakultät der RWTH Aachen, um Studierenden nicht nur Entwurfs-, sondern auch Planungs- und Baupraxis zu vermitteln. Mit einem Entwurfsworkshop begann im März 2013 bereits das fünfte derartige Vorhaben, ein Gemeinschaftsprojekt mit der Peter Behrens School of Arts, Düsseldorf und dem Georgia Institute of Technology. Es sollte dabei ein Kindertheater als Erweiterung des Kulturzentrum GugaS’Thebe in Langa, dem ältesten Township am Rande Kapstadts in Südafrika, realisiert werden, damit die bereits seit längerem stattfindende, erfolgreiche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Trommelkursen, Tanz-Workshops und mit kleinen Konzerten weiter gefördert und ausgebaut werden kann. Zwischen Sommer 2013 und Herbst 2015 errichteten anschließend die Lehrenden und Studierenden der drei Hoschschulen gemeinsam mit Bewohnern des Townships das Theater komplett als Selbstbau.

Lokale Bautraditionen bildeten die Grundlage für Architektur und Konstruktion des Guga Children’s Theater. (Bild: Wieland Gleich/ARCHIGRAPHY)

Ausgangspunkt für Entwurf und Bau des Theaters war die traditionelle lokale Architektur, deren Material, Bauweise und Klimatisierung. Daher wird der multifunktionale Theaterraum für bis zu 200 Personen durch ein geschlossenes Rechteck aus elf auf Abstand gesetzten, gebrauchten Seefracht-Containern gebildet, welche in Südafrika häufig für Bauaufgaben verwendet werden. Die gesamte Außenhaut der Container bekleideten die Studierenden zur Verbesserung des Raumklimas mit selbst-gefertigten Leichtlehmpaneelen, ebenfalls inspiriert von lokalen Bautraditionen, in diesem Fall der Lehmbauweise.

Gebrauchte Container bilden die Außenwände und nehmen Nebenräume und Zuschauerränge auf. (Bild: Wieland Gleich/ARCHIGRAPHY)

Auch andere Traditionen wie afrikanische Ornamentik und das allgemein übliche Recycling von Materialien für neue Gebäude wurden aufgegriffen, indem die Fassade aus wiederverwendeten Brettern von Obstkisten besteht, die in einem von kongolesischen Textilien inspirierten Muster angeordnet wurden. Das Pultdach dieses «low budget» und «low tech», aber keineswegs «low quality» Gebäudes bauten die Studierenden aus vor Ort leicht verfügbaren und kosteneffektiven Nagelplattenbindern, deren repetitive V-Struktur das markante Erscheinungsbild des Theaters nach Außen stark prägt.

Von Hand gefertigte Leichtlehmpaneele dienen der Bekleidung der Containerwände. (Bild: Wieland Gleich/ARCHIGRAPHY)

Die Video-Dokumentation des Baus zeigt nochmal eindrücklich, dass trotz weniger Mittel mit viel Enthusiasmus, Fachwissen und Improvisation überaus gelungene Architektur entstehen kann. Mittlerweile sind an der RWTH Aachen zwei weitere Design- Build-Projekte entstanden und auch an anderen Hochschulen wie an der TU München oder der Universität Stuttgart wird dieses Konzept erfolgreich angewandt. Umso bedauerlicher ist es, dass Vorschriften, Normen und geringe Risikofreude studentische Selbstbauprojekte und die Beauftragung von Architekturabsolventen mit größeren Bauvorhaben in Deutschland nahezu unmöglich machen.

Carsten Sauerbrei hat Architektur und Architekturvermittlung in Potsdam und Cottbus studiert. Seit 2009 arbeitet er als freier Architekturjournalist und Stadtführer in Berlin und Potsdam. Er ist Inhaber von architekTour B, einer Agentur für Architekturführungen.


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