Naturbaustoffe in der Architektur

Holz, Lehm, Stroh

Hauptbeitrag, 28. Juni 2016
Von: Carsten Sauerbrei

Neubau der «Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe» in Gülzow. (Bild: FNR/M. Nast)

Naturbaustoffe sind längst keine Materialien der «Öko-Architektur» mehr. Der Holzbau erlebt eine wachsende Beachtung, und auch Stroh und Lehm haben den Weg ins zeitgenössische Bauen gefunden. Eine Materialschau zum Stand der Dinge.

Alte Vorurteile halten sich bekanntermaßen am hartnäckigsten. So ist es auch mit dem Bauen mit Naturstoffen. Der Marktanteil von Holzgebäuden am gesamten Bauvolumen nimmt zwar stetig zu, dennoch liegt er bei nur 16 %. Schätzungen für andere Naturbaustoffe, vor allem Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen ergeben 5 %, Lehm ist mit 1 % ein echtes Nischenprodukt. Das verwundert einerseits, denn nachwachsende Rohstoffe benötigen für die Herstellung nicht nur vergleichsweise wenig Energie, sondern sind zudem CO2-Speicher und weitgehend schadstofffrei. Andererseits müssen diese Baustoffe vor allem beim Brandschutz immer noch mit – weitgehend unberechtigten – Vorbehalten kämpfen und können häufig nicht auf standardisierte Normen und Regeln wie synthetische Produkte zurückgreifen.

Urbaner Holzbau
Pionier in Deutschland auf dem Gebiet des innerstädtischen, mehrgeschossigen Holzbaus ist der Berliner Architekt Tom Kaden (Kaden+Lager). 2008 entstand ein erstes, siebengeschossiges Gebäude – damals noch unter dem Büronamen Kaden+Klingbeil. Mittlerweile sind viele weitere Gebäude mit mehr als drei Geschossen entstanden. Und doch hat es der Holzbau trotz aller ökologischen Vorteile immer noch schwer. Auf die Frage nach den Ursachen dafür führt Tom Kaden vor allem die aus überholten Vorurteilen herrührenden Beschränkungen für den Holzbau beim Brandschutz an. So hat lediglich Baden-Württemberg 2015 in der Landesbauordnung das so genannte «Kapselungsgebot», also das Bekleiden der hölzernen Tragkonstruktion mit feuerfesten Materialien, für Gebäude bis zu fünf Geschossen abgeschafft. Für höhere Gebäude und in den restlichen Bundesländern auch für drei- und viergeschossige besteht das Gebot fort, was einerseits zu erheblichen Mehrkosten beim Bau führt und dazu, dass Genehmigungen immer nur im Einzelfall für das jeweilige Projekt erteilt werden. Tom Kaden wünscht sich daher, andere Bundesländer würden ähnliche Regelungen übernehmen und die verschiedenen Standards der gebauten Realität und der Forschung anpassen. Trotz aller Schwierigkeiten plant er gerade ein zehngeschossiges Holzhybridgebäude für das Modellquartier Neckarbogen in Heilbronn, das damit einen neuen, deutschen Höhenrekord im Holzbau markieren wird.

Zehngeschossiges Holzhybridhaus für das Modellquartier Neckarbogen, Heilbronn. (Bild: Kaden +Lager/Stefan Schreck)

Ein Haus der nachwachsenden Rohstoffe
Auch Torsten Gabriel von der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe plädiert für eine Neubewertung der Brandgefahr von nachwachsenden Rohstoffen. Wie beim Holz gäbe es auch für andere Naturbaustoffe, die als normal entflammbar klassifiziert würden, das Kapselungsgebot, was aktuellen Untersuchungen widerspräche. Außerdem sollten bei Energiebilanz und Nachhaltigkeitsbewertung von Gebäuden der Energieeinsatz für die Produktion der Baustoffe einbezogen werden. Dann könnten Naturbaustoffe endlich ihre Vorteile mit ihren geringen CO2-Emmissionen ausspielen. Wie gut sich Naturbaustoffe für ästhetisch und technisch anspruchsvolle Architektur eignen, zeigt das von den Rostocker Architekten von matrix architektur entworfene Bürogebäude der Agentur selbst. Abgesehen vom Tragwerk für das zweigeschossige Bürogebäude in Holzrahmenbauweise mit Zellulose- und Holzfaserdämmung, der Recycling-Fassade aus Eichenholzbohlen und einer Brettstapeldecke wurden Naturbaustoffe auch im Innenraum an vielen Stellen eingesetzt. So erhielten die Brettstapel-Innenwände einen Lehmputz, und im Foyer dient eine bauteilaktivierte Stampflehmwand als thermisches Speicherelement. Mit den Naturbaustoffen erhält die Gebäudearchitektur auch einen sinnlichen Mehrwert – die Fassade, wie auch die Innenräume faszinieren mit ihrer lebendigen Farbigkeit, die Naturmaterialien berührt man gern, Probleme mit in der Raumluft gibt es nicht.

Das Innere der «Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe» dominieren Naturbaustoffe. (Bild: FNR/M. Nast)

Strohgedämmte Passivhäuser
Es fällt auf, dass Stroh als nachwachsender Rohstoff bei dem Gebäude der Fachagentur keine Verwendung fand. Tatsächlich ist dessen Einsatz außerhalb von kleinen Nischenprojekten in Deutschland immer noch selten. Dass es anders geht, beweist die Schweriner Büro Schelfbauhütte. Seit 2013 bauen sie ein altes Brauereigelände in die größte, strohgedämmte Siedlung Deutschlands um. Auf die Frage, warum sie zu diesem konsequenten Einsatz von Stroh als Dämmmaterial gefunden hätten, antwortet der Architekt Holger Diesing: «Das Material wächst ja hier in Mecklenburg-Vorpommern in unmittelbarer Umgebung, ist leicht verfügbar, speichert CO2, dämmt ein Gebäude 100 Jahre und kann danach problemlos kompostiert werden.» Allerdings sei beim Einbau der Ballen eigentlich ein Nachverpressen nötig, was sehr arbeitsaufwändig und daher kostenintensiv sei. Sie hätten daher einen eigenen Halter entwickelt, der es ermögliche, die Ballen direkt und ohne zusätzliche Arbeit an einer Wand zu befestigen. Holger Diesing und seine Kollegen möchten mit ihren Häusern – wie zum Beispiel dem «Ständerhaus» –  Naturbaustoffe «raus aus der Ökonische» bringen. Mit der Gestaltung ihrer Gebäude und dem Passivhausstandard der Gebäudehülle dürfte ihnen das zumindest in Schwerin auch gelingen. Auf die letzte Frage nach eventuellen Problemen mit zu hoher Luftfeuchte, antwortet Holger Diesing, dass alle Gebäude eine dezentrale Lüftung besäßen, damit ein ausreichender Luftwechsel sichergestellt sei.

Strohgedämmtes Bürogebäude «Ständerhaus» in Schwerin. (Bild: Schelfbauhütte)

Strohballen werden mittels eines selbst entwickelten Halters direkt an der Wand montiert. (Bild: Schelfbauhütte)

Low-Tech mit Lehm
Genau diese zunehmende Technisierung von Gebäuden durch Haus- und Klimatechnik kritisiert dagegen Eike Roswag-Klinge, Mitinhaber des Architektur- und Ingenieurbüros Ziegert Roswag Seiler Architekten und Ingenieure. Das Büro setzt lieber auf Low-Tech-Gebäude mit diffusionsoffenen Wandkonstruktionen und wasserdampfaufnahmefähigen Raumoberflächen, die ohne Lüftungsanlagen auskommen können. Beispielhaft verwirklicht haben sie dieses Konzept bei ihrem Ende 2015 abgeschlossenen Projekt Wohnen und Arbeiten in der Torfremise, bei dem eine von Abbruch und Entsorgung bedrohte historische Remise rückgebaut, repariert und anschließend als Wohnhaus und Werkstatt wieder errichtet wurde. Die historische Holzkonstruktion ergänzten die Planer durch eine neue, wärmedämmende Gebäudehülle aus Holz, Holzfaser-Dämmung und Lehm. Dank der diffusionsoffenen Bauweise und der sorptionsfähigen Lehmputz-Oberflächen reicht trotz luftdichter Ausführung der hochgedämmten Gebäudehülle eine manuelle Lüftung aus. Es fehle an Wissen, Forschung und häufig auch noch an Normen und Zulassungen bei Naturbaustoffen, erklärt Roswag-Klinge den geringen Marktanteil von Naturbaustoffen. Daher fordert er eine Förderung des Einsatzes von Naturbaustoffen und mehr Forschung in diesem Bereich. Mit einem eigenen Baustofflabor leistet er schon lange einen Beitrag dazu. Das Büro ist Partner des europäischen Projekts «H-House», das Wandkonstruktionen für ein gesundes Raumklima untersucht.

Die historische Torfremise wurde durch eine neue Gebäudehülle ergänzt. (Bild: Roswag Architekten)

Bei der Torfremise ermöglichen Lehminnenwände und -putze eine natürliche Feuchteregulierung. (Bild: Roswag Architekten)

Zeitgenössische Gestaltung und Naturbaustoffe prägen die Innenräume der Remise. (Bild: Stefanie Heringer)

Diese und andere Projekte aus Holz, Lehm und Stroh beweisen, dass Naturbaustoffe zu Unrecht in der «Ökonische» verharren. Die Aufnahme von Lebenszyklusanalysen in Nachhaltigkeitsbewertungen, wie die der DGNB und nach BNB für Bundesbauten, gibt Hoffnung, dass damit auch in Deutschland die Vorteile von Naturbaustoffen gegenüber etablierten Baumethoden stärker beachtet werden.

Carsten Sauerbrei hat Architektur und Architekturvermittlung in Potsdam und Cottbus studiert. Seit 2009 arbeitet er als freier Architekturjournalist und Stadtführer in Berlin und Potsdam. Er ist Inhaber von architekTour B, einer Agentur für Architekturführungen.


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