Fait accompli

Hauptbeitrag, 22. Februar 2017
Von: Ulf Meyer

Schinkels Bauakademie um 1868, Gemälde von Eduard Gaertner

Die Berliner Bauakademie wird wiederaufgebaut. 62 Millionen Euro stellt der Bund dafür bereit. Was ist mit dem Gebäude und seiner Architektur anzufangen?

Der Bund baut sich eine Hauptstadt. Steuergeld ist derzeit im Überfluss da und so stellt die Bundesrepublik ihre arme Kapitale gerne vor vollendete Tatsachen und finanziert ihr den Wiederaufbau des historischen Zentrums. «K.-u-K.» werden sie genannt, die beiden selbstbewussten Budget-Politiker Johannes Kahrs (SPD) und Rüdiger Kruse (CDU) – die derzeit munter Steuer-Millionen im Dutzend über das historische Berliner Stadtzentrum gießen. Beide Volksvertreter sind Mitglieder im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages und dort zuständig für den Etat der Kulturstaatsministerin – und beide stammen aus Hamburg. Nach dem Flussbad, dem Freiheits- und Einheitsdenkmal und dem Neptunbrunnen wird nun der Bau der einst Schinkel’schen Bauakademie mit dem bundesrepublikanischen Geldsegen überschüttet. Bauherrenschaft und Zweck des Gebäudes sind noch völlig unklar, aber das Geld für die «Hülle» ist bereits da: Der kulturelle Gestaltungswillen der Finanzpolitiker ist so flink – und flüchtig , dass Kritiker von «Demokratiedefizit» und «kurfürstlichem Gebaren» raunen.

Berlin ist eine Touristen-Stadt und eine Architektur-Destination und diese beiden Aspekte treffen beim Bau der Bauakademie aufeinander. Obwohl es mehrere hochkarätige Plan- und Modell-Sammlungen zur Baukunst in Berlin gibt (in der Kunst- und der Staatsbibliothek, in den Sammlungen der TU Berlin, der Akademie der Künste und der Berlinischen Galerie), fehlt der Stadt bisher ein ansehnliches Architekturmuseum. Mit der Bauakademie ergibt sich die Chance, ein «Schaufenster der Baukultur» in der Hauptstadt zu schaffen. Die Architektenkammer Berlin diskutierte Mitte Februar im Rahmen eines «Stadtgesprächs» mit Politikern, Initiativen und Fachleuten. Ob der Bau der Akademie als Rekonstruktion oder als zeitgemäße Interpretation erfolgen soll, ist noch offen. Ein Architekturwettbewerb soll noch dieses Jahr ausgelobt werden, um diese Frage zu klären. Wie die Auslobung formuliert und wie die Jury zusammengesetzt wird, darüber herrscht derzeit in Berlin großes Rätselraten.

Die Friedrichwerdersche Kirche in der Nachbarschaft (Bild: via CC BY-SA 3.0, Wikipedia)

Für den Berliner Architekten Paul Kahlfeldt, Vorstandsmitglied des Vereins «Internationale Bauakademie Berlin», steht fest, dass nur eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion von Schinkels Meisterwerk in Frage kommt. Schließlich hatte Schinkel das Erscheinungsbild der Berliner Stadtmitte hier so entscheidend geprägt wie kein Architekt vor oder nach ihm: Mit Schlossbrücke, Neuer Wache, Altem Museum, Friedrichswerder‘scher Kirche und der wiederaufgebauten Bauakademie wäre die Dichte an Schinkelbauten an diesem Ort, der Schinkel’schen Kupfergraben-Stadtlandschaft, weltweit tatsächlich einmalig. Aber Kritiker wie Gabi Dolff-Bonekämper, Kunsthistorikerin an der Technischen Universität Berlin, sind nicht so vorschnell und wollen der zeitgenössischen Architektur eine Möglichkeit geben, sich zu beweisen. Auch Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie, meint, dass eine Bauakademie «als Heimatmuseum aufgefasst» eine «Attrappe» bleiben würde. Dieser «Akt der Verhübschung» («Unser Dorf soll schöner werden») würde seiner Meinung nach zur «weiteren Polarisierung zwischen ödem Zentrum und Peripherie der Stadt» beitragen.

Hermann Parzinger, dem Präsidenten der «Stiftung Preußischer Kulturbesitz», ist die Frage nach dem «Reko-Stil» oder Moderne angeblich egal. Allerdings müsse – wenn es zu einer Rekonstruktion käme – nach dem Wiederaufbau der Bauakademie «Schluss sein mit den Rekonstruktionen in Berlin». Hans-Dieter Nägelke, Leiter des Architekturmuseums der Technischen Universität Berlin, wittert Morgenluft und möchte gleich seine Mini-Institution zusammen mit der Potsdamer «Stiftung Baukultur» zum Bauherren und Betreiber des Neubaus machen. Damit wäre die Bundeskultur endgültig im Zentrum der Hauptstadt angekommen. Dass die neue Bauakademie – wie einst – Läden wieder im Erdgeschoss bekommt, um den Stadtraum am Friedrichswerder zu beleben, würde unwahrscheinlich. Nägelke sieht sich als legitimen Erben von Schinkel, weil «die heutige Bauakademie am Ernst-Reuter-Platz steht (dem Sitz der TU)».

Bedeutung für den Beruf
Am Berufsstand der Architekten und selbst an der Stadt Berlin geht die Diskussion um die Bauakademie erschreckend weitgehend vorbei. Dabei ist die Bauakademie als Gebäude und als Institution essenziell für die Architektenschaft hierzulande gewesen und könnte es auch wieder werden: Die Bauakademie war nicht nur Schinkels Wohn-, Arbeits- und Todesort, sie war auch der erste Ort in Preußen, an dem Architektur als akademische Disziplin gelehrt und studiert wurde. Schon seit Gründung der Akademie 1799 lag ihr Schwerpunkt auf der Ästhetik. Erst als akademische Studienabschlüsse für Architekten obligatorisch wurden, kam Technikvermittlung hinzu. Es war der Urahn der preußischen Architektur, David Gilly selbst, der vorgeschlagen hatte, aus der Lehranstalt eine «Bauakademie» zu formen, «um so die theoretische und praktische Bildung tüchtiger Feldmesser und Baumeister» zu fördern. Schinkels Bau von 1836 galt als revolutionär und avantgardistisch: Als erstes profanes Ziegelgebäude in Preußen, als selbstbewusster Solitär neben dem Schloss und als streng gerasterter «Industriebau» in Anlehnung an die frühen britischen Geschoß-Fabriken ging er in die Geschichte ein. Der Ziegel «als erstes Fertigteil der Architekturgeschichte» wurde hier wiederentdeckt und hoffähig gemacht.

Für das 1945 ausgebrannte Gebäude wurde noch im «Ersten Aufbauplan für das Zentrum des Neuen Berlins» der Wiederaufbau vorgesehen und 1953 sogar Richtfest gefeiert. Erst der «Ideenwettbewerb zur Sozialistischen Umgestaltung des Stadtzentrums» führte zum Abriss des fast fertig wiederaufgebauten Gebäudes im Jahr 1962. An seiner Stelle wurde das DDR-Außenministerium gebaut, das nach der Wende seinerseits abgerissen wurde. Als Musterfassade steht heute einsam die gemauerte Nord-Ost-Ecke in einem Gerüst mit Planen, das das Volumen des Gebäudes in der Stadt markiert.
Jetzt hat der Bundestag 62 Millionen Euro für den Bau eines «Schinkelforums» freigegeben, das als Veranstaltungs-, Ausstellungs- und Konferenzzentrum dienen soll. Wer es bauen und betreiben soll, sagt der Bund nicht. Wird der «Bauherr Bund in Berlin» der Stadt allein ein «Mahnmal der Schinkel-Liebe» und damit ein Danaer-Geschenk überlassen? Wird die Bauakademie das 7. Museum der Spreeinsel? Wäre ein Wiederaufbau von Schinkels Entwurf eine Verehrung oder eine Inanspruchnahme? Geht es allein um die «Rückkehr des Bildes», eine Art «Trost-Architektur» wie Dolff-Bonekämper es nennt?

Baurechtlich ist eine Voll-Rekonstruktion nicht möglich. Nicht zuletzt deshalb ist das wahrscheinlichste Auskommen der Berliner Querele ein Kompromiss, wie ihn der Bau der ehemaligen Kommandantur als Bertelsmann-Repräsentanz im Jahr 2003 vorgemacht hat. Das muss keine schlechte Nachricht sein, wenn eine «Heimat der Baukultur» entsteht, in der «geforscht, ausgestellt und gelehrt» wird - statt einer reinen «Schinkel-Gedenkstätte». Nach Meinung von Parzinger heißt «Ausstellen heute auch nicht mehr zwingend museale Präsentation». Befürworter sprechen von einem «Wiederaufbau» statt von einer «Rekonstruktion». Auch wenn es gegen alle architektonischen Verfahrensregeln verstößt, erst das Gebäude und dann seinen Inhalt zu bestimmen, ist die Bauakademie ihrem Wesen nach eine weitgehend nutzungsneutrale Hülle. Und für diese Hülle solle man «Schinkels Entwurf nicht vom Wettbewerb ausschließen» – so lautet das Credo von Parzinger. Ob der alte Meister sich im nun schnell auszulobenden Wettbewerb durchsetzen wird, möchte der Bund noch vor der Bundestagswahl ermittelt haben.

Ulf Meyer hat in Berlin und Chicago Architektur studiert. Er arbeitete bei Shigeru Ban Architects in Tokyo und unterrichtete an der Kansas State University, der University of Nebraska-Lincoln und der Tamkang University in Taiwan. Heute lebt und arbeitet Meyer als Architekturjournalist in Berlin.


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