SWR Medienzentrum, Baden Baden

Weitergeschriebener Kontext

Podest, 27. April 2016
Von: Peter Petz

Blick von der Hans-Bredow-Straße

Wurm+Wurm Architekten Ingenieure gewinnen den Wettbewerb um die Erweiterung des SWR Medienzentrums in Baden Baden. Robert Wurm stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.


Peter Petz: Zentral auf dem SWR-Gelände in Baden-Baden soll ein crossmediales Medienzentrum entstehen. Wie haben Sie die Wettbewerbsaufgabe interpretiert?
Robert Wurm: Um die Aufgabe inhaltlich richtig interpretieren zu können, muss man die topographische Ausgangssituation verstehen.
Das Areal des heutigen SWR hat sich über Jahrzehnte an einer sehr schönen Hanglage entwickelt, im Volksmund die «Funkhöhe» genannt, mit Blick auf den Baden-Badener Stadtkessel Richtung Nordosten und südlich direkt an den Stadtwald angrenzend.
Der bauliche Umgebungscharakter ist geprägt von städtisch dichter mehrgeschossiger Wohnbebauung entlang der tiefer gelegenen Fremersbergstraße nordwestlich, bis zu einer sich in Villen im Grünen auflösenden Bebauung an den Hanglagen Richtung Waldrand südlich.
Analog sind die großvolumigen Gebäude des Fernseh-Komplexes tiefer gelegen und die kleinteiligen Gebäude des Hörfunkes wie Pavillons an den oberen Hanglagen verstreut.
So wird die Spartentrennung Hörfunk in die obere Funkhöhe und Fernsehen in die untere Funkhöhe momentan topographisch manifestiert durch einen Geländeversatz, der eine direkte Gebäudeanbindung unmöglich macht.
Dieser steil abschüssige Geländeversatz ist das Baufeld des zukünftigen Medienzentrums.
Die Aufgabe besteht sowohl in der topographischen Anbindung, als auch in der inhaltlichen Verbindung der Sparten Fernsehen, Hörfunk und Internet, die zukünftig medienübergreifend an gemeinsamen Inhalten in gemeinsamen Räumlichkeiten arbeiten.

Hans-Bredow-Straße, Bestand

Wie binden Sie das Gebäude in das Gelände ein und wie verknüpfen Sie es mit den Bestandgebäuden?
Geländeabfangungen, Terrassen, Treppen und Rampen sind die dominanten Architekturelemente des Sockelgeschosses. Sie machen die Hanglage nutzbar und sind für Baden-Baden markant. Um dieses Bauvolumen, welches auch viele technische Funktionsräume enthält, auf dem Baufeld unterzubringen, haben wir das gesamte Hanggelände ausgenutzt. Diese Hangbebauung bildet ein großes Sockelvolumen, welches maßstäblich die Großform der unteren Funkhöhe vermittelnd aufnimmt. Auf diesem Sockel sitzt eine pavillonartige Struktur, die mit der kleinteiligen Struktur der oberen Funkhöhe in Dialog tritt.
Die städtebauliche Gesamtsituation wird nicht nur von den Bestandsgebäuden geprägt, sondern wird sich ganz neu definieren durch die zukünftige Wohnbebauung des sogenannten «Tannenhofareals» auf der anderen Seite der Hans-Bredow-Straße auf einem westlich parallel verlaufenden Grundstück. Dieses Wohngebiet entsteht nach Plänen von Kuehn Malvezzi. Bewusst nimmt die Pavillonstruktur oberhalb des Sockels auf diese Bezug, indem die Gebäudehöhe der einzelnen Pavillons zur Wohnbebauung hin gestaffelt abnimmt.
Die Bestandgebäude sollen außer durch direkte Brückenanbindungen auch über Wegemöglichkeiten in den Außenanlagen mit dem neuen Medienzentrum allseitig vernetzt sein.
Die momentane äußere Erschließung der einzelnen Gebäude ist für die Mitarbeiter unbefriedigend und mit langen Wegen auf dem Areal verbunden und für Besucher verwirrend, da eine zentrale Adresse fehlt. Deshalb wird das zukünftige Foyer an die Hans-Bredow-Straße angebunden sein. Eine große Außenrampe führt von dort zu den Gebäuden der oberen Funköhe. Mehrere direkte Außenzugänge der Pavillons verbinden die Bestandsgebäude der oberen Funkhöhe und das zukünftige Medienzentrum zu einem Campus.

Lageplan

Wie verteilen Sie die Nutzungen?
Die Trennung von Sockel und Pavillonstruktur ist auch eine inhaltliche, funktionale Trennung.
Der Sockel beinhaltet die öffentliche Bereiche und die technischen Funktionsflächen bzw. die Flächen zum Betrieb des Gebäudes. Die aufgesetzte Struktur ist den Bürobereichen vorbehalten.
Der öffentliche Teil des Sockels ist auf zwei Ebenen angelegt. Das Foyer mit Anbindung an die Hans-Bredow-Straße ist nicht nur Empfang, sondern kann auch bei Führungen von Besuchergruppen mittels Sitzstufen als kleines Auditorium genutzt werden und ermöglicht Ausstellungen. Eine Treppe mit großzügigem Luftraum führt in die zweite Ebene zu der Cafeteria, Kantine und den Seminarbereichen. Eine umlaufende überdachte Außenterrasse, die an die Außenrampe angebunden ist, ermöglicht eine Außenbestuhlung und hebt nochmal den öffentlichen Charakter hervor.
Mitarbeiter können über Aufzüge und separate Treppenhäuser vom Foyer in die Bürobereiche. Oder sie können von oben über Außenzugänge auf Campusebene von den höher gelegenen Parkplätzen im oberen Bereich der Funkhöhe zu ihren Arbeitsplätzen.
Die strikte Trennung von den öffentlichen Bereichen und den Arbeitsplätzen ist für einen ungestörten Bürobetrieb bei der hohen Besucherfrequenz eines öffentlichen Senders unerlässlich. Ein offenes Atrium wäre eine permanente Lärmquelle, zumal die Betriebszeiten beider Bereiche unterschiedlich sind.
Die Bürobereiche sind durch pavillonartige Auffächerung entlang des Hangrückens in Flächen von circa 400 Quadratmetern aufgegliedert und frei bespielbar, da die Kernbereiche für Fluchttreppe und Aufzüge und Sanitärbereiche usw. entlang der Haupterschließung an die Außenfassade gerückt wurden.
Tiefe verglaste Fugen ermöglichen Panoramablicke in die Umgebung und belichten die Erschließungszonen. Diese verbinden die Pavillons wie eine innere Mall und bilden entlang dieser die Kommunikationsbereiche wie Markplätze. Im nicht öffentlichen Teil des Sockels liegen die technischen Funktionsflächen sowie die Küche, Lagerflächen et cetera.
Zwischen den Technikbereichen des unteren Sendekomplexes und den Funktionsbereichen des Medienzentrums entsteht ein Anliefer- und Betriebshof, der eine störungsfreie Andienung ermöglicht.

Grundriss Ebene 0

Ansicht Hans-Bredow-Straße, Schnitte

Welche Vorstellung von zeitgemäßen Arbeitsplätzen liegt Ihrem Entwurf zugrunde?
Büros müssen den geänderten Anforderungen der durch neue Technologien und verändertem Medienverhalten geprägten Arbeitsweisen und der immer stärker werdenden Zunahme von Teamarbeit in wechselnden Teams mit wechselnden Inhalten und Themen nachkommen. Offenheit und Vielfalt der Möglichkeiten überlassen es dem Nutzer wo und wie er im Büro arbeitet. Er muss sich selbstbestimmt zwischen Ruhebereichen und Kommunikationsbereichen bewegen können. Dezentrale Netzwerkstrukturen lassen Veränderungen zu. Die an der Fassade liegenden Arbeitsplätze sind ideal für kontemplatives, konzentriertes Arbeiten. Die innenliegenden Marktplätze, die sich entlang der Mall bilden, sind Orte des persönlichen Informationsaustausches, Orte der kreativen Störung. Im Grunde verhält es sich wie im Städtebau. Man schlägt Nutzungen für öffentliche und private Bereiche vor. Man plant mögliche Orte des Zusammenkommens als Vorschlag und erstellt eine Infrastruktur. Konkretere Aussagen sind im Rahmen eines Wettbewerbs nicht möglich. Es liegt an den zukünftigen Nutzern im Zuge der konkreten Büroplanung die Chance zu nutzen.

Grundriss Ebene 2

Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?
Das was in der Architektur als «genius loci» bezeichnet wird ist das Thema.
Die Besonderheit der Topographie und des Ortes in Verbindung mit dem baulichen Kontext zu einem schlüssigen Ensemble zusammenzubringen war die größte Herausforderung. Die Gesamtwirkung des Ensembles steht über einer architektonischen Geste. Dieser Maßanzug, der sich einerseits mit dem Sockel perfekt in den Hang einfügt und anderseits mit seiner Struktur der Bürobereiche den baulichen Kontext weiterschreibt und auf die zukünftige Wohnbebauung angemessen reagiert, ist in seiner Aussage vielschichtig. Weder organisch noch klar architektonisch und deshalb angenehm unrepräsentativ und in seiner Erscheinung leicht und die Baumasse verbergend. In unserer Idealvorstellung der intellektuellen Nutzer in den Redaktionen sind Gesten der Repräsentation nachranging gegenüber der Offenheit einer architektonischen Aussage.
Dieses vielschichtige komplexe Denken und die Fähigkeit auf Widersprüche angemessen zu reagieren ist es, was wir auch von ihrer Arbeit erwarten.

Eingangssituation

Foyer

Detail

Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?
Der Auslober legt Wert auf Nachhaltigkeitskriterien bei der baulichen Umsetzungsplanung. Das Gelände soll seine Differenziertheit von Sockel und leichter Struktur oberhalb des Sockels behalten. Der massive in sich gefaltete Betonsockel wird sich in eine von Glas dominierte Struktur auflösen. Der Besucher soll das Gefühl haben er betritt das Foyer wie eine aus dem Hang herausgearbeitete Höhle. Dieser Eindruck verändert sich in den darüberliegenden Geschossen. Hier dominiert der Blick in die Umgebung und das Gebäude wird luftiger und offener.

Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?
In der Pressemitteilung des Auslobers ist die Fertigstellung in 2021 genannt.

Modell

SWR Medienzentrum, Baden Baden
Beschränkter Wettbewerb

Jury
Wolfgang Riehle, Vors. | Matthias Hein | Prof. Sigurd K. Henne | Marcus Hille | Prof. Peter Krebs | Prof. Dr. Ulrich Pantle | Prof. Dr. Anette Rudolph-Cleff | Christine Wolf | Ivan Adami | Wolfgang Wienk-Bogert

1. Preis
Architekt: Wurm+Wurm Architekten Ingenieure, Bühl

2.Preis
Architekt: JSWD Architekten, Köln
Landschaftsarchitekt: kiparlandschaftsarchitekten, Duisburg, Mailand
Verkehrsplaner: BSV Büro für Stadt- und Verkehrsplanung Dr.-Ing. Reinhold Baier, Aachen

3. Preis
Architekt: Rykart Architekten, Liebefeld
Landschaftsarchitekt: w+s Landschaftsarchitekten BSLA, Solothurn